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Handbuch für das Schwarmgefühl

»Zustand und Zukunft kreativer Arbeit in Leipzig« zum Nachlesen

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Eine Reihe von Podiumsdiskussionen hat im vorigen Jahr die hiesige Kreativwirtschaft kartografiert. Jetzt beschreibt ein Buch »Zustand und Zukunft kreativer Arbeit in Leipzig«.

Wer in die Leipziger Werbebranche eintaucht, trifft auf einen »großen Schwarm von kleinen Fischen«. Das sagt zumindest der Chef einer hiesigen Agentur – und meint damit all die Selbstständigen, Freiberufler und Büros, die den Markt mit Ideen versorgen. Sie sind viele, sie sind vielseitig und flink. Doch für die ganz großen Aufträge reicht ihre Kraft nicht, ihr Revier ist die Region. Sie sind, in aller Regel, kleine Fische.

Lobbyarbeit für die Kreativen

Der Befund gilt so oder ähnlich für die Leipziger Kreativwirtschaft insgesamt. Die Kleinteiligkeit mag ein flexibles Agieren ermöglichen und andere Vorzüge haben, macht es aber schwierig, von Politikern und Geldgebern ernstgenommen zu werden. Der Verein Kreatives Leipzig betreibt deshalb Lobbyarbeit für die Schauspieler und Designer dieser Stadt, für Autoren und Filmemacher, Architekten, Musiker, Software-Entwickler und andere. Mit einer Reihe von Podiumsdiskussionen hat er die unterschiedlichen Branchen im vorigen Jahr gewürdigt.

Nun ist ein gut gestaltetes Buch erschienen, das die wichtigsten Erkenntnisse aus den Diskussionen zusammenfasst und mit Kurzinterviews und Fotografien anreichert. Diese zeigen die Geburtsorte der Kreativprodukte, und das sind vor allem pragmatisch eingerichtete Büros. Jede der zwölf Branchen wird von einem anderen Autoren vorgestellt: Sie orientieren sich an den Diskussionsabenden, breiten eigene Erfahrungen und Daten aus, reflektieren. Sie erzählen von Lust und Last derjenigen, die mit künstlerisch-intellektuellen Erzeugnissen ihren Lebensunterhalt verdienen. Manche subjektiv, andere nüchtern. Mal mehr, mal weniger gelungen. Insgesamt ist diese kompakte Bestandsaufnahme allemal erfreulich.

Außendarstellung und Selbstfindung

Das Buch setzt ein sichtbares Zeichen und könnte die Außendarstellung der kreativen Klasse verbessern. Möglicherweise hilft es ihr auch bei der Selbstfindung. Die Autoren beklagen, dass es bislang an den Akteuren hapert, sich als Teil eines Ganzen, eines Wirtschaftszweigs nämlich, zu verstehen: Die kleinen Fische bilden keinen Schwarm. Dabei zeigt der Sammelband, dass die Kreativen in Leipzig oftmals ähnliche Schwierigkeiten haben: relativ geringe Kaufkraft am Ort, fehlende unternehmensrelevante Kenntnisse bei den Akteuren, mangelnde Unterstützung und Anerkennung von außen, zu schwache Vernetzung untereinander.

Ob alles bald besser wird? Das Buch will laut Titel zwar »Zustand und Zukunft kreativer Arbeit in Leipzig« beschreiben, hält sich aber mit Prognosen zurück. Vielleicht ist das ganz gut so. Die kleinen Fische sind unberechenbar.

Vincent Oley u. a. (Hrsg.): Zustand und Zukunft kreativer Arbeit in Leipzig. Connewitzer Verlagsbuchhandlung 2012. 136 S., 15 €

Buchdiskussion: 12.4., Kollaborat (Ferdinand-Jost-Straße 31)

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