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Das Spiel ist aus #8

Ukrainische Literaten zu Fußball und Politik – Heute: Tanja Malartschuk

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Die glitzernden Arenen in Lwiw, Kiew, Donezk und Charkiw mögen ein paar Spiele lang ganz Fußballeuropa überstrahlen. Für die Demokratie und Opposition jedoch leuchtet der Himmel über der Ukraine nach wie vor grau in grau. Deshalb fragten wir uns: »Was denkt eigentlich das ukrainische Volk über Fußball und Politik und die EM?« Lassen wir doch an Stelle des Volkes die Stimmen des Volkes zu Wort kommen: die ukrainischen Schriftsteller, Übersetzer, Kritiker und andere Aktivisten der quicklebendigen Literaturszene des Landes. Wir baten sie, uns in ein paar Sätzen zu verraten, wie sie die Sache sehen. Und stellen ihre Antworten in loser Folge während der EM vor.

kreuzer: Liebe Tanja! Was denkt das Volk zu Politik und Fußball und zur EM?

TANJA MALARTSCHUK: Manche Ukrainer freuen sich einfach und sagen, dass es nur um Fußball und Spaß geht, man brauche keine Politik, die sich einmischt. Andere sagen, die EM sei eine große Geldfrage: Die durchschnittlichen Ukrainer, die sowieso schon arm sind, haben zu viel dafür bezahlt, dass die Fußballmeisterschaft auch in der Ukraine stattfindet. Der Staat hat neue Stadien und Straßen gebaut und das war unglaublich teuer, teurer als in Polen. Warum? Es geht natürlich um Korruption und Rücklauf des Geldes. Die Folgen: Gerade erst gebaute Straßen mussten bald schon repariert werden. Neue, sehr teure Züge stehen still. Und wie lange wohl werden die Stadien bespielbar sein? Nach der EM kommt zweifellos die große Rechnung – Inflation und noch größere Armut. Lohnt sich das? Ich habe keine Antwort. Für mich persönlich stellt sich die Frage nur im Rahmen der Politik. Es ist nicht so wichtig, was in der Ukraine gerade jetzt während der EM passiert, sondern wie es weitergeht, wenn »das Spiel aus ist« und Europa seinen Blick nicht mehr auf die Ukraine wirft. Die heutige ukrainische Regierung wartet nur darauf das Demokratiespiel zu beenden und ihr wahres Gesicht zu zeigen.

Tanja Malartschuk (*1983) ist Schriftstellerin, in deutscher Übersetzung erschien zuletzt »Neunprozentiger Haushaltsessig« 2009 im Residenz Verlag. Sie studierte Ukrainistik in Iwano-Frankiwsk und lebt in Wien.

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