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Vielfalt dank Mogli, Lulu & Co.

Die Pläne des neuen Schauspiel-Intendanten Enrico Lübbe

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»Wo Provinz ist, liegt im Auge des Betrachters«, erwidert Enrico Lübbe leicht gereizt. Zuvor war er gefragt worden, was er auf den Eindruck mancher Leipziger antwortet, dass nun eher klassischeres Stadttheater in der Bosestraße einziehen wird. Immerhin hat er zahlreiche Produktionen aus Chemnitz und Magdeburg im Gepäck. Das sei ein normales Vorgehen, meint Lübbe. Armin Petras nehme auch acht Gorki-Theater-Inszenierungen mit nach Stuttgart: »In dieser Hinsicht sind wir nicht provinzieller als andere Theater.«

»Vielfalt«, betont Lübbe mehrfach als Titelwort seines Unternehmens, das zugleich junges Publikum halten und älteres zurückholen soll. Mit sechs Premieren Anfang Oktober gestaltet Lübbe seinen Auftakt als ein Mini-Festival. Insgesamt sieht er 30 Leipzigpremieren vor. Die Wahl Lübbes, der nicht der Kandidat der eigens von der Stadt eingesetzten Auswahlkommission war (»ausdrücklich nicht empfohlen«, Link), sondern an ihr vorbei durchgedrückt wurde, hatte vor genau einem Jahr für Diskussionen gesorgt. Obwohl oder gerade, weil der 37-jährige gebürtige Schweriner in Leipzig kein Unbekannter ist; er hat in der Stadt studiert und hier später unter Wolfgang Engel als Hausregisseur gewirkt. In Chemnitz ist er seit 2008 als Schauspielchef engagiert und stieß mit seiner Arbeit auf überwiegend positive Resonanz. Allerdings geriet das Haus 2011 in die Schlagzeilen, als die Leipziger Hochschule für Musik und Theater ihr Schauspielstudio am Theater Chemnitz schloss. Die Studenten wollte man lieber ans Maxim Gorki Theater Berlin schicken – aus Gründen der Profilschärfung.

Es wird für Lübbe kein leichter Beginn. Neben den Diskussionen um seine Ernennung ist immer noch das knappe Budget von – durch Tarifanpassung leicht angehobenen – 14,6 Mio. Euro. Doch Lübbe versichert, damit trotz vergrößertem Ensemble und ambitioniertem Premierenpaket auszukommen. Er wolle eben keine Stars verpflichten, erklärte er. Für den Ausbau der geplanten Spielstätte »Diskothek« muss noch der Stadtrat im Herbst sein Plazet geben. Sie soll dann 2016 bezogen werden. Zuvor soll die Probebühne unterm Dach als längerfristige Interimslösung herhalten. In der sich noch im Zustand einer Baustelle befindlichen ehemaligen Disko Schauhaus stellte Lübbe dann auch am Donnerstag Mittag sein Konzept und den Spielplan 2013/14 im Beisein seiner Dramaturgen Esther Holland-Merten, Torsten Buß, Matthias Huber und Alexander Elsner vor. Im Wesentlichen entspricht das Vorhaben seinem knappen Bewerbungspapier, das der kreuzer öffentlich machte. (Link) So soll die große Bühne »klassischen, starken Stoffen der Weltdramatik« vorbehalten sein. Mit »Othello«, »Kabale und Liebe«, »Antigone« und »Lulu« wird die Saison im Oktober durch Shakespeare, Lessing, Sophokles und Wedekind eingeleitet. Tschechow (»Ivanov«), Schiller (»Emilia Galotti«), Ibsen (»Heda Gabler«) kommen in den Folgemonaten hinzu. Die Chemnitzer Produktion »Drei Haselnüsse für Aschenbrödel« wird als Weihnachtsmärchen angeboten, Silvester feiert man mit der »Dreigroschenoper«-Premiere ins neue Jahr (»Ein rauschendes Theater-Fest in stilvollem Ambiente, mit kulinarischen Genüssen und Tanzen bis in den Morgen hinein.«, Kartenpreis: 149,-/129,- Euro). Die Gastspiele »Faust I + II« des Hamburger Thalia Theaters und »Die bitteren Tränen der Petra von Kant« des Münchner Residenztheaters sowie Lübbes Berliner-Ensemble-Inszenierung »Geschichten aus dem Wiener Wald« ergänzen die Bespielung des großen Saales.

Die Hinterbühne gehört in dieser Spielzeit Autoren wie Grillparzer, Jelinek, Schnitzler/Godard und Sibylle Berg. Das bereits in Chemnitz überzeugende Konzept, Uraufführungen junger Dramatiker ans Haus zu holen, wird in Leipzig fortgesetzt – Kathrin Röggla etwa wird ein Auftragswerk schreiben. In den »Residenz« genannten Räumlichkeiten des jetzigen Spinnwerks auf dem Spinnerei-Gelände sollen Koproduktionen erarbeitet und gezeigt werden. Auf die Frage, ob man damit nicht gerade in den Gefilden des Produktions- und Gasspielhaus Lofft wildert, entgegnete Lübbe, man werde nur Produktionen holen, die für dieses ohnehin zu teuer seien. Vom Spinnwerkkonzept der freien Stückentwicklung durch Jugendliche und junge Erwachsene, die sich nur bei Bedarf theaterpädagogische oder technische Hilfe holen, rückt Lübbe ab. Man wolle die Jugendlichen ans Haus binden, nicht »dort draußen in Plagwitz« sich selbst überlassen. Das sollen lieber – so der Schluss – die Artists in Residence tun. Wie dieser »Theaterjugendclub« arbeiten soll, konnte Lübbe noch nicht sagen. Eine gemeinsame Premiere ist vorgesehen – im Spinnwerk liefen pro Jahr rund ein Dutzend vom Stapel. Ein anderes theaterpädagogisches Projekt soll die Älteren erreichen, der »Club ü31«. Zudem will Lübbe die von seinem Vorgänger Sebastian Hartmann begonnene und dafür gescholtene Pop-Konzertschiene weiterhin bedienen. Auch die nach Veröffentlichung der Lübbe-Bewerbung belächelte »Dschungel-Buch«-Inszenierung im Zoo wird es geben. Unerwähnt blieb, ob das fürs Restaurant Pilot, das Lokal wird erhalten bleiben, angekündigte Pub-Quiz umgesetzt wird.

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Dein Kommentar

5 Kommentare

  1. Frau X | 13. Juni 2013 | um 17:00 Uhr

    Herr Prüwer,
    auch wenn es Ihnen nicht gefällt: Sebastian Hartmann wird gehen. Und Lübbe kommen. Finden Sie sich damit ab und geben Sie dem Lübbe wenigstens eine Chance. Auch wenn dessen Theaterbegriff vermutlich nicht Ihrem Gusto entspricht.

  2. Leipziger | 13. Juni 2013 | um 17:20 Uhr

    Das klingt nach Kleinstadttheater. Bildungskunst und Events.
    Und wer soll sich eine Silvestervorstellung mit 149 EUR leisten. Was soll der unsinnige „Club ü31“. Schade auch, dass er das tolle Projekt Spinnwerk nicht weiterführt wird. Und über Dschulbuch im ZOO kann man wirklich nur lächeln.
    Ich kann Herrn Prüwer vestehen, dass er unzufrieden ist. Mir geht es auch so.

  3. Herr Y | 14. Juni 2013 | um 08:15 Uhr

    Liebe Frau X,

    Es war schon immer so, es wird so bleiben, das Hartmann-Intermezzo markiert nur die Ausnahme von der Regel: Leipzig will kein Theater das polarisiert, auch keines das polemisiert. Konsens statt Konflikt, ist das mentale Grundbedürfnis hierzulande, welches sich ja wahrlich nicht nur aufs (hiesige) Theater begrenzt, aber natürlich gerade auch von diesem eingefordert wird. Was das angeht, verschwindet mit Hartmann ein Störfaktor, ein Aufreger. Etwas, das Lübbe wohl nicht sein wird. Wie dessen bisherige Arbeiten zeigen- und wie das auch Prüwers Text hier ahnen lässt. Der hat nichts mit „keine Chance geben“ zu tun, sondern mit dem, was Journalismus auszeichnet: Skepsis. Auch wenn die nicht in jedem Fall Konsens stiftet…

  4. Thomas aus Leipzig-Ost | 14. Juni 2013 | um 09:13 Uhr

    zum Kommentar von Frau X: Ihre Kritik an Tobias Prüwer finde ich ziemlich unsinnig. Ich kann in seinem Beitrag keine Äußerung finden, mit der er Herrn Lübbe irgendwelche Chancen nimmt. Es ist eine objektive Schilderung dessen, was den Leipziger Theatergänger in Zukunft erwartet, natürlich mit ein paar persönlichen Wertungen. Lesen Sie doch lieber die LVZ.

  5. klassiker | 14. Juni 2013 | um 15:44 Uhr

    Wie jetzt, Lessings Kabale und Liebe und Schillers Emilia Galotti endlich auf der Leipziger Bühne? Da hat die neue Dramaturgie wohl gleich ein paar unbekannte Texte ausgegraben und sich die Uraufführungstexte gesichert? Oder ist’s doch nur eine Verwechslung der Autorschaft?