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Sterben und Sterben lassen

Leipziger Passionsspiele: Hartmanns »Krieg und Frieden«

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Hartmanns Nocturne: Als seherischer Blindflug durchs Leben im Provisorium ist »Krieg und Frieden« ein einziger kolossaler Hirnfick. Eine Behelfskritik

Offen steht der Sarg, darinnen sitzen 14 Schauspielende und winken. Der Sarg selbst schießt durch ein Cyber-Labyrinthsystem, dann führt sein Flug über Tannwälder, er reißt sich von der Erde los und verschwindet – unter den Abschiedsgesten der Mimen – allmählich in Zeit und Raum. In grandiosem Schluss und einem großen Schuss Erlösung endet der Centraltheater-Spielzeitauftakt »Krieg und Frieden« unter tosendem Applaus.

Das Motiv des Fluges, so schreibt Mircea Eliade in »Das Heilige und das Profane«, versinnbildlicht »den Zugang zu einer übermenschlichen Seinsweise..., die Freiheit, sich nach Belieben zu bewegen, also das Sichaneignen der Verfassung des ›Geistes‹.« – Beginnen wir also mit dem Schlussbild von Sebastian Hartmanns ebenso erschöpfend wie vitalisierender Erörterung über das Wesen des Religiösen. Nach fünfeinhalb Stunden Spiel und dem über weite Strecken tragenden Willen zur Inszenierung nimmt dieser euphorische Gipfel wenig Wunder. Hartmann hat eine hervorragende Sinfonie über Mensch und Misere komponiert, eine pechschwarze Nocturne über Elend und Freiheit, einen windungsreichen, kolossalen, ja bodenlosen Hirnfick – das darf zitiert werden. Wenn sich kurz zuvor – bei einer quälenden, aber folgerichtigen Publikumsansprache – Guido Lambrecht ins Solipsistische versteigt, und darüber nachdenkt, dass die Außenwelt nur ein Produkt des eigenen Kopfkinos ist, an dem man leidet, wird das letzte Potenzial Zuschauer-Widerständigkeit aufgebaut, um mit dem über alle Ziele hinausschießenden Finale noch einmal zu überraschen.

Nur der eigenen Existenz sich bewusst sein: Leiden, also ist man – das deutet sich hier an. Es ist ein Passionsspiel der Menschheit, das hier in den Blick rückt – zumindest in meinen, denn wenn das Stück radikalsubjektiv angelegt ist, dann will ich dem hier folgen –, das sich metzelnde Kollektiv, in dem nicht nur das Individuum kein Entrinnen findet. Dass Hartmanns »Krieg und Frieden« lediglich motivisch etwas mit Tolstoi zu tun hat, ist kein Malus, sondern die Stärke dieser Inszenierung.

Bedürfnisanstalt Theater

»Man könnte ein ganzes Buch schreiben über die Mythen des modernen Menschen, über die getarnten Mythologien in den Schauspielen, die er bevorzugt« (noch einmal: Mircea Elidade). Es gibt gute Kritiken zur Genüge, die Hartmanns Herangehensweise klug auseinander nehmen und beschreiben, begeisterte die Inszenierung doch schon bei den Ruhrfestspielen die Rezensenten und immerhin das halbe Publikum, wie man liest. Ein Stück ist nie so, wie ein oder die Kritiker es beschreiben und sowieso jedes Mal anders – jenseits dieser Binnenweisheit aber: Es ist im folgenden Zitat eingefangen, was ich erlebt und gesehen habe, drum spare ich mir Redundanz. Unter dem schönen Titel »Krieger und Grenzkünstler« resümiert Nachtkritik: »Sebastian Hartmann entfernt sich ... von Leo Tolstoi und trifft sein Epos doch ins Herz«. Sebastian Hartmann reihe, so fährt die Kritik fort, »solche existentiellen Situationen wie Perlen auf eine Kette, aber nicht, weil es sich um wichtige Plot-Punkte handelt, darum kümmert er sich gar nicht. Vielmehr entwickelt sich hier ein intelligenter (auch anstrengender) Diskurs aus den vielfältigen spielerischen Möglichkeiten eines fabelhaften Ensembles, das keine Haupt- und Nebenrollen kennt, sondern nur das scheinbar unbegrenzte Potenzial jedes einzelnen.«

»Und nun ein paar Worte über die Bedürfnisanstalt« meinte einmal Anton Tschechow nicht unbedingt auf das Theater gemünzt (gefunden in: Tatjana Kuschtewskaja: »Tolstoi auf’m Klo«). Wenn es bei diesem »Krieg und Frieden« um das nackte Leben geht, dann stellt Hartmann einmal mehr die Sinnfrage, verknüpft mit der Frage nach Gott, die ihm ein Bedürfnis zu sein scheint. Hat er vor vier Jahren die Pforten anderer Wahrnehmung in der Bosestraße mit der – auch dreiteiligen – »Matthäuspassion« aufgestoßen und etwa mit »Fanny und Alexander« weiter an der Stellschraube Glaube – Liebe – Hoffnung gedreht, so steht »Krieg und Frieden« in dieser Linie. Doch nur oberflächlich scheint es hier noch einen Gott zu geben, klingen die hervorgepressten Glaubensbekenntnisse und analogischen Gottesbeweise hohl. Nutzlos ist das Büßergewand geworden, bleibt das Rosenkranzbeten im Bollwerk aus Lafetten und Bajonetten hängen. »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten«: Wahrheit und Existenz stehen an diesem Abend auf dem Spiel und stets jemeinig – also für sich – stirbt das Individuum, immer wieder anders und doch spulen sie sich als ewige Wiederkehr des Gleichen ab. Aus der Not einen anderen Anfang suchen, das mag als Verlegenheits- oder Übergangslösung, als Provisorium hinter diesem inszenierten wie erschautem Kraftakt stehen. – Soweit diese Behelfskritik.

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Kurz vor seinem Tod 2005 hat Jacques Derrida in einem Interview zu Protokoll gegeben: »Nein, ich habe niemals leben-gelernt. Ganz und gar nicht! Zu leben lernen, das müsste bedeuten, zu sterben lernen, zu lernen, der absoluten Sterblichkeit (ohne Heil, weder Auferstehung noch Erlösung – weder für sich selbst noch für den anderen) Rechnung zu tragen, um sie zu akzeptieren. ... Philosophieren heißt sterben lernen. Ich glaube an diese Wahrheit, ohne mich ihr zu ergeben. Und zwar immer weniger. Ich habe nicht gelernt, den Tod zu akzeptieren. Wir alle sind Überlebende mit einer Aufschubfrist«.

»Krieg und Frieden«: 13., 26.10., 18 Uhr, Centraltheater, http://www.centraltheater-leipzig.de

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