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Das Spiel ist aus #4

Ukrainische Literaten zu Fußball und Politik – Heute: Natalka Sniadanko

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Die glitzernden Arenen in Lwiw, Kiew, Donezk und Charkiw mögen ein paar Spiele lang ganz Fußballeuropa überstrahlen. Für die Demokratie und Opposition jedoch leuchtet der Himmel über der Ukraine nach wie vor grau in grau. Deshalb fragten wir uns: »Was denkt eigentlich das ukrainische Volk über Fußball und Politik und die EM?« Lassen wir doch an Stelle des Volkes die Stimmen des Volkes zu Wort kommen: die ukrainischen Schriftsteller, Übersetzer, Kritiker und andere Aktivisten der quicklebendigen Literaturszene des Landes. Wir baten sie, uns in ein paar Sätzen zu verraten, wie sie die Sache sehen. Und stellen Ihre Antworten in loser Folge während der EM vor.

kreuzer: Liebe Natalka! Was denkt das Volk zu Politik und Fußball und zur EM?

NATALKA SNIADANKO: Der ukrainische Fußball ist zur Zeit eher langweilig – dafür aber ist die ukrainische Politik abschreckend. Also ist es logisch, dass man die Bürger zumindest mit Fußball von der Politik abzulenken versucht. Und wenn das verständlicherweise nicht gelingt, muß man zu stärkeren Mitteln greifen, wie zum Beispiel einer Schlägerei im Parlament wegen der drohenden Einführung des Russischen als Landessprache. Oder man ersetzt preiswerte Zugverbindungen nach Kiew mit teuren. Wenn man plötzlich für die Fahrt hin und zurück fast einen Mindestlohn zu bezahlen hat, wird man garantiert abgelenkt. Zumindest für eine kurze Zeit. Und in der Verlängerung lässt sich die Regierung auch noch etwas einfallen, da kann man Gift darauf nehmen.

Natalka Sniadanko (*1973), Schriftstellerin und Übersetzerin aus dem Russischen, Polnischen und Deutschen (z.B. Max Goldt und Franz Kafka). Zuletzt von ihr auf deutsch erschienen: Sammlung der Leidenschaften (dtv). 2011 Laureatin des polnischen Joseph-Conrad-Korzeniowski-Preises. Sie lebt in Lemberg und Krakau.

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