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Die Lichter gehen aus

Soap&Skin singt, heult und posiert im Centraltheater

Soap&Skin im Centraltheater, Foto: R. Arnold/CT Größeres Bild

Die österreichische Sängerin Soap&Skin gab am Mittwoch ein faszinierendes sowie verstörendes Konzert im Centraltheater. Mit Ensemble, Lichteffekten und einem vertonten Sehnsüchten.

30 Grad im Schatten, Menschen sitzen aufeinander gestapelt vor den Cafés, ein Sommergewitter kündigt sich im Westen an: ein perfekter Tag, um ein Soap&Skin-Konzert NICHT zu besuchen. Keiner scheint so richtig in Stimmung zu sein für ihre bedrückende Musik. Doch dieses Problem erledigt sich wenige Minuten später von ganz allein. Noch während der Saal, in dem kein Sitzplatz mehr frei steht, erleuchtet ist, dringen erste unheimliche Schreie von der Bühne. Eine spürbare Spannung legt sich über die kichernden Reihen.

Plaschg als Henker

Vor drei Jahren gab die junge Anja Plaschg schon ein Konzert im Centraltheater. Das Publikum schwitzte damals Tränen der Ergriffenheit. Der Saal raunt nun vor erwartungsvoller Spannung, als die karminroten Haare der mittlerweile 22-Jährigen auf der Bühne aufblitzen. Diesmal kommt sie nicht allein, sondern mit kleinem TrompetenCelloKontrabassViolinen-Ensemble und Vokalistin. Alle in schwarz gekleidet, nur die Köpfe tanzen lose über den Instrumenten. Dazu wummern die bekannt monströsen Instrumentals aus dem MacBook und Anja Plaschg dirigiert ihre kleine Gefolgschaft vom Piano aus, leise und bestimmt. Lieder wie »Marche Funèbre« blasen sich zu Übergröße auf und ertränken den Saal in ihren infernalischen Klängen. Das bisher unveröffentlichte »Sugarbread« gerät zum großen Triumph des Konzerts, Plaschg schreitet über die Bühne wie ein Henker und trägt das Konzert vorzeitig zu Grabe. MacBook und Ensemble verbinden sich zu einem großen Heeresorchester. Musikalisch ist das grandios.

Voyeurismus trifft Intimität

Soap&Skin spielt mit ihrem Image vom dunkeltraurigen Fräulein, übertreibt Gesten und Einlagen, die man ihr früher so noch als intuitiv abgenommen hätte. Aber die Zuhörer wissen mittlerweile, was sie erwartet, die schockt nichts mehr. Gierig hören sie sich die morbiden bis melancholischen Lieder an und wippen mit den Füßen. In den dunkelsten, traurigsten Tiraden des Konzerts sieht man Leute breit grinsen. Hier trifft der Voyeurismus hunderter Augenpaare auf intime Musik, die sich zur großen Showpose aufwirft, im Sinne des Selbstschutzes: um nicht eventuell lächerlich zu werden. Doch vor allem dieser Umgang mit der eigenartigen Situation, vor Zuschauern zu spielen, die ihren vertonten Sehnsüchten Applaus spenden, weil sie nicht wissen wie sonst reagieren, erzählt von Anja Plaschgs Entwicklung. Während sie 2009 noch wirkte wie frisch aus dem Nest gestoßen, steht sie jetzt auf der Bühne wie jemand, der ganz genau weiß, wie er sein Publikum steuern kann. Und schließt das Konzert mit »The End« von den Doors, welch halbgare Pointe, aber wie gut ihr das Lied dennoch steht, allein auf dem Klavier vorgetragen, während das Ensemble seine Notenpultlampen schon längst abgeschaltet hat. Dann bricht ihre Stimme, the unhappy end, und die Lichter gehen an. Draußen donnert und blitzt es. Das passende Wetter, um aus einem Soap&Skin-Konzert zu kommen.

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