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Altpubertierende statt Glücksgefühle

Statt auf die Neustarts sollte man sich diese Woche aufs Repertoire konzentrieren

»Abendland« Größeres Bild

Die Kinostarts dieser Woche sind eher belanglos. Dorris Dörie erzeugt mit ihrem Sozialdrama »Glück« ein äußerst unglückseliges Gefühl. »Ghost Rider – Spirit of Vengeance« ist etwas für eingefleischte Nicolas Cage-Fans und Billige Action-Süchtige (CineStar, Regina-Palast). Mittelmaß bringen der Actionthriller »Safe House« (CineStar) und der Dokumentarfilm »Abendland « auf die Leinwände. Einzig der neue Film der »Juno«-Macher Jason Reitmann und Diablo Cody, »Young Adult« über die 37jährige Mavis, die noch immer in den Erinnerungen an ihre High School-Tage feststeckt, blitzt diese Woche aus den Neustarts hervor.

Oktoberfest in Deutschland, Telefonseelsorge in Holland, Newsroom in England – der österreichische Filmemacher Nikolaus Geyrhalter nimmt den Begriff »Abendland« beim Wort und wagt in dem gleichnamigen Dokumentarfilm eine Zustandsbeschreibung der europäischen Kultur. Dabei spannt Geyrhalter einen Bogen von den Überwachungskameras am Grenzübergang über ein Postverteilerzentrum bis hin zu den alltäglichen Arbeitsabläufen in einem Krematorium. »Abendland« ist ab heute in der Schaubühne Lindenfels zu sehen.

Der neue Film von Dorris Dörrie beginnt mit einer Rückblende: Irinas Familie (Alba Rohrwacher) wird von Soldaten überfallen. Die Eltern werden getötet, die Tochter flüchtet. Kurze Zeit später wandelt die junge Frau mit blonder Perücke und Fellweste durch die Straßen von Berlin. Hier hat sie Zuflucht gefunden und verdingt sich als Prostituierte. Auf der Straße lernt sie den obdachlosen Punk Kalle (Vinzenz Kiefer) kennen. Die beiden verlieben sich und beginnen, sich ein neues Leben aufzubauen. Als eines Tages ein Freier tot in der gemeinsamen Wohnung zusammenbricht, flüchtet Irina in Panik. Als Vorlage diente Dörrie die Kurzgeschichte »Glück« von Ferdinand von Schirach, der in seinem Erzählband »Verbrechen« aus der Anwaltsperspektive hinter die menschlichen Motive krimineller Delikte schaut. Abgesehen von der italienischen Schauspielerin Alba Rohrwacher (»Die Einsamkeit der Primzahlen« und »Was will ich mehr«), die Schmerz und Lebensmut glaubhaft in ihrer Figur vereint, hat Dorris Dörrie mit ihrem neuen Film »Glück« einfach zu viel gewollt. Zu aufdringlich und wenig glaubhaft kommt ihre Geschichte über das neugewonnene Glück einer jungen Prostituierten und dem obdachlosen Punk daher. »Glück« startet heute in den Passage Kinos.

Das Cineding zeigt den sensiblen und bildstarken Dokumentarfilm »Der Traum lebt mein Leben zu Ende« über eine der bedeutendsten Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts: Rosa Ausländer. Das Leben der deutschsprachigen Jüdin glich einem Alptraum. Die aus der heute ukrainischen Bukowina stammende Schriftstellerin wurde vom sowjetischen Geheimdienst weggesperrt und von den Nationalsozialisten unterdrückt. Über New York und andere Zwischenstationen landete sie letztlich in Düsseldorf. Die Filmemacher und Grimme-Preisträger Katharina und Dietrich Schubert reisten für ihren Film zu allen wesentlichen Lebensstationen der Protagonistin.

Unser Autor Martin Schwickert hat sich das Highlight dieser Kinowoche für uns angesehen: Jason Reitmanns tragikomische Milieustudie »Young Adult«.
Kleine Empfehlung zum mauen Kinodonnerstag: Werfen Sie einen Blick ins Repertoire!

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