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Bewegungen im Familienunfrieden

Statt einer Bestattung zeigt »Sergej in der Urne« den langen Schatten eines längst Verstorbenen

Eigentlich sollte es um ein Begräbnis gehen, doch führt der Dokumentarfilm »Sergej in der Urne« in ganz andere Abgründe.

»Ich möchte über diesen Menschen nichts aussagen.« Die Weigerung seines Großvaters vor der Kamera über seinen Erzeuger zu sprechen, kommt für Enkel Boris Hars-Tschachotin überraschend. Hatte er doch in seiner Kindheit so viele großartige Geschichten von jenem Sergej Stepanowitsch Tschachotin gehört, dem schillernden Charakter in der Familiengeschichte. Und nun sollte er kein Interview über seinen Urgroßvater bekommen?

Bei einem Großonkel in Frankreich hatte Filmemacher Hars-Tschachotin zuvor eine Entdeckung gemacht. Dort stand in einem Winkel der Wohnung ein Gefäß, das zum Symbol dieser Gral-such-artigen Familienerzählung werden sollte: »Diese Vase«, so der Onkel, »das ist die Urne, wo die Asche von Sergej liegt.« Eigentlich sollte dieser auf Korsika seebestattet werden, aber die verplombte Urne blieb – warum auch immer – in dem Pariser Appartement hängen. Die Bestattung könnte man doch jetzt nachholen, dachte der Urenkel, und daraus die Dokumentation einer Familienzusammenführung machen. Immerhin hatte Sergej Tschachotin mit fünf Frauen acht Söhne, mit denen man doch sprechen und sie zur Beisetzung einladen könnte.

Doch leichter gedacht als getan. Denn nicht nur seinen eigenen Großvater interessierte das Projekt um den eigenen Vater herzlich wenig. Eigentlich geben alle Beteiligten eher widerwillig Auskunft über den 1883 in Konstantinopel geborenen Mikrobiologen und Utopisten, der sich immer in emanzipatorischer Absicht politisch eingemischt hat. Als Student floh er vor den zaristischen Truppen, er feilte in Heidelberg und Messina an der experimentellen Zellforschung, schuf als führender Denker der Eisernen Front mit dem Drei-Pfeil das Gegensymbol zu den Nationalsozialisten und ihrem Hakenkreuz. Der Freund Einsteins und Pawlows wurde in Frankreich interniert, arbeitete hier nach dem Krieg und ging später nach Moskau, wo er 1973 starb. Er hinterließ nicht nur ein beeindruckendes Werk und eine wechselvolle Lebensgeschichte, sondern aufgrund seiner egomanischen und libidinösen Charakterzüge auch eine verwirrende Familiengeschichte. In dieses familiäre Dickicht, ja: Familiengeflecht, das als Stammbaum wie im Kreis um den großen Demiurgen angeordnet oder als Labyrinth erscheint, dringt Hars-Tschachotin ein – und stört den Familienfrieden.

»Sergej in der Urne« führt vor Augen, wie erstaunlich lange ein Schatten wie der widersprüchliche Charakter des Vaters/Urgroßvaters über einer Familie liegen und sie untergründig, aber permanent beeinflussen kann. Denn irgendwie scheinen alle vier Tschachotin-Söhne je nach Lesart Individualisten oder Käuze zu sein. Das macht es aber auch erst so spannend, ihnen zuzuhören. Denn man erfährt aus den Aufzeichnungen auch in Bruchstücken von Sergej Tschachotins Biografie. Interessanter am Film allerdings sind der Umgang mit dessen Nachwirken und der eigenen Biografie, die von dessen Wechselhaftigkeit Spuren trägt. Es ist das Verhältnis seiner Nachkommen zu ihm, das »Sergej in der Urne« über den Status einer gewöhnlichen Bio-Pic-Doku hinaushebt: das Erzählen und Verweigern, Schwelgen und Schweigen. Was kommt heraus, wenn der Familienunfrieden in Bewegung gerät?

»Sergej in der Urne«, D 2009, 103 min., R: Boris Hars-Tschachotin
ab 28.5., Cinémathèque n der naTo

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