Startseite / Filmkritik / Psychologie eines Hausflurs

Psychologie eines Hausflurs

In »Corridor« versuchen sich Johan Lundborg und Johan Storm am Thrillergenre

Größeres Bild

Wer kennt das nicht? Immer dann, wenn man sich mit Absicht aus dem Trubel der Welt um einen herum zurückzieht, um sich ausschließlich auf ein persönliches Vorhaben zu konzentrieren, klopft natürlich die Welt an und versucht, einen scheinbar mit allen Mitteln daran zu hindern. Genau so ergeht es dem jungen Medizinstudenten Frank, der Hauptfigur in »Corridor«, dem Kinoerstling von Johan Lundborg und Johan Storm, die sich beide sowohl für Drehbuch als auch Regie verantwortlich zeigen.

Der eigenbrötlerische Frank (Emil Johnsen) ist ein ehrgeiziger Student, der sich auf seine bevorstehenden Examensprüfungen vorbereiten möchte. Das Problem dabei: Seine Nachbarin Lotte (Ylva Gallon), die wiederholt an seine Wohnungstür klopft. Tagsüber hält sie ihn mit ihrer Neugierde vom Lernen ab. Nachts stören ihn die Sexgeräusche von ihr und ihrem Freund Micke (Peter Stormare). Nachdem Frank eines Tages im Hausflur angegriffen wird und Lotte sich danach um ihn kümmert, lernen die beiden sich besser kennen. Micke macht das rasend vor Eifersucht. Fortan ist Frank ihm ein Dorn im Auge. Spätestes als Frank aber akustischer Zeuge eines heftigen Streits zwischen dem Paar wird, bekommt er es mit der Angst zu tun. Vor allem deswegen, weil fortan keinerlei Geräusche vernehmbar sind.

Mit minimalen Mitteln entwickelt »Corridor« aus einer alltäglichen Situation einen Psychothriller, dessen Erzählperspektive auf das (Nicht-)Wissen seiner Hauptfigur abgestimmt ist. Zuerst empfindet man Mitleid mit Frank. Dieses wird jedoch zunehmend von Irritation abgelöst, weil sein fahriges, sprunghaftes Verhalten zunehmend schwerer nachzuvollziehen wird. Verhält er sich so sonderbar aufgrund des Prüfungsstresses? Mischt er sich zu sehr in Lottes Angelegenheiten ein? Mischt er sich vielleicht gerade zu wenig ein? Ist sie wirklich in Gefahr? Vom Drehbuch her ist Frank der facettenreichste Charakter, allerdings wird der genretypische, weitläufige Spannungsbogen zum größten Teil durch seinen Gegenspieler getragen. Peter Stormare gibt diesen Micke als ultimativen Bösewicht mit einem psychotisch verzweifelten Blick. Sein Micke ist kantig und unnahbar, unheimlich und unkontrollierbar cholerisch zugleich. Wer sich jetzt wundert, wieso der bekannte Schauspieler Peter Stormare in solch einer kleinen Produktion mitspielt, dem sei gesagt, dass Stormare der Onkel von Johan Storm, einem der beiden Regisseure, ist. So sehr man sich auch an Stormares Spiel erfreut, so sehr kann einfach nicht geleugnet werden, dass daneben alle anderen etwas blass wirken.

Obwohl: Emil Johnsen als Frank gibt sich redlich Mühe. Dessen Kontrollzwang und stetes Nachforschen spiegeln sich in der Kameraführung wider, die seinem Blick folgt hin über die verschnörkelten Tapeten seiner Wohnung und des Korridors. Ähnlich verschlungen wie jene Muster scheint Franks Phantasie zu sein. Aus Kameraperspektive ist »Corridor« ein Film, der ausgedehnt Räume und deren Bewohner untersucht. Fast ausschließlich in Interieurs gedreht, wird eine klaustrophobische Atmosphäre im Stile US-amerikanischer Psychothriller der siebziger Jahre erzeugt. Große Namen stehen offensichtlich auf der Liste der Vorbilder der beiden Regisseure: Orientiert haben sie sich an Hitchcock, was den Spannungsaufbau angeht, an Polanskis Vorliebe für isolierte Welten und an Tom Tykwers Art, Details zu filmen und zackig getaktet aneinander zu montieren. Keine Frage: »Corridor« dekliniert sicher viele Regeln des Genres durch. Leider aber will der Film im Endeffekt nicht wirklich zünden. Dazu scheint er zu mechanisch konstruiert und ist oft zu hölzern gespielt. Am meisten zu bedauern ist, dass »Corridor« es nicht schafft, den Zuschauer wirklich zu überraschen. Für Genrefans ist der Film sicherlich einen Abend wert.

Cinémathèque in der naTo 1.-7., 12.3.

Anzeige

Kommentieren

Dein Kommentar

Kommentare sind deaktiviert.