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Liebe Stadt, komm fang mich auf!

»Einen Gin Tonic auf dich und einen auf den Nikolaus!«

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Doctorella-Bandmitglied und Autorin Kerstin Grether hat für den kreuzer eine Kurzgeschichte zum Nikolaus geschrieben. Bevor es morgen auf der Adventsgala noch mehr Geschichten zu hören gibt, hier ihr literarischer Gast-Beitrag.

Ich glaube, es war ein Freitag, der 13. An diesem Tag hab ich Jasmin zum ersten Mal getroffen. Mir ist immer klar gewesen, dass solche Tage Glückstage sind, noch dazu in der Vorweihnachtszeit. Die Menschen sind einfach hellsichtiger – sie versuchen, das Unglück zu vermeiden und haben feinere Antennen für die Missgeschicke anderer. An diesem Freitag, den 13., wartete ich unbewusst auf eine neue Wendung in meinem Leben. Auf ein Zeichen, das mir helfen würde, meine innere Unruhe zu besiegen und mein trauerndes Herz etwas aufzuheitern.

Obwohl ich in einer abgehobenen Stimmung durch die Straßen Berlins schlenderte – mit meinen Gedanken ganz woanders – nahm ich das Mädchen wahr, das mitten auf dem Gehsteig saß und sich eine Zigarette drehte. Vielleicht wäre ich an einem anderen Tag einfach weitergelaufen, so berauscht war ich von einer namenlosen Sehnsucht in meinem Herzen und von den glitzernden Lichtern der Stadt. Die Lichterkettlein hingen wie Buntstifte von den Bäumen, als wollten sie die Menschen dazu auffordern, ein Bild zu malen. Und grelles Wintersonnenlicht blitzte frech dazwischen wie eine letzte oder eine erste Hoffnung. Aber hey, dieses irrsinnig verlorene Geschöpf da auf der Straße, sie war so etwas wie meine schwarze Katze. »Was für eine Verrückte«, dachte ich so bei mir und musste lachen, weil es das war, was die anderen normalerweise über mich dachten. Aber ich fand es wirklich wahnsinnig, dass sich ein Mensch bei eisigen Minusgraden auf einen Steinfußboden setzte, mit nichts als einer dünnen Nylonstrumpfhose an den Beinen.

Sie saß genau vor dem Reisebüro auf dem Weinbergsweg, um die Ecke befand sich die Straße, in der ich früher einmal gewohnt hatte. Wahrscheinlich eine Touristin aus dem Circus Hostel, dachte ich so bei mir, denn nur zwei Häuser weiter war eine Jugendherberge, die junge Leute aus der ganzen Welt anlockte. Ich habe einen Blick für Menschen, die sich nicht ganz zugehörig fühlen, vielleicht weil ich selber aus England stamme. Und ein Mädchen, das so ungeniert auf dem Gehsteig herumlungerte, musste sich ganz schön wie ein Alien fühlen.

Ich blieb stehen und riskierte einen Blick. Stechend grüne, rotgeweinte Augen blickten durch mich hindurch in die Ferne.

»Ist alles okay?«, fragte ich und registrierte eher unbewusst, dass an dem robusten orangefarbenen Wohnhaus hinter ihr immer noch das Schild von meiner früheren Hausärztin hing. Nicht, dass ich Bock gehabt hätte, bei den Temperaturen mit irgendwem ins Gespräch zu kommen, aber das Mädchen hatte die Haltung und den Blick von jemandem, der gleich ohnmächtig werden würde und Hilfe bräuchte. Sie schien jedenfalls voll neben sich zu stehen, was ganz im Gegensatz zu ihren rosa Bäckchen stand. Sie reagierte überhaupt nicht auf mich. Es war mir fast schon peinlich, dass ich sie überhaupt angesprochen hatte. Aber weil ich mal auf diesem Flecken Erde zu Hause gewesen bin, fühlte ich mich immer noch wie eine Hausmeisterin, die nach dem Rechten sehen musste, wenn sie das Gefühl hatte, dass etwas nicht stimmte. Ich fühlte mich fast ein wenig schuldig gegenüber dieser glücklichen Zeit meines Lebens. In der Nähe meiner früheren Wohnung durften keine Mädchen ohnmächtig werden oder erfrieren.

»Alles okay?«, wiederholte ich, etwas lauter, weil ich befürchtete, dass die vorüber ratternde Tram meine Frage verschlucken würde. Dieses Mal bekam ich eine Antwort.

»Nee, alles scheiße«, sagte das Mädchen mit geballter Wut in der Stimme. Die katzengrünen Augen schauten mich misstrauisch an. Aber ich musste lachen, weil ich es herrlich fand, wie viel Lebensfreude aus diesem Bündel Elend sprach.

»Was ist scheiße?«, fragte ich und kam mir vor wie meine eigene Mutter. Wenn ein punkiges Mädchen in diesem Teil der Stadt alles scheiße fand, fragte man doch als halbwegs normaler Mensch nicht nach. War doch klar, was alles scheiße ist! Alles halt, die ganze Welt, mit ihren Zurichtungen, Demütigungen und Schikanen. Mit ihren elenden Wartezeiten, bis man endlich ins Leben, ins wahre Leben vorgelassen wurde. Aber am allerschlimmsten war ja wohl dieser scheißkalte Winter, der einen seit Monaten wie ein fetter, nasser Hund begleitete.

Zu meinem Erstaunen sagte sie: »Ich muss morgen nach Amerika fliegen und ich habe eine Augenentzündung. Die Ärztin hat gesagt, ist nicht so schlimm, ich kann trotzdem fliegen. Aber ich hab keinen Bock auf den Scheiß. Ich kann nicht mehr.«

Hatte ich’s mir doch gedacht, dass sie ein Thema mit dem Ausland hat. Entweder sie war nicht von hier oder sie wollte weg. Ach, Quatsch, verbesserte ich mich, sie wollte ja gar nicht weg. Da sie keinerlei Anstalten machte aufzustehen, beugte ich mich weiter zu ihr herab, und versuchte es mit einem Lächeln, was mir einigermaßen widerstrebte, denn mir froren schon die Hände und die Nase zu. Gott, muss ich einsam sein, schoss es mir durch den Kopf, dass ich hier in der Kälte herumstehe und mit einer Wildfremden rede, anstatt Hand in Hand mit Thorben um die Häuser zu ziehen. Mein ganzes Leben hat sich nur um ihn gedreht, obwohl ich eine unabhängige Musikerin bin und weiß Gott genug zu tun habe. In den ersten Wochen unserer Trennungsphase hatte ich Beruhigungstabletten nehmen müssen, um überhaupt einschlafen zu können.

»Is` doch toll, Amerika«, ließ ich mich wieder auf mein Gegenüber ein und schnalzte mit der Zunge. Wie einen Sicherheitsgurt legte ich meinen britischen Akzent an, denn wenn ich ein cooles Subjekt von mir überzeugen wollte, funktionierte das fast immer.

»Kommst du etwa aus Amerika?«, fragte das Mädchen gereizt zurück. Sie klang nicht so, als würde sie die Antwort auch nur im Geringsten interessieren. Eher so, als ob sie überrascht davon sei, dass sie überhaupt etwas gesagt hatte. Sie schaute mir beim Sprechen nicht einmal in die Augen. Aber ich sah ein leichtes Lächeln, das um ihren Mund spielte. In diesem Teil von Mitte sprach nie irgendwer irgendwen an. Und wenn es doch mal vorkam, bemühten sich beide Seiten besonders herzlich und unvoreingenommen zu sein.

»Nee, ich wohne hier, seit ich acht Jahre alt bin, aber ursprünglich komme ich aus England«, sagte ich mein gewohntes Sprüchlein auf.

»Warst du schon mal in Amerika?«, wollte das Mädchen wissen.

»Ja, klar, oft«, rutschte es mir widerwillig raus.

»Is` es arg schlimm?«, fragte sie.

Ich lachte. »Nein, Quatsch, die Leute sind ganz nett.“

»Ich mein doch nicht die Leute, ich mein den Flug!«, sagte sie schroff, als ob ich begriffsstutzig wäre. Dann entschuldigte sie sich mit einem Achselzucken. »Ach, ich weiß auch nicht, was ich meine. Ich kann einfach nicht mehr, das ist alles.« Sie hielt mir ihre Zigarette hin, als ob es ein Joint wäre. Ich ignorierte das dünne Filterzigarettchen.

»Warum bleibst du nicht einfach zuhause?«, schlug ich vor. Was ich über Amerika gesagt hatte, war mir peinlich. Es ist ein doofes Klischee, dass die Leute in Amerika nett sind.

»Ich muss da hin, sonst schmeißen sie mich von der Schule«, sagte das Mädchen. »Ich hab vom Englisch-Leistungskurs ein Stipendium vermittelt bekommen, für drei Wochen Amerika, und ich hab mich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt. Aber meine Englisch-Lehrerin sagte, die Reise sei meine einzige Chance. Sie würden mich sonst von der Schule schmeißen, wegen der vielen Fehlstunden.«

»Ach, so, du gehst noch zur Schule.« Ich war immer überrascht, wenn Leute noch zur Schule gingen, zumal sie aussah, als ob sie schon über zwanzig wäre. Sie hatte so tiefe, schwarze Kaffeehaus-Ränder unter den Augen.

»Ja, leider, ich gehe noch zur Schule und ich kann nicht mehr«, wiederholte sie. Allmählich glaubte ich ihr.

»Warum denken die denn immer, dass ich noch kann? Ich kann doch nicht mehr«, jammerte sie, als ob sie unter einer Art Schock stehen würde. Die Aussicht am nächsten Tag nach Amerika fliegen zu müssen, schien sie komplett zu überfordern.

»Keiner kann von dir verlangen, dass du eine aufwendige Reise machst, wenn du dich nicht gut fühlst«, sagte ich tröstend. »Lass dir doch von der Augenärztin ein Attest geben, dann können sie doch nichts sagen.«

»Dann schmeißen sie mich von der Schule! Verstehst du, ich muss. Ich muss, ich muss, ich muss«, brach es aus ihr heraus, mit einer tonnenschweren Verzweiflung, die mich an meinen eigenen Winterblues erinnerte.

Ausgerechnet jetzt fiel mir ihr furchtbarer roter H&M-Mantel auf. »So einen Mantel hatte ich auch mal«, wechselte ich das Thema. Zu meiner Überraschung heiterte sich ihr Gesicht auf, sie fing an zu lachen. Ein ungläubiges, frohes Lachen, wie ein Kind, das seinen verlorenen Teddybären wiedergefunden hatte. »Das ist der beschissenste Mantel, den ich je hatte, aber ich liebe ihn«, sagte sie übermütig.

»Ich bin mir damit immer wie der Weihnachtsmann höchstpersönlich vorgekommen, deshalb hab ich ihn in die hinterste Ecke des Kleiderschrankes verbannt«, sagte ich schnell. Sie kicherte: »Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Aber was wäre das Problem dabei? Ich wäre gerne mal der Nikolaus. Dann könnte ich mir endlich mal etwas wünschen. Oder noch besser: anderen etwas schenken. Dann würde ich mit der Rute kommen und alle bösen Kinder bestrafen. Allen voran die Arschlöcher aus meiner Schule.«

»Wie heißt denn du? Steh auf, du holst dir doch den Tod.«

»Also gut«, sie rieb sich die trüben, kranken Augen, dann nahm sie die Hand, die ich ihr reichte und stand auf.

»Hallo, ich heiße Jasmin.«

»Hello, my name is Candy.«

Sie war ein paar Köpfe größer als ich. Einsachtzig oder noch größer, und wir mussten wieder lachen – weil ich so klein vor ihr stand, wie sie vor mir gesessen hatte. Jedenfalls glaubte ich, dass das der Grund war, warum wir lachten. »Und wie heißt du, Kleine?“, fragte sie, fast liebevoll. Mir wurde richtig warm ums Herz. Sie hatte den Mut, einen Menschen, den sie gar nicht kannte, »Kleine« zu nennen und ihm auf Anhieb all ihre wahren Gefühle mitzuteilen. Zu keiner Zeit des Gesprächs hatte sie sich verstellt. Solche Leute mochte ich!

»Zur Hölle mit der Schule und mit Amerika«, lachte ich, »jetzt gehen wir erst mal einen Kaffee trinken.«

»Ich trink zwei Gin Tonic«, lachte Jasmin, »einen auf dich und einen auf den Nikolaus.«

KERSTIN GRETHER

Kerstin Grether ist Schriftstellerin, Sängerin und Popkulturjournalistin. Von ihr erschienen unter anderem die Bücher»Zuckerbabys« und »Zungenkuss«.
Zusammen mit ihrer Schwester Sandra schrieb sie eine Weihnachtsgeschichte für das neue Suhrkamp-Werk »Der 24. Dezember - Neue Weihnachtsgeschichten«.
Daraus wird auch bei der großen Brockdorella-Adventsgala gelesen werden:
7.12., 20 Uhr, Schaubühne Lindenfels

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