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Eine Offenbarung

»Epiphanie« im Lofft lässt tief in die Seele der Menschen blicken

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Der Medienkünstler Julian Rauter inszeniert »Epiphanie«. Die Aufführung im Lofft kommt leise und eindringlich daher.

Selbst wenn man wollte, fiele es schwer, den Blick abzuwenden von dem Mädchen, das da auf der Bühne steht. Blass wirkt sie und in sich gekehrt. Ihre Präsenz löst ein Unbehagen aus und doch hängt man bei jedem Wort an ihren Lippen.

Julian Rauter, diplomierter Medienkünstler aus Duisburg, inszeniert im Lofft »Epiphanie« und lässt tief in die Seele der Menschen blicken. Einzige Darstellerin an diesem Abend ist die zwölfjährige Leonie Ruhland, und mehr braucht es auch nicht. Ihre Anwesenheit füllt die ganze Bühne aus, jede noch so kleine Geste wirkt wie ganz großes Theater. Hebt sie nach einiger Zeit endlich den gesenkten Kopf in Richtung Publikum, so findet sich in dieser Bewegung eine Unmenge an Interpretationsraum.

Es gibt nicht viel zu sehen in »Epiphanie«, dafür umso mehr zu entdecken. In den knapp 60 Minuten, die das Stück dauert, passiert szenisch kaum etwas. Zu Beginn wird das Mädchen im sakralen Engelskostüm vom Schnürboden herabgelassen, muss sich daraufhin erst mal ihrer Sicherheitsgurte entledigen, was leider einen Bruch in die andächtige Stimmung bringt.

Von da an steht sie meist in der Bühnenmitte und gibt Texte unter anderem von Foucault, Dostojewski, Samuel Beckett und Ingeborg Bachmann wieder. Mal tritt sie dabei unruhig auf der Stelle, mal zieht sie ihre dünnen Arme aus den großen Taschen der Robe, in der sie steckt. Mit jeder Bewegung unterstreicht Ruhland das Gesagte auf eine subtile und doch eindringliche Weise. Sie blickt ins Leere, spricht zu niemandem bestimmten und doch zu allen im Raum. Sätze, die mit »Erinnern Sie sich noch« beginnen, lassen den Zuschauer aufhorchen. Sie richtet das Wort an uns, wenn sie über den Körper als unentrinnbaren Ort, über die Zeit und die Kindheit spricht.

Die Epiphanie – aus dem Griechischen epiphaínesthai = sich zeigen, erscheinen – meint die Erscheinung einer Gottheit vor den Menschen. Ruhland steigt als Heilige wortwörtlich herab in die Enge, die ihr die Bühne aufzwingt. Ringsum ist sie mit Holzplatten in grauer Betonoptik eingegrenzt. Einziges Requisit ist ein weißes Megafon, das zum Glück unberührt bleibt. So verlautbart die herabgestiegene Heilige ihre Offenbarung leise, dafür aber umso intensiver.

24. und 25.5., 20 Uhr, Lofft

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