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»Seid ihr da oder bloggt ihr grad‘?«

Palais Schaumburg baten im Centraltheater Jung und Alt zum Tanz

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Fast 30 Jahre nach ihrem letzten Album bewiesen Palais Schaumburg Frische und Spielfreude fernab von Alterserscheinungen, so dass am Ende jeder überzeugt war, dass sie eine der größten deutschen Bands waren und sind.

Oh nein, eine Band, die sich vor fast 30 Jahren aufgelöst hat und jetzt noch mal ein bisschen Geld zum Englischlehrergehalt dazuverdienen will? Man ist gespannt.

Palais Schaumburg waren vielleicht die Vorlage für die Fake-Geschichte von Fraktus, der angeblichen Erfinder des Techno Anfang der 80er Jahre, denn auch sie bestanden – jedoch tatsächlich – nur kurz, aber eindrucksvoll. Von 1980 bis 1984 erfanden sie einen ganz eigenen Sound, der der Neuen Deutschen Welle zugeschrieben wird, aber eher dadaistisch avantgardistisch klang, sich mehr an der Discomusik als am Punk orientierte und weniger den Schlager persiflierte als andere Bands des Genres.

Vor rund 18 Monaten gaben Holger Hiller, Thomas Fehlmann, Timo Blunck und Ralf Hertwig dann in Originalbesetzung ein legendäres und unerwartetes Reunion-Konzert ohne neue Veröffentlichung oder großer Marketingkampagne und zeigten damit, dass sie nur aus Spaß wieder einmal zusammen spielen wollten. Vielleicht kamen sie auch auf die Idee, weil sie 2008 durch die Interpretation ihres wahrscheinlich größten Hits »Wir bauen eine Stadt« von den Hamburger Rich-Kids-Flegeln 1000 Robota neue Bekanntheit auch bei der jüngeren Zielgruppe erlangt hatten.

Das merkt man auch am Freitagabend in der leider kaum gefüllten sogenannten Festspiel-Lounge auf der Hinterbühne des Centraltheaters. Vom 20- bis zum 50-Jährigen tanzt am Ende aber jeder zu den alten Hits, die frisch und mit enormem Druck rüberkommen. Das liegt zum einen an den frickligen Elektronika von Thomas Fehlmann, der nach Palais Schaumburg als Techno-Producer (u.a. The Orb) Karriere machte und am dynamischen, wilden Bassspiel von Timo Blunck. Die Drums sind meistens treibend und auf dem Punkt und dabei zusammen mit Holger Hillers Gesang die kühle Komponente des Sounds.

Die Angst, dass eine gealterte Band noch mal ein bisschen Geld verdienen will, ein liebloses Konzert abliefert und dabei unauthentisch wird, bestätigt sich nicht, denn Palais Schaumburg sprühen vor Spielfreude und begegnen sich selbst herrlich ironisch, wenn sie sagen »Jetzt spielen wir mal was ganz Altes, im Gegensatz zu den anderen Liedern, die sind noch nicht ganz so alt« oder ins Publikum fragen »Seid ihr da oder bloggt ihr grad‘?«.

Wenn jemand bloggt, dann nur, dass Palais Schaumburg auf ganzer Linie überzeugen konnten.

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