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Die Welt ist voller Sünde

Ein Amerikaner im Iran, die Mutter Gottes vor der Haustür – die Kinostarts im Überblick

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Ulrich Seidl blickt im zweiten Teil seiner Paradies-Trilogie gewohnt gnadenlos auf die Niederungen des Katholizismus, während Harmony Korine in jeglicher Hinsicht mit dem Quäntchen zu viel sein Unwesen treibt. Till Schauder begleitet einen amerikanischen Basketballspieler in Iran. Ulrich Mühe und Susanne Lothar beeindrucken als zerrüttetes Ehepaar ein letztes Mal auf der Leinwand. Darüber hinaus gibt es Prähistorisches, eine norwegische Abenteurergeschichte, Geoffrey Rush als verkappten Antiquitätenhändler, der sich von Jim Sturgess als jungem Bastler Frauentipps geben lässt, zwei französische Komödien und noch ein kleines bisschen mehr.

»Die Mutter Gottes kommt zu Ihnen zu Besuch«, ruft Anna Maria (Maria Hofstätter) freudestrahlend aus, als sich die Wohnungstür öffnet. Im Arm hält sie eine halbmetergroße Marienstatue, mit der sie durch die wenig feinen Viertel Wiens stolziert, um die Menschen zum rechten Glauben zu bekehren. Anna Maria ist eine überzeugte Katholikin mit einem unbezwingbaren Missionierungsdrang. Denn die Welt ist voller Sünde und Anna Maria ist bereit, dafür zu büßen. »So viele Menschen sind besessen vom Sex. Befreie sie von ihrer Triebhaftigkeit«, betet sie und geißelt sich – das Kruzifix fest im Blick – mit der neunschwänzigen Katze. In »Paradies: Glaube« blickt Ulrich Seidl mit gewohnter Gnadenlosigkeit auf die Niederungen des radikalen Katholizismus. Aber der Film bleibt nicht bei einer dokumentarischen Satire stehen, sondern entwickelt aus der Figur der christlichen Fundamentalistin ein beklemmendes Drama. Die vollständige Kritik zu »Paradies: Glaube« von Martin Schwickert können Sie im aktuellen Heft nachlesen. Der Film läuft in der Schauburg.

2007 überschattete Ulrich Mühes Tod die Endbearbeitung von Nicole Moslehs Regiedebüt »Nemesis«. Ein darauf folgender Rechtsstreit mit Susanne Lothar ließ den Film für lange Zeit in der Versenkung verschwinden. Doch Lothar und die junge Regisseurin Nicole Mosleh einigten sich, und bevor der Film im November letzten Jahres tatsächlich seine Kinopremiere feierte, verstarb auch noch die Hauptdarstellerin. Moslehs Film erzählt von den letzten Tagen im gemeinsamen Haus eines Ehepaares, bevor dieses getrennte Wege gehen möchte. Das Haus ist bereits verkauft, und die ersten Sachen werden unter argwöhnischen Blicken aufgeteilt. Bruchstückhaft werden die tragischen Ereignisse, die sich zuvor im Haus zugetragen haben, zusammengesetzt und mit neuen Schikanen der Eheleute untersetzt. Als beklemmendes Kammerspiel angelegt, erzählt Mosleh von einem familiären Psychotrip, der nach und nach verdrängte Wahrheiten an die Oberfläche bringt. Die dramaturgischen Mängel im Drehbuch lässt man schnell außer Acht, beweisen Lothar und Mühe in diesem Film noch ein letztes Mal ihr außergewöhnliches schauspielerisches Können. »Nemesis« feiert mit Verzögerung nun auch in Leipzig seine Leinwandpremiere und läuft vom 21. bis 23. März in der Kinobar Prager Frühling.

Weihnachten 2008: Der afroamerikanische Basketballspieler Kevin Sheppard lebt seit wenigen Monaten in einer Stadt im Süden Irans. Er ist der Superstar des örtlichen Basketballvereins A.S. Shiras, der ihn für eine Saison verpflichtet hat. Sheppard soll dem Team den Einzug in die Playoffs der iranischen Superleague ermöglichen. Filmemacher Till Schauder begleitet in seinem Dokumentarfilm »The Iran Job« einen amerikanischen Basketballspieler im Iran und erzählt auf sympathische Weise nicht nur eine sportliche Erfolgsgeschichte, sondern gewährt zugleich einen tiefen Einblick in den Alltag der iranischen Gesellschaft. »The Iran Job« läuft im Cineding.

Wer hat zuerst die abgelegenen Archipele Polynesiens besiedelt und wie sind die Menschen überhaupt dorthin gelangt? Um zu beweisen, dass eine frühe Besiedlung der Südsee-Inseln auch durch die Südamerikaner mit primitivsten Mitteln möglich gewesen ist, kommt der norwegische Ethnologe Thor Heyerdahl (Pal Sverre Valheim Hagen) 1947 auf eine abenteuerliche Idee: Er will mit einem einfachen Floß den Pazifik überqueren. Mit fünf Weggefährten baut er aus Balsaholz ein Floß, das sie Kon-Tiki taufen – und tritt von Peru aus die knapp 8.000 Kilometer lange, über 100 Tage andauernde Reise über den Ozean an. Auf wahren Begebenheiten beruhend, inszenieren Joachim Roenning und Espen Sandberg (»Max Manus«, 2008) in »Kon-Tiki« die waghalsige Expedition Thor Heyderdahls (1914–2002), dessen Reiseerinnerungen in Buchform über 50 Millionen Mal verkauft wurden, als bildstarkes Abenteuer. »Kon-Tiki« läuft im CineStar und in den Passage Kinos.

»Virgil Oldman (Geoffrey Rush) ist ein kultivierter Einzelgänger, dessen Abneigung gegen seine Mitmenschen – vor allem Frauen – nur noch von seinem besessenen Engagement für seinen Beruf als Antiquitätenhändler übertroffen wird. Virgil erhält den telefonischen Auftrag einer Frau: Er soll den Verkauf einiger Kunstgegenstände aus ihrem Familienbesitz abwickeln. Als er zur verabredeten Zeit eintrifft, um sich die Objekte anzusehen, erscheint sie allerdings nicht, und sie lässt sich auch später niemals blicken. Mehr als einmal ist Virgil fast entschlossen, dem heillosen Durcheinander einfach den Rücken zu kehren. Doch der geheimnisvollen Frau gelingt es immer wieder, ihn zur Weiterarbeit zu überreden. Die beiden beginnen eine rätselhafte Schachpartie, die in Virgil schon bald eine große Leidenschaft entfacht und seine graue Existenz nachhaltig verändert.« (Warner Bros.) »The Best Offer« ist in den Passage Kinos zu sehen.

Ousmane (Omar Sy) ist mit seiner großen Klappe alles andere als ein Vorzeigepolizist, aber sein Revier ist ja auch die berüchtigte Pariser Vorstadt Bobigny. Dort beschattet er seit Monaten einen kriminellen Ring und ist den großen Fischen längst auf der Spur. Als die Leiche der Frau von Frankreichs wichtigstem Industriellen in seinem Viertel entdeckt wird, erscheint plötzlich der versnobte François (Laurent Lafitte) von der Pariser Mordkommission in Bobigny – und die beiden müssen sich unfreiwillig als Team zusammentun. Mit Action und komischen Sprüchen garniert, schickt Regisseur David Charhon sein sympathisches Duo auf Verbrecherjagd. »Ein Mordsteam« läuft im CineStar und im Cineplex im Alleecenter.

Für Isabelle (Diane Kruger) dreht sich alles ums Eheglück. Seit Generationen sucht die Frauen in ihrer Familie der Fluch heim, dass ihre erste Ehe scheitert. Erst die zweite Ehe brachte das erhoffte andauernde Glück. Dabei ist Isabelle äußerst zufrieden in der Beziehung mit Pierre – und würde gern diesen bindenden Schritt weitergehen. Um den Fluch zu umgehen, plant sie mit ihrer Schwester, irgendeinen dahergelaufenen Idioten zu ehelichen und sich gleich wieder scheiden zu lassen. Diesen findet sie am Flughafen in dem Reisebuchautor Jean-Yves (Dany Boon). Doch um Jean-Yves zu heiraten und wieder zu verlassen, muss sie ihm schon von den Massai bis nach Moskau folgen. Seichte Liebeskomödie mit Diane Kruger und Dany Boon, die zwar als gegensätzliches Paar gut harmonieren, aber der Geschichte letzten Endes auch nicht mehr Nährboden verschaffen. »Der Nächste, bitte!« von Pascal Chaumeil (»Der Auftragslover«, 2010) läuft im Cineplex im Alleecenter und im Regina Palast.

Zugegeben: Die Mischung aus Darstellern und Crew, aus der sich »Spring Breakers« zusammensetzt, ist mehr als fragwürdig. Da wären zum einen die ehemaligen Disney-Teeniestars Selena Gomez und Vanessa Hudgens, die in knappen, neonfarbenen Bikinis durch den Film hüpfen. An ihre Seite gesellt sich der derzeit omnipräsente James Franco als überdrehter, rappender Krimineller mit Goldzahn. Im Hintergrund geben Dubstep-Bässe den treibenden Rhythmus vor. Und verantwortlich für all das ist Harmony Korine, der in den neunziger Jahren mit dem Drehbuch des drastischen Jugenddramas »Kids« für einen handfesten Skandal sorgte. Genau wie in »Kids« haben es die Jugendlichen in »Spring Breakers« vor allem auf zwei Dinge abgesehen: Sex und Drogen. Um das zu bekommen, verbringen vier Freundinnen die berühmt-berüchtigten Frühlingssemesterferien unter der Sonne Floridas. Das Geld dafür ist geraubt, die Erlaubnis der Eltern erlogen. Der Ausbruch aus der Normalität erfolgt für die Freundinnen bedingungslos. Und immer, wenn man meint, endlich einen Schwachpunkt des Films ausgemacht zu haben, überrascht er sofort mit neuen, noch absurderen Einfällen, so dass man die Kritik schnell wieder vergisst. Die ganze Kritik von Hanne Biermann finden Sie im aktuellen Heft. »Spring Breakers« läuft in OmU in den Passage Kinos und in der deutschen Fassung im Regina Palast.

Während der prähistorischen Ära gehören die sogenannten Croods zu den letzten Überlebenden ihrer Spezies. Sie leben abgeschottet in ihrer Höhle, bis das Zuhause zerstört wird und sie zwangsweise umziehen müssen. Eine abenteuerliche Suche nach einem neuen Unterschlupf beginnt. Auf dieser Reise treffen Stammesoberhaupt Grug und seine Familie auf den jungen Guy, der sich – wie soll es anders sein – auch noch in Grugs aufgeweckte Tochter Eep verliebt. Zuckersüße Unterhaltung mit der abenteuerlichen Steinzeitgeschichte »Die Croods« gibt es im CineStar, im Cineplex im Alleecenter und im Regina Palast.

Mika (Hanna Binke) ist überhaupt nicht erfreut darüber, dass sie die Versetzung in die nächste Klasse nicht geschafft hat. Ihre Eltern (Nina Kronjäger und Jürgen Vogel) schicken sie für den Sommer auf das Gestüt ihrer strengen Großmutter (Cornelia Froboess), um dort die Zeit vor allem mit Lernen zu verbringen. Doch neben dem Stallburschen Sam (Marvin Linke), der sie nicht aus den Augen lässt, entdeckt Mika noch etwas anderes, was auf dem Hof ihr Interesse weckt: den wilden und scheuen Hengst Ostwind. Das Familienabenteuer »Ostwind« um eine 14-Jährige, die ihr Talent als Pferdeflüsterin entdeckt, von Katja von Garnier (»Bandits«, 1997) können Sie sich im CineStar, im Cineplex im Alleecenter und im Regina Palast anschauen.

In der Kinobar feiert am morgigen Freitag Zotan Pauls Beziehungsdrama »Frauensee« im Rahmen der L-Night in Spring seine Leipzig-Premiere. Im Anschluss daran sorgen CFM und manamana für frühlingshafte Tanzstimmung im Ilses Erika!

Filmfutter fernab der Neustarts:

Kurzfilmpremiere: »Schuhe machen Leute – You Are What You Wear!«

Im März 2012 gibt der Aktivist und Künstler Louie Gong aus Seattle in Leipzig einen einwöchigen Empowerment-Workshop für Jugendliche mit Migrationshintergrund. Die gestalten in dessen Rahmen Vans-Schuhe mit Symbolen ihrer Herkunftskultur(en). Javier Santos hat in Zusammenarbeit mit dem Verband binationaler Familien und Partnerschaften Leipzig einen kurzen Dokumentarfilm darüber gedreht. »Schuhe machen Leute – You Are What You Wear!« feiert morgen seine Leipzig-Premiere in der Cinémathèque in der naTo.

22.3., Cinémathèque in der naTo, Eintritt frei.

WerkSCHAU mit Visconti und Pasolini

In Erinnerung an drei umfangreiche Retrospektiven der letzten Jahre, die sich je einem italienischen Regisseur widmeten, zeigt die Schaubühne weitere Filme der Regisseure und zeigt im März »Ossesione« von Luchino Visconti und »Das erste Evangelium Matthäus« von Pier Paolo Pasolini.

21.–23., 28.–31.3., Schaubühne Lindenfels

»Searching For The Nothern Sou«

Im Oktober 2012 reiste der Leipziger Filmemacher Marcus Mötz auf Expedition durch Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland. Dabei traf er Künstler, mit denen er Interviews führte und Musik machte. Darüber hinaus ging er Mythen und Klischees auf den Grund. Mit einer Handkamera hielt er seine Begegnungen und Erlebnisse fest. Mötz’ Reisetagebuch feiert heute seine Premiere.

21.3., Grieg-Begegnungsstätte Leipzig e.V., 27.3., Europa-Haus Leipzig e.V.

Mehr Filmbesprechungen und -tipps finden Sie hier und in unserer Printausgabe.

Gute Unterhaltung im Kinosessel!

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