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Allwetterjacken, Zimmerlautstärke und ein bisschen Politik

Beim Campusfest war für jeden Studenten etwas dabei

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Auf dem Campus in der Jahn-Allee herrscht Ausnahmezustand. Aus dem Hörsaal dringen tosender Applaus und Zugabe-Rufe. Draußen vor den Toren sieht’s aus wie ein paar Meter weiter beim Ärzte-Konzert: lange Schlangen, Taschenkontrollen, Tonnen für die leeren Flaschen. Die Ordner nehmen einem sogar das Wasser ab, entschuldigen sich aber gleichzeitig dafür. Doch während in die Arena nur 10.000 Leute passen, kamen zum Campusfest bereits letztes Jahr schon 14.000, dieses Jahr sollen noch mehr Karten verkauft worden sein.

Drinnen im Uni-Gebäude bringen Tim Ludwig und Oliver Haas die versammelte Studentenschaft mit ihren Gitarren um den Hals und ihren Texte über Kuriositäten des Alltags zum Lachen. Sie nennen sich »Bye bye«, aber keiner will, dass sie gehen. Doch der Zeitplan ist eng gestrickt, der Name wird Programm.

Draußen auf der großen Bühne steht indes Alin Coen und dankt dem Himmel, dass die Wolken sich doch noch aus dem Staub gemacht haben. »Als wir ankamen, hätte ich nicht gedacht, dass sich der Platz vor der Bühne nochmal füllen wird«, sagt sie. Wir auch nicht. Aber jetzt stehen doch gefühlte 100.000 Menschen vor der Bühne, in praktischen Allwetterjacken. So stehen sie immer noch, als die Jungs von der Reggae-Ska-Kombo Lick Quarters anrücken und sogar ein bisschen Politik machen. »Wir lassen uns nicht wegsparen für irgendeine Profilbildung«, ihr Schlachtruf.

Ganz leise: Turbostaat

An einem Profil mangelt es dem Campusfest tatsächlich. So wie man an der Volluniversität alles studieren kann, kann man hier jedweder Musik lauschen: vom lokalen Hardcore von Myra über Berliner Elektropunk von Egotronic bis zu avantgardistischen Einlagen von Carolina Eyck am Theremin. Von jedem gibt es ein bisschen, man pendelt zwischen romantischen Gitarrengezupfe zur explosiven Wut und zurück.

Ausgerechnet beim Headliner, der Deutschpunkband Turbostaat, wird es draußen dann erstaunlich leise. Auflagen zwingen sie, das Konzert in erhöhter Zimmerlautstärke zu spielen. Nun ja, in den Hörsaal hätte man die Jungs kaum verlegen können, hätte ihn danach wohl keiner mehr wiedererkannt.

Auch wenn das Campusfest die Massen anzieht, bleibt das Gemeinschaftsgefühl, wie es so oft in typischen »Hach, wie toll«-Festivalmomenten auftritt, aus. Zu zersplittert ist das auf drei Bühnen stattfindende Programm, zu unterschiedlich sind die ständig wechselnden Musikrichtungen. Statt Ausnahmezustand herrscht auf dem Nachhauseweg eher maue Müdigkeit.

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