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»Keiner sagt: Es müssten mehr Arme ins Waldstraßenviertel«

Der Stadtsoziologe Matthias Bernt über Mieterhöhungen, Verdrängung und die Pioniere der Gentrifizierung

Stadthäuser in Connewitz, Foto: Ludwig Ander-Donath Größeres Bild

Seit Jahren forscht Matthias Bernt über Veränderungen im Stadtraum, auch am Helmholtz-Zentrum in Leipzig. Für die Märzausgabe des kreuzer haben wir mit ihm über Gentrifitizierung gesprochen. Hier das ungekürzte Interview.

kreuzer: Kann man in Leipzig Gentrifizierung tatsächlich mit Zahlen nachweisen oder ist das eher eine gefühlte Veränderung?

MATTHIAS BERNT: Gentrifizierung ist schwer festzustellen. Zum einen finden Veränderungen häufig sehr kleinräumig statt, so dass die Daten dafür fehlen. Zum anderen ist Gentrifizierung ein langwieriger Prozess, deswegen ist es schwierig, sofort zu sagen, ob er stattfindet. Es gibt aber Makroentwicklungen, die den Gentrifizierungsverdacht für Leipzig relevanter werden lassen.

kreuzer: Welche sind das?

BERNT: Anders als vor zehn Jahren wächst in Leipzig inzwischen die Bevölkerung, vor allem durch den Zuzug von Leuten im Ausbildungsalter und jungen Erwachsenen kurz nach dem Studium. Die sind zwar nicht besonders reich, haben aber einen Innenstadt-affinen Lebensstil und ein höheres Einkommen, als die große Gruppe an Einkommensschwachen und Langzeitarbeitslosen. In Leipzig ist eine große Gruppe der Bevölkerung so arm und so vulnerabel gegen Mietsteigerungen, dass bereits ein leichter Zuwachs an Mietzahlungsfähigkeit ein Problem darstellen kann. Gleichzeitig sind wachsende Bestände an professionelle Immobilien-Verwerter gegangen. Der Vermieter ist nicht mehr der Fleischer aus Espenhain oder der Erbe, der das Haus irgendwie über die DDR gerettet hat, sondern ein Profi, der größtmögliche Rendite will.

kreuzer: Was sind die sozialen Folgen dieser Entwicklung?

BERNT: Wenn man die Wohnungen auf dem Markt mit den Kosten der Unterkunft für Hartz-IV-Empfänger vergleicht, dann stellt man fest, dass weite Teile der Leipziger Innenstadt, des Südens oder von Gohlis für diese Bevölkerungsgruppe kaum noch zugänglich sind. Sie werden in die nächst günstigeren Stadtteile gedrängt. Eine Aufwertung an einer Stelle beschleunigt die Konzentration von Armut an einer anderen.

Matthias Bernt

Matthias Bernt

kreuzer: Was spielt außer der Erhöhung von Mietpreisen noch eine Rolle bei dem Problem?

BERNT: Gentrifizierung ist ein Prozess auf drei Ebenen: Bevölkerungswandel, Aufwertung der Bausubstanz gekoppelt mit Mieterhöhungen, sowie der kulturelle Wandel, also die Veränderung der Atmosphäre eines durchschnittlichen oder ärmeren Stadtteils hin zu einem Viertel mit Attributen wie Szene- oder Künstlerviertel. Das kann man oft am Wandel der Ladeninfrastruktur sehen: Weg von der Eckkneipe hin zur Szenebar, zu Biomärkten und Boutiquen.

kreuzer: Werden Szeneviertel eher gentrifiziert oder beschwert sich die Szene nur lautstärker?

BERNT: In der klassischen Gentrification-Literatur nahm man an, dass die Szene der Vorreiter für die Gentrifizierung ist. Man nannte diese Gruppe Pioniere: Künstler und Szene-Leute, die in ein unerschlossenes Viertel gehen, es dadurch interessant machen und so für den Immobilienmarkt aufwerten. Dieses Modell ist mittlerweile tot. Man kann so einen Zusammenhang nur schwer feststellen.

kreuzer: Lässt es sich abschätzen, welche Viertel in Zukunft gentrifiziert werden und welche nicht?

BERNT: Man kann nicht sagen: Wenn das und das zusammenkommt, gibt es an diesem Ort mit Sicherheit Gentrifizierung. Dazu sind städtische Veränderungen viel zu komplex. Man kann aber sagen, dass es Veränderungen gibt, die Gentrifizierung für Leipzig zusehends relevant machen.

kreuzer: Gentrifizierung scheint ein ganz normaler Prozess basierend auf Angebot und Nachfrage zu sein. Impliziert die Kritik daran gleichzeitig Kritik am Kapitalismus?

BERNT: Ja und Nein. Natürlich hat Gentrifizierung mit einem kapitalistischem Wohnungsmarkt zu tun, aber das heißt noch lange nicht, dass jeder, der Gentrifizierung diskutiert und Maßnahmen dagegen ergreift, gleich das System abschaffen möchte. Städte wie München, deren Stadtverwaltung sich nicht aus anti-kapitalistschen Autonomen zusammensetzt, betreiben durchaus eine anti-gentrifizierende Politik, etwa durch die Festlegung von umfangreichen Milieuschutzgebieten.

kreuzer: Stichwort Milieuschutzgebiet: Was für Maßnahmen kann die Stadt ergreifen?

BERNT: Einerseits muss die Stadt in allen Lagen Eigentum behalten, um damit Einfluss auf die Mietpreise zu nehmen. Leipzig verfügt durch die LWB über einen beträchtlichen Teil des Wohnungsbestandes. Wenn aber die Stadt Immobilien in der Innenstadt verkauft – wie in der Windmühlenstraße geschehen – und nur die in schlechter Lage behält, gibt sie ihre Instrumente aus der Hand, um auch in der Innenstadt die Mieterzusammensetzung steuern zu können. Andererseits braucht man städtebaurechtliche Instrumente wie die Milieuschutz-Satzung: Das heißt, dass in einem ausgewiesenen Gebiet Baumaßnahmen durch den Eigentümer erst bewilligt werden müssen. Aber nur dann, wenn dabei keine Mieter verdrängt werden und die Miete bezahlbar bleibt.

kreuzer: Besonders in Connewitz hatte sich die Debatte an den Stadthäusern entzündet, die auf Brachen entstanden sind. Wer wurde denn da verdrängt?

BERNT: Ich habe den Eindruck, dass es sich dabei um Protest gegen die gefühlten und sichtbaren Veränderungen dieser Gebiete aus Angst vor einer möglichen Gentrifizierung handelt.

kreuzer: Eines der Ziele von Stadtplanung ist es, die Bevölkerungsstruktur in den Vierteln durchmischt zu halten. Heißt das im Umkehrschluss, wir müssen einander einfach aushalten?

BERNT: Absolut. Wenn man in Deutschland über soziale Mischung redet, geht es in 90 Prozent der Fälle darum, dass man will, dass Besserverdienende in ärmere Quartiere ziehen. Ich habe aber noch in keiner Diskussion gehört: Ist ja schrecklich, im Waldstraßenviertel weicht die Bevölkerung so vom Durchschnitt ab, dass wir da auf jeden Fall ein paar Arme hin kriegen müssen. Wenn man eine soziale Mischung will, müssen sich auch verschiedene Bevölkerungsgruppen aushalten. Genau diese Toleranz macht ja eine Großstadt aus. In der Realität bieten sich Besserverdienenden mehr Möglichkeiten auszuweichen als ärmeren Haushalte. Deswegen gibt es da auch ganz andere Formen von Protest.

Diskussionsreihe: Recht auf Stadt, Teil 1: Platz für alle? Der öffentliche Raum. 22.3., 19 Uhr, GfZK

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3 Kommentare

  1. no | 31. März 2012 | um 10:58 Uhr

    Ja, super wenn die Harz IV Assi’s einziehen… passiert im Haus meiner Fruendin. Die netten nachbaren haben den ganzen Tag frei um auf’s Balkon zu rauchen…. und sind noch munter Abends fuer eine Mittwochparty.

    Mann arbeitet hart um diese Menchen nicht begegnen zu mussen. Reicht schon, die Penner am Bahnhof zu sehen. Sie sollen doch (mit meinem geklauten Fahrrad, vieleicht) im Anger Krottendorf bleiben/wohnen/suafen/klauen/abzocken.

  2. Weatherman | 31. März 2012 | um 20:13 Uhr

    Und wie wäre es, wenn Sie, lieber „no“, erstmal die dt. Rechtschreibung beherrschen lernen?
    Beispiele…
    Es heißt Hartz, nicht Harz
    Freundin, Nachbarn, auf dem (nicht auf’s), man statt Mann, Menschen statt Menchen, vielleicht statt vieleicht, Anger-Crottendorf, saufen, usw.

    herrje, ich glaube kaum, dass diese vielen Fehler an T9 liegen.

    Und zum Thema: es gibt auch genug Leute, die arbeiten und trotzdem mitten in der Woche bis tief in die Nacht Krach machen ,saufen, rauchen … erlebe es täglich in der unmittelbaren Nachbarschaft. Denn auch genug Menschen, denen wenig Intelligenz gegeben ist, gehen arbeiten, haben aber keinerlei Anstand oder Rücksichtnahme in Bezug auf Nachbarschaften. So viel dazu.

  3. Kathrin | 13. April 2012 | um 10:55 Uhr

    Hartz IV Assi`s und ich lese wohl nicht recht. In der Falle sitzt am ehesten der, der hier lauthals tönt…und wenn schon, heißt das ja wohl kaum, man sei der schlechterer oder krawallanzettelnde Nachbar. Wir leben in einer Gesellschaft, in der es sicher genügend Menschen gibt, die sich versorgen lassen und eingerichtet haben. A ndererseits jedoch auch nicht für alle die Arbeit reicht. Mir reicht es, wenn ich solch eine menschenverachtende Meinung lese und wünsche dem Schreiberling nicht in eine derartige Situation zu gelangen…der würde sich vermutlich den Strick nehmen oder eben lauthals Mittwochsparty`s abhalten.