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»Soll die CD doch abgeschafft werden«

Der Affairs of the Heart-Labelchef Jan Schewe über Vinyl, Selbstausbeutung und elende Klischees

Labelchef Jan Schewe, Foto: Privat Größeres Bild

Das Hamburger Label Affairs of the Heart wird fünf Jahre alt. Um dies gebührend zu feiern, spielen die Bands Unbunny, Flare Acoustic Arts League und Maria Taylor in der Moritzbastei. Der Kreuzer sprach im Vorfeld mit Labelchef Jan Schewe.

kreuzer: Stand das fünfjährige Bestehen des Labels bei der Gründung schon im Geschäftsplan?

JAN SCHEWE: Was für ein Geschäftsplan? Nein, ganz bestimmt nicht. Wenn es einen Geschäftsplan gab, dann den, sich zumindest bis zu einem gewissen Grade die Blauäugigkeit zu bewahren, die Begeisterungsfähigkeit und nicht, wie so viele vor mir, in Zynismus zu verfallen. Ist mir ja prima gelungen.

kreuzer: Wie kam es zur Label-Gründung? Wer verbirgt sich hinter Affairs of the Heart?

SCHEWE: Eigentlich hat mich Dan Kasin, der ehemalige Manager von David Dondero und Two Gallants, dazu gedrängt. Ihn verfluche ich noch heute dafür. Verbergen tut sich hinter Affairs of the Heart nur ich. Ein Einmannbetrieb sozusagen, mit gelegentlicher Aushilfe.

kreuzer: Was ist für so ein kleines Label leichter als für große? Was ist schwerer?

SCHEWE: Ein kleines Label kann allein schon auf Grund seiner überschaubareren Struktur viel schneller auf Marktentwicklungen reagieren, innovative neue Wege einschlagen. Der Multimillionenkonzern hingegen ist um ein Vielfaches behäbiger. Andererseits bleibt für Innovation, kreative neue Ideen und allein die Auseinandersetzung mit den neuesten Errungenschaften nicht immer genug Zeit, deckt das Label doch nur in den seltensten Fällen den Grundbedarf. Oft arbeitet man in vielen Jobs gleichzeitig, um irgendwie über die Runden zu kommen. Die Selbstausbeutung steht dabei so hoch im Kurs wie noch nie.

kreuzer: Was hast du bei Affairs of the Heart gelernt?

SCHEWE: Eine ganze Menge. Nur wie mir das im richtigen Leben weiterhelfen soll, verrate du mir.

kreuzer: An welches Affairs of the Heart-Ereignis erinnerst du dich denn am liebsten?

SCHEWE: Da gibt es viele. Ganz besonders in Erinnerung bleiben werden mir aber die beiden Unbunny-Touren im Mai und November letzten Jahres, bei denen ich Jarid an Gitarre und Bass begleiten durfte. Was für ein elendes Klischee ich doch bin: der gescheiterte Musiker/Labelboss.

kreuzer: Und an welches Ereignis würdest Du Dich lieber nicht erinnern?

SCHEWE: Die Hayden-Tourabsage. Erinnere ich mich wirklich nicht mehr dran. Ehrlich. Keine Ahnung, was da vorgefallen ist.

kreuzer: Welches Album hat sich am besten verkauft?

SCHEWE: Wer das Rennen um den ersten Platz macht, ist schwer zu sagen gerade. Das entscheidet sich, denke ich, zwischen „In Field and Town“ von Hayden und „Overlook“ von Maria Taylor. Wobei ich Maria die größeren Chancen einräume. Spannend.

kreuzer: Und welches hätte sich besser verkaufen sollen?

SCHEWE: Besser? Jedes.

kreuzer: Die sogenannte Musikindustrie jammert seit Jahren über schlechte Absatzzahlen…

SCHEWE: Wir haben aber auch allen Grund zu klagen.

kreuzer: Es kursieren bereits Gerüchte über die Abschaffung der CD. Werden Tim Kasher, Maria Taylor und Unbunny in zwei Jahren noch auf CD herauskommen oder nur als MP3-Release?

SCHEWE: Soll sie doch. Also abgeschafft werden. Mir gleich. Nur wer entscheidet das? Ich bin überzeugt, der Markt selbst. Solange die CD sich verkauft, werde ich auch CDs verkaufen. Ob nun für weitere zwei Jahre oder fünf oder zehn, darüber möchte ich keine Prognosen abgeben. Viel interessanter ist sowieso die Entwicklung im Vinylabsatzmarkt, nämlich aufsteigend. Und darüber bin ich froh.

kreuzer: Was hat sich noch im Musikgeschäft der letzten fünf Jahre verändert?

SCHEWE: Mir kommt es so vor, als ob Künstler, Management, Booking Agenturen und Labels in den letzten Jahren immer enger zusammengerückt sind. Damit einher geht ein größeres Miteinander und Verständnis für die Position des jeweils anderen. Bedauerlich ist die Entwicklung, die die herkömmliche Musikberichterstattung, insbesondere im Bereich Print, genommen hat. Eine solche Gleichschaltung.

kreuzer: Welche Künstler würdest Du im Falle eines Sechsers im Lotto von einem anderen Label abwerben?

SCHEWE: Wilco.

kreuzer: Was steht zukünftig bei Affairs of the Heart an?

SCHEWE: Pause erstmal. Luft schnappen. Zur Ruhe kommen. Was dann kommt, darüber kann ich unmöglich sprechen. Einfach zu früh. Gebe mich gerne geheimnisvoll.

Affairs of the Heart-Labelabend mit Unbunny, Flare Acoustic Arts League, Maria Taylor: 16.1., Moritzbastei

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