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»Gaddafi ist nicht gerade ein Humorfaktor«

Rainald Grebe über die Probleme von Barabara Schöneberger, warum sein Hit Brandenburg verunglückt ist und er nie auf Klassentreffen geht

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Weil der Raucherraum des Pilots geschlossen ist, schlägt Rainald Grebe die Kantine des Centraltheaters für das Interview vor. Im großen Haus läuft derzeit Grimms Märchen, sein viertes Stück in Leipzig. Nun kommt er aber erst nochmal in seiner Funktion als Sänger in die Parkbühne. Rauchend erzählt er, dass er jetzt aufs Land zieht, wieso er ich sehr lange mit seinen Eltern unterhalten hat und was man macht, wenn Kurt Beck im Publikum sitzt.

 

kreuzer: Du bist jetzt ein letztes Mal mit der Orchester der Versöhnung unterwegs…

RAINALD GREBE: Ja, das ist die letzte Rutsche mit dem alten Programm. Obwohl alt? Das ist ja grad‘ mal anderthalb Jahre alt. Aber nun kommt das Finale.

kreuzer: War das Finale nicht dein Konzert letztes Jahr in der Berliner Waldbühne?

GREBE: Das war eine einmalige Sache, alles für einen Tag.

kreuzer: Und wie war’s?

GREBE: Unglaublich gut, da waren 150 Leute auf der Bühne, mehr oder weniger ungeprobt, aber alles hat gestrahlt. Der Regen hörte mit dem Einlass auf, alle waren eine Woche später noch am glühen.

kreuzer: Das wird in der Parkbühne jetzt wahrscheinlich ein bisschen anders …

GREBE: Du meinst: Dienst nach Vorschrift? (lacht) Das glaube ich nicht, schon allein, weil es Open-Air ist und da oft Ausnahmezustand herrscht. Und wir überlegen uns vorher immer noch ein paar neue Sachen.

kreuzer: In dem Song »Oben« singst du, dass du dir teure Karten für Barbara Streisand kaufen wolltest, aber dass die VIP-Lounge anruft und sagt: »Sie sind natürlich eingeladen«. Barabara Schöneberger war ganz überrascht und meinte, das sei ihr genauso passiert.

GREBE: Ja, das stimmt, die Geschichte wurde mir zugetragen.

kreuzer: Wo wirst du sonst für deine Lieder inspiriert?

GREBE: Überall. Was ich halt so mitbekomme in meinem Leben. Teilweise sind das vertonte Biografien.

kreuzer: In dem Lied »Diktator der Herzen« machst du dich über Diktatoren lustig.

GREBE: Was heißt lustig machen? Ich versuche erstmal, die Figuren zu greifen. Wie diese Diktatoren – ich glaube, Gaddafi war da der Anlass – zum Beispiel Lyrikbände herausbringen. Der ist als Figur doch interessant. Ich würde aber nie »lustig machen« für mich in Anspruch nehmen, auch wenn natürlich mal gelacht wird. Die Pointe muss stimmen, aber lustig machen hieße ja, man nehme die Dinge nicht ernst.

kreuzer: Statt »lustig machen« müsste man vielleicht sagen, deine Texte bringen die Dinge auf den Punkt. Ich würde behaupten, bei »30-jährige Pärchen« lachen am meisten 30-jährige Pärchen.

GREBE: Dabei ist das ja ein tot trauriges Lied. Und Gaddafi ist ja nun auch nicht gerade ein Humorfaktor.

kreuzer: Auf deinem letzten Album ging es vor allem um Natur und Städter, die aufs Land ziehen. Jetzt ziehst du selbst aufs Land. War das Album eine Art Vorbereitung darauf?

GREBE: Ich will schon seit Jahren aufs Land ziehen. Und während ich mir Höfe angeschaut habe, sind die Ideen für die Songs entstanden. Wegen der ganzen Widersprüche, auf die man da so stößt. Dieses Nicht-Entscheiden-Können der Städter. Diese Gier, die ja auch mich befällt, dass man beides haben will. Ich will ja auch kein Landei werden und der Städter will natürlich alles mitnehmen. Und was ist das dann? Kommt man da überhaupt zur Ruhe? Ich weiß es nicht. Na, ich habe mir jetzt was gekauft, mal schauen wie das wird… da kommt dann der nächste Song.

kreuzer: Bei deinen Länderhymnen wie Brandenburg oder Thüringen fällt auf, dass du bislang nur ostdeutsche Bundesländer besungen hast. Kommen da auch noch Hessen oder Bayern?

GREBE: Reicht jetzt erstmal mit den Länderhymnen, oder? Die erste war ja »Thüringen« und ist entstanden, als ich damals ein paar Jahre in Jena lebte – das musste einfach mal raus. Und als ich dann wieder in Berlin war, wollte ich eigentlich eine Berlin-Hymne schreiben. Die ist dann aber verunglückt, weil ich nicht weiter kam. Also habe ich es auf Brandenburg ausgeweitet. Und schon war es eine Mini-Serie. Inzwischen habe ich alle fünf neuen Bundesländer abgehandelt, und es wäre langsam affig, noch eins zu machen. Aber meine neuen Lieder handeln auch viel von meiner Kindheit, und die spielt natürlich viel im Westen.

kreuzer: Wie bist du bei diesem neuen Programm, für das du dich im wahrsten Sinne des Wortes nackig machst, vorgegangen? Hast du in alten Tagebüchern geblättert und deine Eltern ausgefragt?

GREBE: Ja, genau, ich habe in Stammbäumen nachgeschaut, Familienforschung betrieben und vor allem zehn Tage lang meine Eltern interviewt.

kreuzer: Wie fanden die das?

GREBE: Sie waren natürlich einverstanden, wollten aber auch nicht alles sagen. Verstehe ich aber auch. Das darf dann nicht verletzend werden. Ich kann ja viel über mich sagen oder behaupten, bei anderen musst du mehr aufpassen

kreuzer: Bist du bei diesen Gesprächen auf irgendwas gestoßen, was dich überrascht hat und was du nicht wusstest?

GREBE: Klar. Ich habe mich noch nie so ausführlich mit meinen Eltern unterhalten. Sie waren Kriegskinder und da kam einiges hoch, auch was der Hunger und das Flüchtlingsdasein mit denen gemacht hat. Das bestimmt das ganze Leben.

kreuzer: Hast du auch alte Klassenkameraden getroffen?

GREBE: Naja, einmal da habe ich mich bei stayfriends oder wie das heißt eingeloggt und sofort ganz viele Zuschriften bekommen, auf die ich aber nie geantwortet habe. Das war mir doch unangenehm. Ich war auch auch nie auf Klassentreffen.

kreuzer: Warum nicht?

GREBE: Ach, ich wollte immer weg von da. Aber jetzt habe ich eine biografische Tour gemacht, und bin wieder dort aufgetreten, wo ich meinen ersten Auftritt hatte, da saßen dann auch alte Lehrer und so.

kreuzer: Als du im letzten Jahr den Kleinkunstpreis gewonnen hast, saß dagegen Kurt Beck im Publikum.Wie reagiert man da?

GREBE:Ach, die meisten Politiker sind ja einiges gewohnt, ich schreie den dann zum Beispiel an. Der sitzt wahrscheinlich da, weil er den Preis finanziert hat.

kreuzer: Kein Händeschütteln?

GREBE: Nee, ich bin dann schnell weggegangen. Aber es kommt schon vor, dass man Politikern vorgestellt wird. Gesine Schwan wollte zum Beispiel, dass ich bei ihrer Wahlparty für das Präsidentenamt »der Präsident« singe. Aber das mache ich nicht, die Politik darf die Kunst nicht beeinflussen.

kreuzer: In Leipzig läuft derzeit auch dein Stück »Grimms Märchen« am Centraltheater. Gibt es schon Pläne für die Zeit nach dem Intendantenwechsel?

GREBE: Das stand ja fett in der Zeitung, dass ich hier weitermachen will, aber das haben die mir eher so untergeschoben. Ich wusste da ja noch nicht mal, wer hier neu anfängt. Das müssen wir alles sehen. Es spinnt sich ja auch immer alles weiter. Durch die Arbeit mit den Märchen bin ich zum Beispiel auf alte Volkslieder gestoßen. Vielleicht mache ich da mal was. Volkslieder sind ja eh mein Metier.

Rainald Grebe & Das Orchester der Versöhnung: 19.7., 20 Uhr, Parkbühne (Clara-Zetkin-Park)

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