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Gangster wider Willen

Mit »Drive« ist Nicolas Winding Refn ein geradliniger und gelungener Actionfilm gelungen

Ryan Gosling als Autofahrer Größeres Bild

Hollywood-Star Ryan Gosling (»The Ides of March«) spielt in Drive einen smarten Fahrer, der in Minutenschnelle Gauner in Sicherheit bringt, dabei aber die Ruhe behält.

Selten hat eine Flucht im Kino derart elegant ausgesehen. Als die maskierten Räuber ins Auto eingestiegen sind, fährt der Fahrer nicht mit quietschenden Reifen, sondern im Modus kontrollierter Beschleunigung davon. Zügig aber unauffällig bewegt sich der Wagen durch den nächtlichen Stadtverkehr von Los Angeles. Im Radio läuft die Übertragung eines Baseballspiels und am Lenkrad tickt die Armbanduhr. Immer nur fünf Minuten veranschlagt Driver (Ryan Gosling), um seine Kundschaft in Sicherheit zu bringen. Als die Polizei auf den Fluchtwagen aufmerksam wird, startet er durch, schneidet, bremst, biegt unvermittelt ab, wartet im Sichtschutz einer Unterführung bis der Hubschrauber ihn aus den Augen verloren hat und schafft es auf die Sekunde genau in die Tiefgarage des Stadions, wo gerade das Baseballspiel zu Ende gegangen ist und die Flüchtenden unerkannt in der Menschenmenge verschwinden können.

In der grandios komponierten Eingangsequenz von Nicolas Winding Refns »Drive« verbinden sich Rasanz und Kalkül zu einem filmischen Augenschmaus besonderer Güte. Sie zeigt einen Mann, der über sein Auto wie sein Leben die volle Kontrolle hat, die im Verlauf des Filmes allerdings sukzessiv entgleiten wird. Wenn Driver kein Fluchtfahrzeug steuert, arbeitet er in einer Autowerkstatt oder als Stuntfahrer in Hollywood. Als in die Wohnung nebenan Irene (Carey Mulligan) einzieht, entwickelt sich zwischen ihm und der alleinerziehenden Mutter eine sich langsam vortastende Liebe. Aber Irene ist verheiratet und ihr Mann sitzt im Gefängnis. Nach dessen vorzeitiger Entlassung zieht sich Driver aus der Beziehung zurück, wird jedoch durch Irenes Mann in einen Überfall verwickelt, der im Desaster endet und ihn zur Zielscheibe der Mobster macht.

Souverän entwickelt Regisseur Refn aus der klassischen Geschichte des Gangsters wider Willen einen stilvollen Genrethriller, der ein sicheres Gespür für den Umgang mit wechselnden Erzählgeschwindigkeiten und in seiner visuellen Auflösung eine cineastische Eleganz aufweist, wie man sie im Actionkino schon lange nicht mehr gesehen hat. Nahtlos verschmilzt Ryan Goslings ebenso präzises wie geschmeidiges Spiel mit dem ästhetischen Kalkül des Films. In den kurzen, aber heftigen Gewaltausbrüchen am Ende verzichtet der Film allerdings auf beschönigende Stilisierungen und zeigt Gewalt als das, was sie ist: eine rohe und widerliche Angelegenheit. Darauf sollte man vorbereitet sein, aber das gehört zwingend zum Konzept dieses geradlinigen und herausragenden Actionfilmes, der schon jetzt als Genreklassiker einsortiert werden darf.

ab 26.1., Cinestar

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