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»Bei Hartmann ist man freier«

Centraltheater-Schauspielerin Birgit Unterweger über unzufriedenes Publikum, die geplanten Festspiele und ihren Dialekt

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Birgit Unterweger ist seit 2008 Schauspielerin am Leipziger Centraltheater, davor hatte sie Engagements in Weimar, Dortmund und Berlin. Die 36-Jährige gebürtige Linzerin hat sich mit dem kreuzer getroffen, um über Bühnenpräsenz, den Einfluss des Publikums auf Aufführungen und das Ende der Spielzeit im nächsten Frühsommer zu sprechen, das auch gleichzeitig das Ende des Ensembles bildet. Nachdem im Januar alle Stücke abgespielt werden, wird im Februar umgebaut, damit von März bis Anfang Juni die Leipziger Festspiele stattfinden können.

kreuzer: Geht es Ihrem Kollegen wieder gut? [Konstantin Bühler ist bei der Premiere von »Preparadise sorry now« während des Schlussapplauses auf der Bühne gestürzt.]

BIRGIT UNTERWEGER: Ja, dem geht es wieder gut. Das war wirklich ein Schock, weil der richtig schlimm auf den Scheinwerfer gefallen ist.

kreuzer: Sie sind ja auf der Bühne derzeit in recht unterschiedlichen Rollen präsent. Ist das nicht anstrengend?

UNTERWEGER: Nee. Ich empfinde es gerade gar nicht als so viel. In anderen Engagements hatte ich manchmal sieben oder acht Stücke gleichzeitig laufen, es könnte also ruhig noch mehr sein.

kreuzer: Und dass Sie manchmal auch innerhalb einer Inszenierung die Rollen wechseln, ist das anstrengend?

UNTERWEGER: Eigentlich genieße ich es sehr, dass ich spielen kann. Was im Moment sicher auch damit zu tun hat, dass jetzt die letzte Spielzeit in Leipzig ist, die ich noch mal richtig nutzen will. Die Vorstellungen bis Ende Januar sind abgezählt, es könnten gerne noch mehr sein, also macht das Switchen zwischen den Rollen Spaß.

kreuzer: Wird denn bei den sogenannten Leipziger Festspielen auch »feste gespielt«, um mal zu kalauern?

UNTERWEGER: Das kann total spannend werden: schneller Regisseurwechsel, ständiges Textlernen, permanent spielen – sicher kräftezehrend, sicher aber auch schön.

kreuzer: Da kommt man nicht zu vielen anderen Dingen?

UNTERWEGER: Das ist ja ein begrenzter Zeitraum. Aber ich bin gerne auf der Bühne und empfinde auch Verantwortung und Dankbarkeit gegenüber dem Publikum. Das ist ja eigentlich anmaßend, sich vor Leute hinzustellen, die dafür bezahlen, uns anzuschauen. Da darf ich es nicht raushängen lassen, wenn ich mal nicht so gut drauf bin. Man ist ja nicht immer cool, hat auch mal Ängste, wenn man auf die Bühne geht. Die Leute wollen aber trotzdem unterhalten werden – oder eben auch weinen oder empört rausgehen.

kreuzer: Kriegt man auf der Bühne viel vom Publikum mit?

UNTERWEGER: Ja, sehr, es kommt immer direktes Feedback. Das Publikum ist immer anders, deshalb ist jede Vorstellung anders. Das macht den Reiz daran aus, auf der Bühne zu stehen. Es kommt vor, dass das Publikum mal keine Reaktionen zeigt, aber auch, dass man ein bisschen mit den Zuschauern rumprobieren kann.

kreuzer: Bei »Preparadise sorry now« holen Sie einen Zuschauer aus dem Publikum.

UNTERWEGER: Das habe ich aus dem Film »Magnolia«. Dort sollen sich Männer hinstellen, in den Schritt fassen und rufen: »Riskiere den Schwanz und zähme die Möse!«

kreuzer: Das muss der Mann auch tun, den Sie während der Vorstellung aus dem Publikum holen. Haben Sie bei solchen Sachen im Vorfeld Angst davor, dass das schiefgeht und die Leute nicht mitmachen?

UNTERWEGER: In einer Vorstellung gab es einen, der das überhaupt nicht mitmachen wollte. Natürlich zwinge ich keinen, das ist doch ganz klar, das soll ja immer noch lustig sein und Spaß machen. Da habe ich zusammen mit ihm was improvisiert.

kreuzer: Wie fühlt sich das an, wenn das Publikum eine Vorstellung eher verlässt?

UNTERWEGER: Das war bei »Paris, Texas« in Recklinghausen so. Da war es halb so schlimm, weil es nicht die Premiere war, die hatte ja in Leipzig stattgefunden. Wir haben dann gedacht, dass sich die Leipziger Zuschauer wohl schon ganz gut an den Hartmann-Stil gewöhnt haben. Deshalb waren wir eher stolz als sauer.

kreuzer: Muss man die »Schuld« für empörtes Publikum nicht eher dem Regisseur geben?

UNTERWEGER: Als Schauspieler ist man sicher eher das ausführende Organ. Das ist aber nicht bei allen Regisseuren so, bei Sebastian Hartmann zum Beispiel, und auch bei anderen, geht es mehr um Teamarbeit. Wenn man sich auf Hartmanns Gedankenwelt eingelassen hat, wenn man das geschafft hat, kann man die Rolle entfalten, wie man will. Andere Regisseure geben sehr genaue Anweisungen und wollen ihre Ausdrucksweise auf der Bühne sehen, à la: Du musst den Satz so und so sprechen, du musst von da nach da gehen, dann hebst du den Arm so usw.

kreuzer: Ist man da nicht viel weniger alleine?

UNTERWEGER: Bei Hartmann ist man freier, weil man gedanklich selbst eng an der Rolle arbeitet, aber nie alleine. Seine Produktionen sind anstrengender als andere, aber man merkt, dass Inszenierungen lebendig sind, und das finde ich bezaubernd.

kreuzer: Geht es eigentlich auch ohne Regisseur?

UNTERWEGER: Ich denke nicht. Es braucht jemand, der außerhalb steht, nicht Teil des Gefüges auf der Bühne ist, und die Schauspieler als Gegenüber sehen kann, sie beobachtet und spiegelt.

kreuzer: Wieso sind Sie eigentlich Schauspielerin geworden?

UNTERWEGER: Das wollte ich schon immer.

kreuzer: Wie, schon immer? So wie die Leute, die schon als kleine Kinder erzählt haben, dass sie Arzt werden und dann sind sie tatsächlich Arzt?

UNTERWEGER: Ja, genau. Ich habe schon früh meiner Familie vorgespielt.

kreuzer: Gab es dafür eine Anregung von außen?

UNTERWEGER: Von meiner Tante Almut Zilcher. Sie ist am Deutschen Theater in Berlin und mein großes Vorbild. Mit 16 Jahren habe ich sie in Köln als »Fräulein Julie« gesehen. Ich durfte damals das erste Mal bei Proben dabei sein und da war es um mich geschehen. Also bin ich nach dem Abitur zur Aufnahmeprüfung gegangen.

kreuzer: Spielen Sie gerne auch mal die Österreicherin oder ist Ihnen das eigentlich zu klischeehaft?

UNTERWEGER: Das kann schon toll sein, wie bei »Pension Schöller«. An anderen Stellen, wie bei »Preparadise sorry now« dient der Dialekt mehr dem Ziel, ein bisschen Energie in die Inszenierung zu bringen. Und manchmal hilft mir mein Dialekt auch, ein besseres Gefühl für den Text zu kriegen.

kreuzer: Zum Abschluss eine typische Journalistenfrage: Welche Rolle würden Sie gerne mal spielen?

UNTERWEGER: Oh Gott, darauf ich bin nicht vorbereitet! Das ist wirklich eine typische Journalistenfrage. Von den klassischen Rollen würde mich Lady Macbeth reizen. Ansonsten habe ich die Rolle meines Lebens eigentlich schon mal gespielt: Hedda Gabler. Davon abgesehen ist mir natürlich jede Rolle eine Herausforderung, über die ich mich freue.

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