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Urbane Wüsten

Die Kinostarts der Woche im Überblick

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Urbane Wüsten und wundervolle Landschaften stehen im Mittelpunkt der heutigen Kinostarts: Mitten in Europa treiben zwei Wanderhirten eine Herde Schafe durch die winterkalten Berge und liefern damit ein faszinierendes Gegenstück zum sonst wohlstrukturierten urbanen Alltag. Eine junge Frau verlässt nach vielen Jahren das erste Mal den Zoo, in dem sie aufwuchs, und entdeckt, was urbaner Alltag überhaupt bedeutet. Und der junge Inuk entflieht jener Städtewüste und zieht ins ewige Eis. Der alternde Renoir entdeckt seinen letzten Frühling und ein Familienvater verliert die Kontrolle in Bukarest.

Der Wanderhirte Pascal liebt die Schäferei. Vor Jahren erlernte er sein Handwerk von italienischen Schäfern und führt nun die junge Carole in diese Jahrtausende alte Tradition ein, die in ganz Europa nur noch wenige beherrschen. Gemeinsam bewegen sie eine riesige Schafherde vorbei an Touristen, wunderschönen Winterlandschaften und skeptischen Bauern, die solches Fußgetrappel auf ihrem Land nicht sehen wollen. Das dokumentarische Filmabenteuer »Winternomaden« begleitet sie auf dieser Reise, die ins Herz einer sich wandelnden Region führen wird. Geschützt nur von Planen und Schaffellen durchqueren die Schäfer mit ihren Tieren in vier Monaten 600 Kilometer. Ein außergewöhnliches Abenteuer voller Herausforderungen und im intimen Kontakt mit Natur und Witterung. »Winternomaden« läuft im LURU-Kino in der Spinnerei.

Im Grunde genommen ist der zweite Langfilm des indonesischen Regisseurs Edwin (»Blind Pig Who Wants To Fly«, 2008) schnell zusammengefasst: Die kleine Lana wird von ihren Eltern im Zoo von Jakarta ausgesetzt. Hier wächst sie in der Obhut der Tierpfleger auf, bis sie als junge Frau neugierig den schützenden Mikrokosmos verlässt, der bis dato lediglich durch die Besucherströme verriet, dass es auch eine Welt außerhalb der Zoomauern geben muss. Sie geht mit einem Cowboy und Magier, der sie jedoch schnell im Alltagsgrau der Großstadt zurücklässt. Edwin folgt in seinem Film »Die Nacht der Giraffe« keiner klassischen Narration. Vielmehr bedient er sich einer ungewohnten Erzählweise, die einem poetischen Blick auf die Geschichte folgt. Im ersten Drittel des Films inszeniert er in traumgleichen, wunderschönen Bildern den Zoo als Paradies und streift geradezu schlafwandlerisch von Gehege zu Gehege – und mit ihm der Zuschauer. Gebrochen wird der eigentümliche Charme des Films mit dem Fortgang Lanas aus dem Zoo im zweiten Drittel. Auch hier bleibt Edwin seiner losen Erzählweise treu und verwebt collagenartig Lanas Tätigkeit mit Sehnsuchtsbildern vom Zoo. Doch anders als die Welt des Zoos lässt sich das Stadtgeschehen dadurch nie richtig greifen. Zu sehr verharren die Szenen in Andeutungen, was wirklich mit Lana passiert – und so entzieht, wenn auch auf angenehme Weise, Edwin seine Geschichte immer wieder der Wirklichkeit. Die ganze Kritik zum Film finden Sie im aktuellen kreuzer. »Die Nacht der Giraffe« läuft vom 7. bis 9. und am 11. Februar in der Kinobar Prager Frühling und am 22., 25. und 26. Februar in der Cinémathèque in der naTo.

Vernachlässigt von der betrunkenen Mutter und deren Freund gerät das Leben des Jugendlichen Inuk (Gaba Petersen) immer mehr außer Kontrolle. Das Jugendamt schickt Inuk deswegen fort aus der grönländischen Hauptstadt Nuuk in den Norden des Landes – auf eine kleine Insel inmitten des arktischen Eises. Anfangs noch zurückhaltend öffnet sich Inuk zunehmend den anderen Heimkindern, aber auch den etwas kauzigen Dorfbewohnern gegenüber. Als Inuk auf den wortkargen Jäger Ikuma (Ole Jørgen Hammeken) trifft, der ihn mit hinaus in die eisige Landschaft auf eine Eisbären-Jagd nimmt, scheint die eigentliche Herausforderung für Inuk an die Tür zu klopfen. In ein märchenhaftes wie raues Wintersetting hat Mike Magidson seine erste Regiearbeit gebettet und erzählt auf einfühlsame Weise vom Beginn einer außergewöhnlichen Freundschaft zwischen einem verunsicherten Jungen und einem gebrochenen Mann. »Inuk« ist ab heute in der Schauburg zu sehen.

Zwei Tage lang zieht Viorel (gespielt von Regisseur Cristi Puiu selbst), frisch geschiedener Vater von zwei kleinen Töchtern, durch Bukarest. Ebenso wie das Ziel seines Umherstreunens zunächst im Unklaren bleibt, genauso lässt sich seine psychologische Disposition nur erahnen. Da hat sich der Film bereits mit einer unguten Atmosphäre aufgeladen, die den Mann mit dem bedrohlichen Blick hoch verdächtig erscheinen lässt. Und doch erschrickt der Zuschauer, wenn er sieht, dass Viorel das Gewehr einsetzt, um mehrere Menschen kaltblütig zu ermorden. »Aurora« feiert am 8. Februar seine Leipzig-Premiere im UT Connewitz und ist am 9. und 11. Februar noch einmal zu sehen.

Zurückgezogen lebt der Maler Auguste Renoir (Michel Bouquet) mit seinem Sohn (Vincent Rottiers) in einem Haus an der Côte d’Azur. Die Malerei ist nach wie vor seine große Leidenschaft, doch Renoir ist alt geworden und leidet sehr unter dem Verlust seiner Frau. Eines Tages erscheint die junge Andree (Christa Theret) bei Renoir, um für ihn Modell zu stehen, und bringt frischen Wind in das Leben der beiden Männer. Das feinfühlige Drama »Renoir« über den Maler und seine letzte Muse versprüht zarten Frühlingswind in den Kinoreihen und ist ab heute in den Passage Kinos und ab 28. Februar auch in der Schauburg zu sehen.

Im Mittelpunkt dieser faszinierenden Reise rund um die Shows von »Cirque Du Soleil: Traumwelten« stehen die junge Mia (Erica Linz), die einen altmodischen Zirkus besucht und sich dort in einen geheimnisvollen Luftakrobaten (Igor Zaripov) verliebt. Die beiden werden durch widrige Umstände getrennt und begeben sich auf die Suche nacheinander. Dabei geraten sie immer wieder in die Darbietungen der Artisten, Künstler und Musiker der Cirque Du Soleil-Gruppe. »Cirque Du Soleil: Traumwelten« läuft im CineStar.

Zwei Jahre nachdem Henry (Til Schweiger), Katharina (Jasmin Gerat), Tristan (Samuel Finzi) und Magdalena (Emma Schweiger) eine Patchwork-Familie geworden sind, läuft alles drunter und drüber. Während Magdalena zum ersten Mal verliebt ist, beginnt Henry eine Karriere als Filmproduzent. Bei seinem ersten großen Projekt muss er sich gleich mit dem überkandidelten Jungschauspieler Matthias Schweighöfer herumschlagen. »Kokowääh 2« läuft im CineStar, im Regina Palast und im Cineplex im Alleecenter.

Der Dieb Parker (Jason Statham) hat einen strengen moralischen Kodex. Er bestiehlt nur die Reichen und verletzt nur die, die es seiner Ansicht nach auch wirklich verdient haben. Seinen neuesten Job vermittelt ihm Hurley (Nick Nolte), der Vater seiner Freundin (Emma Booth). Die neuen Kumpane schlagen vor, die gewonnene Beute direkt in einen noch größeren Coup zu investieren. Parker lehnt ab und wird dafür von seinen Komplizen getötet. So sieht es zumindest aus. »Parker« läuft im CineStar und im Cineplex im Alleecenter.

1882 wurde der Bau der Sagrada Familia begonnen, der bis heute unvollendet ist. Das Bauwerk entsteht und wächst langsam weiter, doch die jüngsten Prognosen sprechen davon, dass erst 2026 mit einer Fertigstellung zu rechnen sei. Um den Vater des Bauwerks, Antoni Gaudi, ranken sich viele ungeklärte Fragen. Wer aber waren seine Nachfolger? Der Dokumentarfilmer Stefan Haupt zeichnet in »Sagrada« den Entstehungsprozess der Kirche von seinen Anfängen an nach. Der Film läuft in den Passage Kinos. Am 12. Februar wird der Regisseur anwesend sein.

Freie Liebe und revolutionäre Absichten – durch die Alzheimererkrankung seiner Mutter entdeckt der Filmemacher David Sieveking den Schlüssel zu deren Vergangenheit. Unsere Autorin Hanne Biermann hat sich für uns »Vergiss mein nicht« angesehen.

Filmfutter fernab der Filmstarts:

Cinema Tunesien

Widerstand, Revolution und der tunesische Film: Film als Mittel und Ausdrucksform des Widerstands hat eine lange Geschichte in Tunesien. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe »Cinema Tunesien« werden die Facetten des tunesischen Independent-Kinos seit 1962 beleuchtet.

7. Februar, Cineding

Mehr Filmbesprechungen und -tipps finden Sie hier und in unserer Printausgabe.

Wie immer: Gute Unterhaltung im Kinosessel!

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