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Keine Stolperfallen

Die Kinostarts der Woche im Überblick

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Thomas Vinterberg kehrt mit »Die Jagd« in alter Form zurück. David Lambert erzählt in seinem Debüt eine altbekannte Liebesgeschichte. Christine Ostermayer und Karl Merkatz genießen ihr kurzes Leinwandliebesglück und Marc Rothemund tauscht Perücken aus. Und Bruce Willis? Der ballert mal wieder.

Für den jungen Paulo scheint klar, dass er seinem Freund Ilir, der für 18 Monate wegen Drogenkonsum inhaftiert wird, beistehen will. Doch Ilir weigert sich – zu schmerzhaft ist die halbe Stunde pro Woche, die den beiden jungen Männern während der Besuchszeit bleibt – und schickt Paulo fort. In seinem Debütfilm »Jenseits der Mauern« erzählt David Lambert eine altbekannte Geschichte: Die Liebe eines homosexuellen Pärchens wird durch unglückliche Umstände auf eine harte Probe gestellt. Allerdings reiht sich Lamberts Film in einen Trend des queeren Kinos ein, der die Beziehung zwischen zwei Männern nicht zum gesellschaftlichen Problem erhebt, sondern im Alltag verortet. Statt Nischen wie Coming-out oder Ausgrenzung zu bedienen, spielt es bei Lambert keine Rolle, was andere über die Verliebten denken. Vielmehr konzentriert er sich auf die Beziehung zwischen Paulo und Ilir, die ihre eigenen Kämpfe mit der Homosexualität ausfechten – und erst recht mit der ungewöhnlichen Haftsituation. Natürlich kommt der Film nicht ganz ohne Klischeekiste aus, allerdings bedient er sich aus jener, die für klassische Liebesgeschichten vorgesehen ist. Etwas holzschnittartig sind seine Figuren angelegt, die sich schnell in den Schwächeren und den Stärkeren aufteilen lassen. Schon früh scheint klar, dass diese Schablonen bald auch ausgetauscht werden können. Dennoch gelingt es den beiden Hauptdarstellern Matila Malliarakis als Paulo und Guillaume Gouix als Ilir, diese stereotyp angelegten Charaktere mit großer Sympathie auszufüllen – und den Zuschauer für ihre Liebe unter extremen Bedingungen mitzureißen.

> »Jenseits der Mauern«: 28.3.–3.4., Schaubühne Lindenfels

Fassungslos steht Rosa (Christine Ostermayer), die sich gerade selbst aus dem Krankenhaus entlassen hat, auf der Straße. Ihre Nichte hat während ihrer Abwesenheit Rosas Wohnung aufgelöst. Nach der Krebsdiagnose hat wohl niemand mehr damit gerechnet, dass die über 80-Jährige noch einmal einen Fuß vor die Klinik setzt. Plötzlich steht der gleichaltrige Bruno (Karl Merkatz) vor ihr. Ein Blick und ein Lachen später sind die beiden haltlos ineinander verliebt – und Bruno beschließt, seine Frau zu verlassen. Dass Rosa nur noch ein halbes Jahr zu leben hat, bringt ihn nicht davon ab, eine gemeinsame Wohnung zu mieten. Den Widrigkeiten und der Skepsis ihres Umfelds zum Trotz genießen sie ihr junges Glück. Gemeinsam tanzen sie zu Akkordeonmusik durchs neue Wohnzimmer, lassen im Bett die Sektkorken knallen und qualmen sich mit einem Freund die Welt bunt. Doch die Krankheit schlägt schneller zu, als erwartet. Plötzlich steht das junge Glück nicht mehr vor den Stolperfallen des Unbekannten, sondern sieht sich mit einem harten Krankheitsalltag konfrontiert. In dem behutsam erzählten Drama »Anfang 80« rücken Sabine Hiebler und Gerhard Ertl nicht nur die schönen Seiten des Frischverliebtseins in Szene, sondern zeigen schonungslos die Zerbrechlichkeit und Leiden des hohen Alters. Wie bereits Andreas Dresen in »Wolke 9« (2008) sparen auch sie nicht die Konsequenzen des späten Glücks aus.

> »Anfang 80«: 28.–31.3., Kinobar Prager Frühling

Mit seiner dramatischen Familienaufstellung »Das Fest« schrieb Thomas Vinterberg 1998 Filmgeschichte. Danach waren die Erwartungen hoch und mit seinen internationalen Produktionen »It’s All About Love« (2003) und »Dear Wendy« (2004) lotete der dänische Regisseur die Fallhöhe voll aus. Mit »Die Jagd« meldet er sich nun in alter Form zurück. Zurück in Dänemark, das immer noch zu den spannendsten europäischen Filmländern zählt, und auch zurück in einem vertrauten thematischen Umfeld. War in »Das Fest« die Aufdeckung des sexuellen Missbrauchs in der Familie die treibende dramatische Kraft, geht Vinterberg in »Die Jagd« das Thema von einer anderen Seite an. In einer kleinen dänischen Gemeinde arbeitet Lucas (Mads Mikkelsen) in einem Kindergarten als Erzieher. Die Kinder mögen den Mann, mit dem man auch einmal ordentlich herumtoben kann. Als Klara dem Erzieher ein selbstgebasteltes Herz schenken will und ihn auf den Mund küsst, weist Lucas sie freundlich, aber bestimmt zurück. Das Mädchen ist gekränkt, und weil tags zuvor der ältere Bruder ihr einen Internet-Porno vor die Nase gehalten hat, mischen sich die widersprüchlichen Gefühle zu einer gefährlichen Lüge. »Die Jagd« fokussiert sich auf die Dynamik, die ein Missbrauchsvorwurf innerhalb eines engen sozialen Kosmos auslöst. Vinterberg zeigt, dass elterliche Schutzinstinkte eine verheerende Kraft in sich tragen und Empörung blind für eine Realität machen kann, die differenziert betrachtet werden muss. Seine Intensität bezieht »Die Jagd« aus seiner bedingungslosen Konzentration auf die Figuren. Vinterberg findet hier zu seiner präzisen und kraftvollen Erzählweise zurück und entwirft einen ebenso provokanten wie notwendigen Film, der der Missbrauchsdebatte eine andere Perspektive abringt. (Martin Schwickert)

Ein Interview mit Thomas Vinterberg finden Sie in unserer Aprilausgabe.

> »Die Jagd«: ab 28.3., Passage Kinos, 4.–16.4., Kinobar Prager Frühling, ab 2.5., Schauburg

Nachdem Marc Rothemund sich im vergangenen Oktober mit der äußerst flachen Liebeskomödie »Mann tut, was Mann kann« keinen Gefallen getan hat, stellt er in seinem neuen Film wieder unter Beweis, dass er durchaus ein Händchen für die Schieflagen junger Menschen hat. In »Heute bin ich blond« – der Film basiert auf dem autobiographischen Roman von Sophie van der Stap – erzählt der Filmemacher die Geschichte der 21-jährigen Sophie (Lisa Tomaschewsky), die erfährt, dass sie an Krebs erkrankt ist. Doch statt sich dem Leiden hinzugeben, entscheidet sie sich, ihr Leben zu genießen. Rothemund tanzt wie schon in »Mann tut, was Mann kann« auf zahlreichen Baustellen und verliert sich somit ein wenig in der gewollten Handlungsvielfalt. Allerdings hat er mit Lisa Tomaschewsky als Sophie eine dankenswert sympathische Hauptdarstellerin gefunden.

> »Heute bin ich blond«: ab 28.3., Cineplex im Alleecenter

In »Voll abgezockt« befriedigt Diana (Melissa McCarthy) ihre Kauflust mit der Kreditkarte von Sandy Bigelow Patterson (Jason Bateman), der darüber gar nicht erfreut ist und die Fährte der dreisten Schmarotzerin aufnimmt …

> »Voll abgezockt«: ab 28.3., Cineplex im Alleecenter, CineStar, Regina Palast

Den Schnulli der Woche liefert Jon Chu mit der Fortsetzung des Actiongeballers »G.I. Joe«. Die Elite-Spezialisten kämpfen nicht nur gegen die feindliche Einheit Cobra, sondern stehen urplötzlich vor einer ganz neuen Bedrohung. General Joe – gespielt von keinem Geringeren als Bruce Willis – wird’s schon richten.

> »G. I. Joe – Die Abrechnung«: ab 28.3., Cineplex im Alleecenter, Regina Palast

Weitere Filmbesprechungen und -tipps finden Sie hier und in unserer Printausgabe.

Gute Unterhaltung im Kinosessel!

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