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Who cares about football?

Beim Mudhoney-Konzert wurde die Bühne gestürmt – nicht nur einmal

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Ein Konzert wegen Fußball vorzuverlegen, ist wie Fußball wegen Wind absagen. Mudhoney tragen es mit Fassung, dass das Konzert heute schon 18 Uhr mit Treatment beginnt. 19 Uhr ist es, als Mudhoney aufstehen. Es dürfte eine Weile her sein, dass die Band so früh auf der Bühne stand.

»Who cares about football«, wird Mark Arm im Laufe des Abends sagen und dabei sein ungemein gelassenes Lächeln lächeln. Er kann es sich leisten. Denn da hat die erste Hälfte des Publikums bereits die zweite Runde Stagediven hinter sich. Die restlichen 200 Leute werden es ihnen bald nachtun.

Von manchen Bands wollen die Leute aber auch nur das Eine – Schweiß. Und Mudhoney geben es ihnen. Nachdem Mark Arm Leipzig artig mit »Herzlich willkommen, meine Damen und Herren« begrüßt hat, legt er los mit »Slipping Away« und »I Like It Small«. Das volle Werk 2 springt pflichtbewusst mit, aber erst bei »Suck You Dry« beginnt die Pogofläche wirklich merklich zu wachsen – ebenso wie das Lächeln in Mark Arms Gesicht. Er schreit das Publikum an und das Publikum schreit zurück. Je lauter beide Seite schreien, desto mehr verschwimmt Bühne und Zuschauerraum.

Darf man 2013 noch auf die Bühne klettern und stagediven? Die ersten versuchen es – leicht zögernd und darauf gefasst, in das Hamsterrad gesperrt zu werden, das den überdimensionalen beleuchteten Mudhoney-Schriftzug am linken Bühnenrand mit Strom versorgt. Als nichts passiert, sieht es auf der Bühne bald aus wie in einem Apple-Store bei der Ladenöffnung, wenn es wieder ein neues Gerät gibt: Zu den Riffs von »Sweet Young Thing Ain’t Sweet No More« tanzen, springen und schreien auf einmal so viele Leute auf der Bühne, dass die Band nicht mehr zu sehen ist. Erst als nach und nach alle, die vor die Bühne gehören, wieder vor der Bühne sind, bleiben vier breit und zufrieden grinsende Münder zurück, die sich als die vier Bandmitglieder entpuppen. Das ist Souveränität, und Mudhoney haben heute Abend noch mehrere Gelegenheiten, sie zu beweisen. Denn sie tun nichts, um die nächste und übernächste Publikumsflut abzuhalten. Gut so. Das ist Show. Es fließen Bier und Schweiß – aber kein Blut. Dazu sind die Leipziger zu höflich. Immer wieder werden Leute sofort aufgefangen und es wird abgesteckt, gegen wen gesprungen werden darf und gegen wen nicht. Eine große Kissenschlacht – nur mit Rock. Mudhoney wissen das und schießen, respektive feiern mit. Deswegen teilen sie ihr Mikro mit den Bühnenstürmern und schreien sie nicht in den Zuschauerraum zurück. Das ist Service am Fan, an dem auch die Band selbst großen Spaß hat.

Deswegen schaut sie wieder einmal mit zufriedenem Lächeln, als ein als Animateur getarnter Fan nach dem letzten Lied »Touch Me I Am Sick« die Bühne noch mal entert und die Meute zu Zugabe-Rufen anfeuert – was natürlich nicht nötig ist, aber nichtsdestotrotz nett. Denn natürlich gibt es die Zugabe und noch einmal für drei Lieder die Gelegenheit, diese wunderbare Band zu feiern und mit ihr.

Als wir nach zweieinhalb Stunden aus der Halle ins Freie treten, ist es noch hell. Die Fußballfans drängen herein. Guten Abend.

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