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Medizin für die Revolution

Wie aus Leipzig die Aufstände in Syrien unterstützt werden, Teil 1

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In Syrien ist Krieg und Leipzig mischt sich ein: Der syrische Wissenschaftler Ahmad Al-Hamawi schickt Medikamente und Geld aus Leipzig in sein Heimatland.

Ahmad Al-Hamawi* spricht langsam und mit ruhiger Stimme. Er erzählt über die Verschleppung seines Onkels und die Festnahme seines Bruders. Seine Familie hat der 34-jährige Syrer seit einer Woche nicht mehr gehört, da die Telefonverbindungen in Hama, seinem Geburtsort, gekappt wurden. Al-Hamawi hat sich in Leipzig ein neues Leben aufgebaut.

Seit acht Jahren lebt er hier mit seiner Frau und seinen Kindern und arbeitet als Wissenschaftler an der Uni Leipzig. Ein Jahr war er nun nicht mehr zu Hause. Die anhaltenden Proteste und das brutale Durchgreifen der Miliz gegen die Zivilbevölkerung in Syrien machen die Reise unmöglich. Von hier aus engagiert er sich in dem Verein »Leipzig Koordination« für die Menschen in seiner Heimat. Den Verein stemmen hauptsächlich syrische Ärzte aus der Mittelschicht, die Proteste und Demonstrationen gegen das Regime von Baschar al-Assad organisieren und Videos von syrischen Protestierenden ins Netz stellen.

»Wir fühlen uns schuldig, dass wir es so viel besser haben, und wollen unseren Familien helfen. Aus dieser Motivation heraus hat sich der Verein gegründet«, sagt Al-Hamawi. Die Schuldgefühle haben einen hohen Preis. Syrische Spione, die in Deutschland leben, beobachten mehrere Protestorganisationen und bedrohen die Familien der Aktivisten.

Geheime Operationen

Von seinem Engagement weiß Al-Hamawis Familie nichts. Aus Angst vor Spitzeln werde in Telefongesprächen nicht über Politik diskutiert, erklärt der Mediziner. Das Haus seiner Eltern in Hama wurde schon zwei Mal von der Miliz überfallen. »Sie suchten nach Laptops und Dokumenten, aber sie konnten nichts finden, weil es nichts zu finden gab.« Sein Bruder wurde bereits zwei Mal verhaftet, gefoltert und wieder freigelassen. Al-Hamawis Onkel wurde vor ein paar Monaten verschleppt. Keiner weiß, was mit ihm passiert ist.

Hama ist die Stadt, die neben Homs am meisten von den Kämpfen betroffen ist. »In Hama herrscht Ausnahmezustand«, sagt Al-Hamawi. Ärzte müssen heimlich in ihren Häusern Patienten behandeln, da ihnen Folter oder Tod drohen, wenn sie Freiheitskämpfern helfen. Oft fehle es aber an medizinischer Ausrüstung, sagt der Syrer, und genau hier setze der Verein an. »Wir versuchen medizinische Versorgungsmittel über die türkische oder die libanesische Grenze nach Syrien zu schmuggeln.« Die Vereinsmitglieder halten Kontakt zu den Medizinern vor Ort und haben eine Spendenaktion eingeleitet.

Al-Hamawis Leben abseits der Bewegung sieht anders aus: Er hat sein zweites Doktoratstudium absolviert. In wenigen Monaten steht ihm die Verteidigung seiner Dissertation bevor. »Ich bin ein bisschen nervös«, sagt er und reibt sich die Hände. Erst da wird das dünne Armband mit den Farben der syrischen Unabhängigkeitsflagge auf seiner linken Hand sichtbar und der Mann im schicken violetten Hemd bekommt eine Identität. Ein Zeichen der Solidarisierung, das ihn sogar in Deutschland in Gefahr bringen könnte.

* Name von der Redaktion geändert

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