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Und wem würden Sie die Tauben geben?

Heute Abend werden die Preise bei DOK Leipzig vergeben

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Das 55. Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm neigt sich dem Ende zu und heute Abend steht das große Finale der diesjährigen Ausgabe an. Die Goldenen und Silbernen Tauben werden verliehen und zahlreiche Filme honoriert. Die kreuzer-Redaktion hat ein paar Lieblingsfilme herausgepickt.

Spannende Filme im Internationalen Wettbewerb

»Colombianos«

Ein junger Kolumbianer, der sein Leben nicht in den Griff bekommt, und eine Familie, die nur die besten Absichten hat: Pablo holt seinen drogenabhängigen Bruder Fernando aus Stockholm nach Kolumbien, damit er eine Therapie macht. Nur schweren Herzens übergibt ihre Mutter Olga das Leben ihres jüngsten Sprösslings in die Hände des älteren Bruders. Die junge Regisseurin Tora Mårtens dringt tief in das Leben der beiden Brüder ein, begleitet sie beim Kampf für ein besseres Leben, aber auch beim Kampf gegen die Fesseln familiärer Fürsorge. Verzweifelt versucht Pablo das Leben seines Bruders in den Griff zu bekommen und vergisst darüber sein eigenes voranzutreiben. Mit viel Ruhe und großer Zurückhaltung nähert sich Mårtens ihren Protagonisten, kommt ihnen fast distanzlos nahe, ohne sie jemals ganz dem Kameraauge auszuliefern. Vielmehr konzentriert sie sich auf das eigentliche Sujet ihres Filmes: Wo befinden sich die Grenzen familiärer Hilfsbereitschaft und wann ist es besser, der Familie, so liebenswert sie auch ist, einfach den Rücken zu kehren – um wieder eigenständig atmen zu können. Ein wunderbarer Film mit einem lebensechtem Happy End. Eileen Reukauf

»Der Kapitän und sein Pirat«

Das deutsche Frachtschiff »Hansa Stavanger« wurde im April 2009 vor der Küste Somalias von Piraten entführt. Vier Monate lang war die Besatzung in der Hand der Entführer, bis die Reederei endlich auf die Lösegeldforderung einging. Andy Wolff erzählt in seinem Film eine etwas andere Version des spektakulären Entführungsdramas, als es seinerzeit in den Medien dargestellt wurde. Er lässt nicht nur den damaligen Kapitän des Frachters zu Wort kommen, sondern auch den Piratenanführer. Wir sehen diesen als klugen jungen Mann, der davon erzählt, wie ihn der harte Alltag in Somalia zu dem machte, was er heute ist. Dem gegenüber stehen die Schilderungen des traumatisierten Krzysztof Kotiuk, der, von Mannschaft und Reederei alleingelassen, begann, mit den Piraten zu kooperieren, um seine Crew und sich selbst zu retten. Andy Wollfs Film ist ein hochspannendes, dichtes Psychodrama, eine Art Katz und Maus-Spiel, welches existentielle Fragen aufwirft. Eileen Reukauf

»Documentarian«

Lettland, ein Moor, ein Haus – entfernt von anderen Ansiedlungen und Menschen verbringt Inta, eine alte, zynische Frau, dort ihre Zeit, ihr Leben. Ivars Zviedris ist mit seiner Kamera allein vor Ort, sucht sie immer wieder auf und lässt sich von ihr beschimpfen, beleidigen – immer wieder, bis sie ihn langsam in ihr Leben lässt. Eine Beziehung entsteht, die von beider Seiten gebraucht wird, sich vertieft, Nähe spüren lässt und doch immer wieder von Intas vulgären Ausbrüchen begleitet wird. Ein Film über eine alte Frau, voller Energie und Wahnsinn – und ein Film über das Filme machen und den Menschen als Protagonisten hinter und hier selbst mit vor der Kamera. Anne-Katrin Weber

»Sofia’s Last Ambulance«

Bereits 2008 gewann Ilian Metev einen der großen Preise bei DOK Leipzig. Sein Film »Goleshovo« wurde mit der Talent-Taube ausgezeichnet. Mit dem Preisgeld realisierte Metev nun einen weiteren, wunderbaren Film: »Sofia’s Last Ambulance« dokumentiert den harten und irrwitzigen Arbeitsalltag eines Rettungsteams in Sofia und zeigt wie sie auf verlorenem Posten Menschenleben zu retten versuchen. Dabei konzentriert sich Metev ausschließlich auf seine drei Protagonisten, lässt die Kamera auf ihren Gesichtern verharren. Der Film zeichnet aber nicht nur das sympathische Porträt eines Rettungsteams, das tagtäglich Krisensituationen meistert, sondern auch das ungeschönte Bild einer Stadt, deren System auf arg wackligen Beinen steht. Eileen Reukauf

 

Eine fast unmögliche Entscheidung im Deutschen Wettbewerb

 

»MansFeld«

Der Regisseur Marco Schneider ist erneut in seine Heimat gereist und hat mit »MansFeld« seine Heimat-Trilogie abgeschlossen. In seinem Dokumentarfilm begleitet er drei Jungen aus einem kleinen Dorf im Mansfelder Land. Still und karg ist es hier seit die Bergbau-Industrie kaputt gegangen und die Gegend in einen Dornröschenschlaf gefallen ist. Viel passiert nicht mehr, außer wenn sich das alljährliche Pfingstfest nähert und ein archaisches Ritual zum Leben erweckt wird. Schneider gelingt es, eine intensive Nähe zu den drei sehr unterschiedlichen Jungen und ihren Familien aufzubauen und erzählt nicht nur von dem Alltag in dem verschlafenem Dorf, sondern auch davon, wie stark sich das Handeln und die Fürsorge der Eltern und auch der Dorfgemeinde auf das Vorankommen der Kinder auswirkt. Dabei verzichtet Schneider auf jeglichen Kommentar, sondern verlässt sich ganz auf die Kraft seiner Bilder und seine kindlichen Protagonisten. Beeindruckend! Eileen Reukauf

»Randland«

Leopold Grün und Dirk Uhlig schaffen es, ihren Protagonisten nahe zu kommen, ohne sie zu werten. Probleme werden thematisiert bzw. sind offensichtlich und dennoch verliert man als Zuschauer nicht die Zuneigung zu den Personen bzw. gewinnt sie im Verlauf des Filmes immer wieder zurück. Marita Stocker

 

Nicht weniger beeindruckend – die Auswahl im deutschen Wettbewerb war äußerst schwierig – aber da »Camp 14: Total Control Zone« von Marc Wiese bereits kommende Woche in deutschen Kinos anlaufen wird, haben wir uns entschlossen, dem Film nicht noch einmal Aufmerksamkeit zu widmen.

 

Tolle Debüts im Wettbewerb für junges Kino

»The Machine Which Makes Everything Disappear«

Tinatin Gurchiani hat das Leben schlechthin gecastet, das Leben in Georgien, ihrem Heimatland. Viele unterschiedliche Charaktere finden nach einem medial geschalteten Castingaufruf vor ihre Kamera und sie alle bringen etwas mit: ihre Geschichte. Nach anfänglicher Schüchternheit oder verlegenem Grinsen schütten sie allesamt der Regisseurin ihr Herz aus, erzählen von ihren Träumen und Schicksalsschlägen, von der verpassten Liebe, vom Krieg, Schwindel und Angst oder suchen die Mutter, die vor Jahren davon gelaufen ist. Gurchiani gelingt es trotz der Vielfalt an Personen, die sie uns in 105 Minuten vorstellt, uns in den Bann jedes Einzelnen zu ziehen. Die Sequenzen, die sie ihren Porträtierten widmet sind überschaubar lang, aber für den Lauf dieser wenigen Minuten gehört das Zuschauerauge – und auch dessen Herz ganz allein der Geschichte, die gerade erzählt wird. Ein wunderbares wie spannendes Zeitbild des heutigen Georgiens. Eileen Reukauf

 

»Pablo’s Winter«

Pablo war einer der letzten Arbeiter der Quecksilbermine im spanischen Almadén – ein Ort, dessen beste Zeiten schon lange Vergangenheit sind. Der sture, alte Mann lässt das Leben an sich vorbeiziehen, sieht zu viel fern und raucht in Ketten. Nicht nur seine Frau, sondern auch sein Arzt raten ihm, es sein zu lassen. Doch das scheint Pablo nicht zu interessieren. Bis er sich plötzlich aufrafft, alte Freunde besucht, spazieren geht und mit einem kleinen Jungen aus dem Dorf anfreundet. Ihm bringt er nicht nur das Fahrradfahren bei, sondern geht mit ihm auf Erkundungstour durch die ehemalige Mine. In schwarz-weißen, wunderschönen und berührenden Momentaufnahmen zeigt der Film nicht nur den tristen Alltag des Rentners. Er arbeitet auch die Geschichte um den Niedergang der lokalen Minen-Industrie auf und schafft es, den Zuschauer zur selben Zeit lachen und weinen zu lassen. Nikta Vahid

Heute Abend werden die offiziellen Preisträger bekanntgegeben. Die Vergabe findet um 19.30 Uhr im Centraltheater statt. Im Anschluss daran wird der unterhaltsame Dokfilm »And Who Taught You To Drive« von Andrea Thiele, indem Fahrschule zur interkulturellen Herausforderung wird und der auch im Internationalen Wettbewerb läuft, gezeigt. Im Anschluss daran steigt die große Abschlussparty.

Viel Spaß im Kino und auf der Tanzfläche!

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