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»Wie klingt die Zukunft?«

OMD's Paul Humphreys über das neue Album, Eisenbahnen und warum sie bei Blade Runner nicht richtig aufgepasst haben

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Für ihr nunmehr zwölftes Studioalbum warfen Andy McClusky und Paul Hunphreys, die beiden bestimmenden Köpfe der Elektronik-Helden Orchestral Manoeuvres in the Dark, die Promotionsmaschine an. kreuzer online sprach mit dem Keyboarder der Band. An einem verregneten Samstagvormittag erklärte Paul Humphreys das Entstehen des neuen Albums »English Electric«. »Gestern ist uns etwas Seltsames passiert«, erzählt Humphreys gleich zu Beginn und schon nach wenigen Sekunden ist das Tor zum großen OMD-Kosmos weit aufgestoßen:

PAUL HUMPHREYS: Wir gaben gestern in Berlin ein Interview für eine Fernsehsendung und am Ende der Aufzeichnung zog der Kameramann sein Portemonnaie aus der Tasche. Daraus nahm er sein Ticket für die allererste Show, die OMD jemals in Berlin gespielt haben. Das war im Kant Kino, 1980. Wir werden diese Show nie vergessen. Es war alles so aufregend für uns damals, wir Kinder aus Liverpool waren zum ersten Mal in dieser Stadt, die Mauer war noch da. Am Morgen nach dem Auftritt im Kant Kino kamen wir in den Frühstücksraum unseres Hotels und alle dort Anwesenden weinten. Als wir fragten, was passiert wäre, sagte man uns, dass John Lennon erschossen worden sei. Das werden wir nie vergessen.

kreuzer online: Das hört sich so an, als ob Sie sich gerne an die früheren Zeiten erinnern …

HUMPHREYS: Ja, wir haben einige großartige Erfahrungen gemacht. Wir hatten zwar eine nicht zu vernachlässigende Pause in der Mitte, trotzdem ist das jetzt das 35. Jahr, in dem OMD besteht. Natürlich ist es interessant, zurückzublicken. Aber man muss vorsichtig sein und immer versuchen, weiter nach vorne zu gehen, während man nach hinten schaut. Das ist genau das, was wir auf unserem neuen Album »English Electric« versucht haben: zur selben Zeit zurückzublicken und nach vorne zu gehen.

kreuzer online: Empfinden Sie diese große und lange Vergangenheit, und natürlich den dazugehörige Katalog an Musik, eigentlich als Last beim Schreiben von neuem Material oder können Sie das Vergangene einfach ausblenden?

HUMPHREYS: Vielleicht war unsere Vergangenheit eine Last, als wir »The History of Modern« (Anmerkung: das erste Album nach der Reunion 2010) gemacht haben. Da lag natürlich, auch weil wir davor so lange keine Musik zusammen geschrieben hatten, ein großer Druck auf uns. Wir wussten außerdem von vornherein, dass unser neues Material mit dem alten verglichen werden würde. Wann auch immer OMD ein neues Album veröffentlicht, freuen sich die Radiomoderatoren und sagen: »Sieh mal, OMD bringt ein neues Album raus, wir sollten mal wieder ›Enola Gay‹ spielen.« Die Tatsache allerdings, dass wir uns mit »The History of Modern« noch einmal getraut haben, neue Musik einzuspielen, die von unseren Fans und auch vom größten Teil der Kritiker gut aufgenommen wurde, war für uns eine Art Berechtigung, jetzt ein weiteres Album zu machen. Bei den Aufnahmen für »English Electric« waren wir befreit vom Druck, wir fühlten uns wieder wie Kinder. In einer gewissen Art und Weise kehrten wir auch zurück zu den Anfängen unserer Bandgeschichte. Je länger es OMD gegeben hat und je weiter wir voranschritten, desto konservativer sind wir geworden. Das bereuen wir jetzt. Diese neue Freiheit lässt uns also wie in einem großen Kreis zu unseren Anfängen zurückkehren, in eine Zeit, in der wir nicht einmal einen A&R-Manager hatten. Damals hieß es einfach: »Macht, wie ihr denkt, ich bin mir sicher, es wird gut werden.« Dann machten wir also ein Album wie »Dazzle Ships«, und es wurde von der Kritik zwar gelobt, war aber für unsere Fans einfach ein wenig zu kantig, zu minimal, zu schwierig.


»Sieh mal, OMD bringt ein neues Album raus, wir sollten mal wieder ›Enola Gay‹ spielen.«

kreuzer online: Ist das neue Album auch ein kompliziertes Werk geworden?

HUMPHREYS: Nein, das glaube ich nicht. Wir haben schon immer, bewusst und auch unbewusst, viel für das Melodische übrig gehabt. Wir besannen uns auf unsere ersten vier Alben: Wir haben damals einen Weg erfunden, damit unsere Songs funktionieren, obwohl wir keine guten Musiker waren. Dieser Weg war nicht die traditionelle Songstruktur, also Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Bridge-Refrain-Refrain. Ganz im Gegenteil, wie zum Beispiel auf »Enola Gay«, wir sprangen in unseren Songs eher wild hin und her. Auch hatten wir nur eine sehr begrenzte Auswahl an Instrumenten zur Verfügung und es gab nicht all zu viele akustische Möglichkeiten. Je besser wir als Musiker geworden sind, umso konventioneller wurden aber auch unsere Songs. Wir wollten also für »English Electric« wieder zurück zu dieser einfacheren Anfangszeit mit unserer ganz eigenen Formel für das Songwriting. Auf der anderen Seite wollten wir aber kein Retro-Werk schreiben, deswegen benutzten wir moderne Technologie und Produktionstechniken.

kreuzer online: Haben Sie die alten Instrumente aus den 1980er Jahren wieder in Schuss gebracht?

HUMPHREYS: Viele der jungen Bands versuchen ja herauszufinden, mit welchen speziellen Synthesizern The Human League, Gary Numan oder auch OMD in den 80ern ihre Songs eingespielt haben und wollen diese antiken Synthesizer dann selber für ihre Musik benutzen. Wir verkaufen denen das alte Zeug, wir bieten unser Equipment bei Ebay an, denn uns ist es nicht wichtig, ob ein Sound analog oder digital erzeugt wird. Wir benutzen Computer und all das.

kreuzer online: Auf dem neuen Album sind auch wieder jede Menge Referenzen an Eisenbahnen zu finden …

HUMPHREYS: Andy und ich sind ganz schöne Nerds, ja. Wir mochten schon immer Züge und Technik und haben viel Zeit in Luftfahrt- und Eisenbahnmuseen verbracht. So kamen wir auch auf die English Electric Company. Die hat nämlich die Deltic Diesel hergestellt, eine wirklich großartige Lokomotive. Wir sahen diese Lok in einem Museum, dabei war sie gerade mal 15 Jahre alt. Die English Electric Company hat im Grunde genommen immer die Zukunft hergestellt; sie haben Dinge für die Zukunft fabriziert. Nicht nur Lokomotiven, auch High-Tech-Flugzeuge für das Militär. Der erste Super-Computer wurde im Übrigen auch von English Electric hergestellt. Wir dachten uns also, dass dieser Name sich gut als Titel eines OMD-Album machen würde. Schließlich haben wir auch immer Dinge für die Zukunft herstellen wollen …

kreuzer online: Jetzt nicht mehr?

HUMPHREYS: Na ja, das Problem ist, dass die Zukunft dich schnell einholt und du auf einmal die Vergangenheit wird. Unser Mantra bei der Aufnahme des neuen Albums war: Wie klingt die Zukunft? Ich bin mir nicht sicher, ob wir diese Frage beantwortet haben, aber es war auf jeden Fall spannend, diese Frage überhaupt zu stellen. Als wir Teenager waren, stellten wir uns vor, dass wir im Jahr 2013 in fliegenden Autos sitzen und alle an die 200 Jahre alt werden, weil die Wissenschaftler das Problem des Alterns langsam in den Griff bekommen hätten. Da sind wir nun aber heute und die Zukunft ist eher eine Dystopie als eine Utopie. Es gibt so viele Menschen, die hungern müssen und die Welt ist ziemlich in Schwierigkeiten. Klar, der Glaube an eine utopische Zukunft war damals sehr naiv von uns. Wir hätten einfach bei Blade Runner ein wenig genauer hinsehen sollen. Trotzdem, es ist enttäuschend, dass es mittlerweile so viele Technologien und neue Technik gibt, diese aber nie eingesetzt werden, um den Menschen hier auf diesem Planeten wirklich zu helfen. Es ist eben nicht profitabel, zu helfen.

kreuzer online: Das klingt ja ganz so, als hätten Sie die Hoffnung schon aufgegeben … Bezieht sich auf diesen eher düsteren Ausblick auch der neue Song »The Future Will Be Silent«?

HUMPHREYS (lacht): Oh, nein, nein, ich gebe die Hoffnung nicht auf. »The Future Will Be Silent« bezieht sich eher auf etwas anderes: Ein Faible von OMD war ja oft, Maschinengeräusche in unsere Musik einfließen zu lassen haben. Dieser Lärm ist ja aber immer nur ein Nebenprodukt der eigentlichen Maschinenfunktion. Eine Dampflokomotive zum Beispiel wurde entworfen, um Güterwagen zu ziehen. Das Nebenprodukt ist aber dieses gewaltige Geräusch. Wir denken, dass diese Geräusche der Maschinen in der Zukunft verschwinden werden. Ich lebe in London und das einzige Mal, bei dem ich beim Überqueren einer Straße beinahe gestorben wäre, war, als mich fast ein elektrisches Auto erfasste. Einfach aus dem Grunde, weil dieses elektrische Auto kein Geräusch macht und ich es nicht kommen gehört habe. Manche Hersteller installieren deswegen jetzt sogar Lautsprecher auf diesen Autos, die ein Geräusch simulieren sollen …… Je effizienter die Maschinen werden, desto leiser werden sie – das war die Idee hinter dem Song.

»The Future Will Be Silent« und andere Songs spielen OMD live am 25.5. im Haus Auensee

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