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Kultur

»Sei erst mal gegen dich!«

206 machen Musik für die, die auch nichts kapieren

  »Sei erst mal gegen dich!« | 206 machen Musik für die, die auch nichts kapieren

Die Leipziger Punk-Wave-Band 206 feiert am Samstag den Release ihrer neuen Single »Ein freundlicher Geist« in der Lola Bar. Mit dem kreuzer reden die drei Jungs darüber, dass sie gar nicht so wütend sind, wie alle sagen, über die Scheiße mit dem Geld und den »Bourgeois With Guitar«.

Ein Wellensittich im einem goldenen Käfig, eine alte Lady, die Rum und Cola im Verhältnis zwei zu eins samt Frühstücksfleisch an der Supermarktkasse kauft oder ein Rollstuhlfahrer mit einer Decke, auf der EU-Sterne prangen: Das sind die Gestalten, die 206 auf ihrer neuen Single »Ein freundlicher Geist« besingen. »Ich kotz’ nich’ in mein Bad / Ich lieg’ da nur so rum / wie ein angefahrener Hund / und das Land da draußen / ist das Letzte, was ich jetzt sehen will«, brüllt Timm Voelker. Über das Land da draußen will der Sänger nicht reden. »Es gibt bei mir keinen Hass gegen ein spezielles Land«, betont er. »Ich gebe nur wieder, was mich umgibt, da reicht schon mein Weg zum Späti.«

Ihr Debütalbum »Republik der Heiserkeit«, das 2011 auf Alfred Hilsbergs Label ZickZack erschien, wurde von Musikzeitschriften und Feuilletons als tolle neue Wutplatte gefeiert. Nun arbeiten die Wahlleipziger – abgesehen von Bassist Leif Ziemann, der immer mit der Regionalbahn aus Halle zu den Proben fährt – an neuen Songs und wollen ein bisschen wegkommen von dem Bild der drei angepissten, unzufriedenen Musiker, als die sie immer dargestellt werden.

Denn es gehe ihnen nicht um das typische Wir-gegen-die. »Wer ist denn wir? Wer sind denn die?«, fragt Voelker. »Sei erst mal gegen dich!« Auf der ersten Platte habe Textschreiber Voelker noch viel mit sich selbst ausgemacht. »Ein freundlicher Geist« erzählt dagegen von denen, die er um sich herum beobachtet. »Unsere Haupterkenntnis nach ›Republik der Heiserkeit‹ war, dass wir noch konkreter sein müssen«, erklärt Bassist Leif Ziemann. Noch mehr Fallhöhen heißt das dann, mehr reduzieren und riskieren, mehr in die eigene musikalische Sprache investieren. »Es geht aber nicht um eine zwanghafte Neuerfindung«, sagt Schlagzeuger Florian Funke, »sondern um unser eigenes Ding.«

Und das Ding machen sie sehr gut. Vor allem live. Konzerte, bei denen man manchmal zwar kein Wort versteht, die Musik und die Wut – die Voelker eher ein Unbehagen nennt – aber mit so einer Wucht daherkommen, dass der ein oder andere irritiert um sich schaut. »Zu unseren Konzerten kommen Freaks oder Normalos. Solche wie ich, die auch nicht kapieren, was um sie herum geschieht, und nach Wegen suchen, das zum Ausdruck zu bringen.«

Da ist zum Beispiel die Sache mit dem Geldverdienen, ein ätzendes Thema, wie alle drei finden. »Das ist einfach scheiße mit dem Geld«, sagt Voelker in Anlehnung an Rolf Dieter Brinkmanns wahren wie schönen Satz: »Immer mit dem Scheißgeld, immer Probleme mit dem Scheißgeld.« Mehr gibt es dazu wohl nicht zu sagen, außer dass es einen Song zum Thema geben wird.

Auf der B-Seite der Schallplatte, die jetzt 206 Mal in Schwarz und 206 Mal in Weiß bei Ritchie Records erscheint, covern 206 den Song »Bourgeois With Guitar« von Kristof Schreuf im Stil der Band Antelope. Weil sie die Idee des ehemaligen Kolossale Jugend-Sängers gut finden, bekannte Songs miteinander zu vermischen und so etwas Neues zu kreieren. »Und weil der Bourgeois, wie er so schnipsend leicht durch die Welt geht«, erklärt Voelker, »die Kehrseite der Schicksale auf der A-Seite verkörpert, die der freundliche Geist bei seinen schwebenden Gängen durch die Straßen sieht.«


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