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Das deutsche Schwein

Eine Leipziger Künstlergruppe performt zum Auftakt der Documenta eine Befindlichkeit

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Am vergangenen Samstag öffnete in Kassel mit der Documenta die weltweit bedeutendste Ausstellung für Zeitgenössische Kunst ihre Türen für das Publikum. Nachdem um 10 Uhr Bundespräsident Joachim Gauck offiziell die 100-Tage-Schau eröffnet hatte, startete gegen Mittag die Leipziger Künstlergruppe »Many People«, bestehend aus Kiron, Stephan Murer, Marcus Nebe und Lars Werner, unabhängig von der offiziellen Documenta eine Performance durch Kassel.

Die Route führte vom Hauptbahnhof durch das Stadtzentrum zum zentralen Ausstellungsort, dem Fridericianum und zurück. Die Performance mit ziehbarer Video-Installation trägt den Titel »Deutsches Schwein« und ist nach Aussage der Künstler eine Arbeit über die Deutsche Befindlichkeit: »Es geht um das Gefühl, im Dunkeln zu stehen und zu fressen, was einem vorgesetzt wird.« Das Video zeigt eine abstrakte Kunstfigur im Stil eines Opernsängers, dargestellt durch den Berliner Künstler Mano Idios Krach.

Deutsches Schwein at dOCUMENTA 13

 

Statement der Künstler:

Das deutsche Schwein – es geht nicht um die Geschichte Deutschlands, auch wenn sie unweigerlich hineinspielt. Auch das Verhältnis Nutztier/Mensch wird nicht behandelt, selbst wenn es im Kern nicht wegzudenken ist. Worum es eigentlich und schlussendlich geht, ist die allgemeine Befindlichkeit.

In einer Einkaufshalle erreichte Kiron die Botschaft: Als er sich umsah und wirklich sah, was ihn umgab, als er alles auf einmal einatmete, es ihn visuell eroberte, die Luft zu einem Sturm von Gerüchen, Schreien und Farben zu werden schien und um ihn her die Menschen hinter den Einkaufswägen her gezogen wurden, die Produkte in die vielen Hände fielen, die Fußböden glänzten, das ganze Karussell der schlechten Beleuchtung, der Jingles und Limonaden, der mürrischen Verkäufer und hektischen Jugendlichen sich zu drehen und zu winden begann, da brach es in ihm auf, der eine Ausdruck:

Deutsches Schwein.

Völlig benommen irrte er durch die Straßen, zu viel waren die Eindrücke, zu deutlich stand es ihm vor Augen: Dies war der Moment, an dem sich alles zugespitzt und endgültig formuliert hatte.

Deutsches Schwein – in uns, um uns, wir uns, es, ich, alles.

Jede Nachricht braucht einen Empfänger und in einer abgelegten Fabrik fand Kiron ihn, der schon lange auf diese Welle gewartet hatte. Lars Werner half bei der Deutung des Signals: Was da gefunden worden war, war der Lichtschalter. Etwas, das half, viel gepriesene Mentalitäten und Verhaltensweisen zu verstehen – etwas, das zwang, weiter zu machen und voran zu schreiten.

Das Licht wird angeknipst.

Deutsches Schwein.

Auf der Suche nach der richtigen Betätigung des Schalters trafen die beiden in einem Turm auf Marcus Nebe und Stephan Murer. In der Erhabenheit und Klasse der Oper nach Form und Haltung suchend entwickelten sie zusammen die das Schwein verkündende Kunstfigur, dargestellt durch Mano Idios Krach, sowie das Gebilde, durch das sie sprechen soll.

Jetzt nach einem langen Weg machen sich die Vier auf, sich dem Deutschen Schwein zu beugen, den Lichtschalter zu betätigen, in Kassel.

UNTER der dOCUMENTA (13).

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