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Lass gucken, Künstler!

Der HGB-Rundgang als Tour de force

Nett anzusehen: Luftige Übersetzungshilfe Größeres Bild

Liquid Art: Wieder lädt ein HGB-Rundgang zur kunstakademischen Umschau. Viele Zeichen scheinen dieses Mal auf Transparenz und Sichtbarmachung zu stehen. Na dann, lasst mal gucken, Künstler!

Die Hochschule für Grafik- und Buchkunst muss in großem Umfang transparente Plastikplane gekauft haben, wie schon ein Zelt im Eingangsbereich dem hier schreibenden Besucher verrät. Die einfache Konstruktion, als Gehäuse für jedermann beworben, gewährt so gar keinen Blickschutz und scheint wie gemacht für eine Zeit, in der Transparenz zum ultimativen Grundprinzip von allem und nichts erklärt wird. Das durchsichtige Material wurde auch an anderen Orten in der Hochschule verbaut, etwa als Raumteiler, Vorhänge und eine Art Schleuse oder Labyrinth.

Studium als kreative Wackelparty

Hoch oben im Lichthof baumelt eine wacklige Hängebrücke. Nett anzusehen ist diese luftige Übersetzungshilfe, hätte die Künstlerin nicht damit begonnen, ihre Idee hinter dem installierten Stück Medienkunst zu erklären. Sinnbild solle der schmale Steg aus Seilen und Brettern sein für das Dasein der HGB-Studierenden. Auf unsicherem Grund wandelten diese während ihrer Ausbildung, überhaupt sei das ganze Studium eine kreative Wackelparty. »Es sind eben noch Studierende«, meldet sich die milde Stimme im Autoren-Dividuum. Bei allem Rummel um HGB und »Leipziger Schule« darf man das eben nicht vergessen. Die Kunsthochschule ist ein Ort der Ausbildung und des Ausprobierens – notwendiges Straucheln und Scheitern inklusive – ein teilweise wenigstens geschützter Raum, selbst wenn sich die HGB den Besuchern öffnet. Darauf weist auch Rektorin Ana Dimke in den wenigen Worten hin, die mich beim Durchstreifen der Hallen erreichen. Man sei eben weder Galerie, noch Museum, arbeite nach anderen Gesetzen. Dass die Marktförmigkeit aber anhaltend die Hochschulen bedrohen, zeigt die Kollektivarbeit »Hausmesse: Vision 2020«. Die Mischung aus Messestand-Installation und Performance nimmt den unsäglichen Hochschulentwicklungsplan Sachsens mit seinen Forderungen nach gesteigerter Drittmitteleinwerbung die konzentrierte Aufteilung des Freistaats in »Wissensräume« – eine hübsche Formulierung für Stellen- und Mittelkürzung – zum Anlass für Innovationsschübe an der HGB. So soll eine hochkarätige Wellness-Oase unterm Dach einziehen und Räume lukrativ vermietet werden: »from culture to real estate«. Eine Agentur bemüht sich um die Vermittlung von kritischen Künstlern an kapitale Geldgeber, die sich eben gern mit stichelnder Kunst schmücken möchten. Voll schreiender Ironie drückt sich hier ein Unbehagen an den Zumutungen aus, denen die Hochschulen ausgesetzt sind. Haltung ist alles: Auch wenn man nichts ändern kann, so wird man es doch wenigstens thematisieren dürfen.

Publikum als Kurator

Den Prozess zwischen Kunst-Schöpfen und Grafik-Designen, Galerie- sowie Ausstellungswesen und der Kunstkritik bzw. dem Betrachterkommentar versucht »Work, Work, Work / (Pub, Club, Sleep)« in drei – transparent voneinander abgetrennten – Arealen plastisch zu machen. Die Performance lief etwas schleppend an, so dass sich der spätere Besucher sicherlich ein besseres Urteil davon bilden kann. Warum soll das Publikum nicht gleich selbst zum Kurator werden, fragte sich die Fotografie-Fachklasse von Heidi Specker. Ihre »Aufstellung 1.0« wurde von Studierenden des Studiengangs »Kulturen des Kuratorischen« als Stelenarrangement in Anlehnung an die psychodramatische Familienaufstellung aufgebaut. Auf jedem der Podeste thronte ein Abreißblock mit je einer fotografischen Arbeit: Der Zuschauer kann sich davon ein Exemplar mitnehmen und sie in einer eigens dafür ausgegebenen Mappe selbst in Beziehung setzen. Dieses einfallsreiche Vorgehen macht spielerisch die Schwierigkeiten sichtbar, eigenständige Arbeiten in einem Gesamtzusammenhang namens Ausstellung zu einer Komposition zu verbinden. Künstlerische Anordnungen erkennbar macht auch die materialreiche Ausstellung des Partituren-Workshops etwa in der Vertonung eines Strickpullimusters, der Visualisierung von weißem Rauschen mittels Wolkenbild und einer Lochsirene, die Oktavensprünge mit Kepplers Planetenharmonie verbindet. Sie können an dieser Stellen ebenso nur genannt und empfohlen werden wie das interaktive Spiel »Another Grey«: Man steuert einen Zeppelin durch apokalyptische Welten und wenn man ein grünes, blaues oder rotes Objekt einfängt, nehmen die Pixel mehr der jeweiligen Färbung an.

Luft zum Atmen

Vielleicht ist es ganz gut, dass die Karawane der Kunstwelt weitergezogen ist und die HGB nicht mehr so extrem im Fokus steht wie vor einigen Jahren. Man sieht sie zwar noch vereinzelt, die Neo-Rauch-Imitationen, aber man spürt, dass die Studierenden Luft zum Atmen bekommen haben. In der Malerei etwa ist bei der Klasse von Heribert C. Ottersbach die intensive Beschäftigung mit Material und Strukturen zu erkunden, aus Neo Rauchs Meisterklasse sticht besonders Sebastian Burger heraus: Seine akkuraten Kleinformate in Blass und Grau scheinen in ihrer seriellen Anordnung eine Geschichte zu erzählen, vom unsicheren Aufbruch in der Moderne bis zur Auflösung des Menschen im Posthumanismus. Vielleicht ist das aber ein bisschen viel Hineininterpretation des nach einer Tour de force verwirrten Autoren. Der Druck jedenfalls scheint für die Studierenden gesunken zu sein, so sieht sich der diesjährige HGB-Rundgang wenigstens an. So werde ich dieses Mal auch nicht mit postmodernen Theoremen von Menschen zugequarkt, die diese ohnehin nicht verstanden haben; Fremdschämen perdu. Ohne Buzzwort-Bohei kommt man doch offensichtlich auch gut aus und kann Foucault, Rancière & Co. anderen oder der Privatlektüre überlassen.

HGB-Rundgang, 10.-12., 11-22.00 Uhr, Hochschule für Grafik und Buchkunst, http://www.hgb-leipzig.de

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Dein Kommentar

6 Kommentare

  1. M | 10. Februar 2012 | um 16:49 Uhr

    Der erste Satz lässt bereits das Ausmaß an nicht-Auseinandersetzung des Autors erahnen. Es gibt nicht „Die Hochschule“, vielmehr arbeiten Einzelne mit dem Material „Plastikplane“. „muss in großem Umfang […] gekauft haben“, was soll uns das nur sagen? Zu welcher Interpretation soll der Leser verleitet werden? „hätte die Künstlerin nicht damit begonnen…“ – wirklich sehr diplomatisch, weiter so. „Es sind eben noch Studierende“ – Ja richtig, wo hält sich nur der journalistische Mehrwert versteckt? „Die Kunsthochschule ist ein Ort der Ausbildung und des Ausprobierens“ – wenn man jedes mal in den letzten paar Jahren, als man sich diesen unsäglichen Satz anhören musste einen Cent bekäme, wären wir alle heute reich. „Auch wenn man nichts ändern kann“ – in dem selben Federzug, wie Sie diesen Satz niederschreiben, zementieren Sie gerade die Verhältnisse. „Der Druck jedenfalls scheint für die Studierenden gesunken zu sein“ – Welcher Druck?, Von wem ausgehend? Wie machen Sie Anhand der wohlmöglich sekunden-dauernden Rezeption der Werke ein ansteigen/absinken eines ominösen Druckzustandes aus? So flach wie er begann, so sehr wird der Verdacht bestätigt, der Text sei eine geneigte Ebene und endet nun im Minusbereich. Welche Lektüre eines Studenten/Künstlers ist denn bitte keine Privatlektüre bzw. „What?!“

  2. Tom | 10. Februar 2012 | um 17:04 Uhr

    schnappatmend… schleicht sich das kleine andere um den sinn. das stimmt; die beschreibung kommt ohne worte aus. der buzz steckt im objekt. ist die steigerung über-flüssig? ist kalte klare transparenz vielleicht nichts?

    die zeichen zeigen nichts und machen leere erlebbar: maximale klarheit? oder ist das, was uns durchscheinend erscheinen soll, der schein von licht? vernebelt.

    ein plan mit verstörendem ziel wäre mir hier lieber gewesen, als störung durch plane. erkenntnis: ich habe die simulation von kunst betrachtet. ganz untheoretisch.

  3. M | 10. Februar 2012 | um 17:06 Uhr

    Nachtrag: Am Ende disqualifizieren Sie sich sogar selbst, indem Sie das Bedürfnis hatten und einen Weg fanden nun doch noch Rancière mit einzubauen, obwohl er leider im Hause selber nicht erwähnt wurde (wie schade). Die Zeiten genialistischer (Kunst)Handwerker sind längst vorbei, und somit eine theoretische Ausbildung unverzichtbar und auch notwendig, um das Mantra des „Künstlerphilosophen“ auch nur ansatzweise mit Inhalt füllen zu können.

  4. Adelina Horn | 6. März 2012 | um 10:08 Uhr

    oh, da ist irgendwas schief gelaufen beim 1. Absenden. 2. Versuch:

    Mir hat der diesjährige HGB Rundgang wieder sehr gut gefallen. Besonders genieße ich jedes Jahr dieses wunderbar wilde, lockere studentische Miteinander insbesondere am Eröffnungsabend. auch wenn mir dieses Jahr nicht ganz so viel Zeit blieb wie in den vergangenen Jahren hier auch ein paar meiner Impressionen: http://www.leipzig-leben.de/hgb-rundgang-leipzig/ Ansonsten bleibt mir nur, mich auf das nächste Jahr zu freuen :)