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»Weshalb so blutig?«

Hundert Jahre Insel-Bücherei: Der Leipziger Buchwissenschaftler Siegfried Lokatis im Interview mit sich selbst

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Die Insel-Bücherei feiert hundertjähriges Jubiläum. 1912 erschien unter dem großen Verleger Anton Kippenberg in Leipzig der erste Band der legendären Buchreihe. Die Leipziger Buchwissenschaftler sind deswegen ganz aus dem Häuschen, sie pflastern die Stadt mit Insel-Plakaten – das aktuelle zeigt, passend zum allpfingstlichen Wave-Gothic-Treffen, schwarze Insel-Bücher – und reden über nichts anderes mehr, sogar mit sich selbst. So schickte uns der Oberbuchwissenschaftler Professor Siegfried Lokatis als Antwort auf eine Interview-Anfrage gleich ein fertiges Interview, das er für den kreuzer zufällig schon mit sich selbst geführt hatte.

kreuzer: Weshalb ein so blutig, schwarzes Gothic-Plakat zum IB-Jubiläum? Von unserer Uni ganz zu schweigen, ist doch auch die Inselbücherei eine sehr seriöse Angelegenheit.

SIEGFRIED LOKATIS: (schmunzelt): Irgendwas mussten wir ja zum Pfingstfest machen, um das hundertjährige Jubiläum der Insel-Bücherei zu verkünden. Die schönste Buchreihe der Welt wurde genau am 23. Mai 1912 erstmals im Börsenblatt angekündigt. Und weil der Insel-Verlag bis vor wenigen Jahren ein Leipziger Verlag, von der Buchkultur her jedenfalls unser schönster Verlag war, finde ich es richtig, dass wir das hier in Leipzig gebührend feiern. Es ist ein kostbarstes Stück Tradition der einstigen »Welthauptstadt des Buches«.

kreuzer: Aber was hat das alles mit dem WGT zu tun?

LOKATIS (räuspert sich): Erstens machen wir ja auch noch viele andere Plakate, die Mitte Juni unsere Stadt schmücken sollen. Insel-Tierbücher für den Zoo, Goethe-Plakate für Auerbachs Keller, Blumenbuchplakate für die Blumenläden, sogar Ehebücher fürs Standesamt. Die Idee ist zu zeigen, was sich alles an spannenden Inhalten hinter den 1.800 Insel-Büchern verbirgt. Normalerweise bewundert man ja nur die wunderhübschen zierlichen Rücken der Bändchen und kann dann unmöglich jedes einzelne selbst in die Hand nehmen. Diese Vielfalt wollen wir zeigen. Das können die E-books nicht nachmachen.

kreuzer: Und zweitens?

LOKATIS (lächelt verschwörerisch): Ich glaube, es gibt eine natürliche Nähe der Insel-Bücherei zur Gothic-Bewegung in ihren vielen Facetten. Wir konnten auch leider nur einen kleinen Teil der »schwarzen Bücher« auf das Plakat bringen. Vielleicht war der berühmte Verleger Kippenberg im Herzen selber ein Schwarzer. Denken Sie nur gleich an die Nr. 1 der Reihe, Rilkes »Cornet« mit dem Untertitel »Die Weise von Liebe und Tod«, und der erste Bildband der Reihe war Holbeins »Totentanz«. Edgar Allen Poes Spukbuch »Der Rabe« oder »Herr Halewijn«, die brutale Nr. 212, haben für die Szene wohl absolut das Zeug zum Kultbuch. Und denken Sie an so suggestive Titel wie »Der lebende Leichnam« oder »Die schwarze Spinne«. Es gibt auch viele glucksen (sic!, Anm. der Red.) mittelalterliche Titel wie die »Kopfreliquiare« zu finden, oder romantische Spukbücher wie den »Schlehmihl« Chamissos. Und wer Geduld hat, findet viele der Bücher passend im schwarzen Einband, etwa Rilkes »Requiem«. Aber das ist es ja gar nicht. Die meisten Insel-Bücher sind ja selbst schon zerfallen, sind vergessen, vergraben in alten Bücherschränken oder schaurigen Antiquariaten, sie riechen wunderbar moderig alt, man kann nach ihnen schnüffeln wie ein Bücherjäger Zamoniens. Eigentlich ist die IB also selbst eine schwarze Reihe.

kreuzer: Kann man die Plakate erwerben?

LOKATIS (frohlockend): Ja, für 10 Euro! Aber die Auflage ist sehr klein. Es gibt sie in einigen Buchhandlungen, in der Thomasbuchhandlung und in der Connewitzer, auch am Stand des Plöttner Verlags auf der Agra, in der Moritzbastei und (Samstag bis Montag ab 15 Uhr) bei uns in der Hainstraße 11, direkt neben Oxfam.

kreuzer: Herr Professor Lokatis, ich danke Ihnen für das Gespräch.

LOKATIS: Sehr gerne.

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