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Jahrhundert-Melancholie

Die Kinostarts der Woche im Überblick und Filmisches aus der Stadt

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Der Hallenser Animationsfilmer Falk Schuster (»Ast mit Last«, 2011, kreuzer 12/2011) erhielt am Dienstag beim Nachwuchstag der MDM »Kontakt« den mit 3.000 Euro dotieren Pitchingpreis für sein jüngstes Animadok-Projekt »Klütz ’87«. Schuster begleitet eine junge Familie auf ihrem Weg an die Ostsee im Sommer 1987 und fängt kuriose Gegebenheiten des DDR-Urlaubsalltages ein. Passend dazu gab DOK Leipzig diese Woche bekannt, dass es in diesem Jahr erstmals auch eine Goldene Taube für den besten animierten Dokumentarfilm geben wird. Darüber hinaus blickt die MDM mit einer Filmreihe auf ihr 15-jähriges Bestehen zurück. Und was ist bei den Neustarts der Woche so los? Pete Doherty gibt sein Leinwanddebüt und Superman fliegt gegen die Wand – und das gleich mehrmals.

Die Trennung von der feministischen Schriftstellerin (und späteren Partnerin Frédéric Chopins) George Sand verarbeitete der noch junge Romantiker Alfred de Musset in seinem autobiografischen Roman »Bekenntnisse eines jungen Zeitgenossen«. Voll überschwänglicher Worte beschreibt er darin das Leben Octaves, der sich in der gehobenen Pariser Gesellschaft des 19. Jahrhunderts bewegt. Als ihn seine Verlobte Elise mit seinem besten Freund betrügt, verliert sich Octave im Nachtleben der Stadt. Erst der Tod des Vaters und die anschließende Reise aufs Land bringen für ihn einen Neuanfang. Er trifft auf die ältere Witwe Brigitte. Die Romanvorlage von Musset ist ein schwärmerisches Produkt seiner Zeit und auch die filmische Umsetzung durch Regisseurin Sylvie Verheyde gerät recht kitschig. Doch der Regisseurin gelingt mit der Besetzung der Hauptrollen etwas Einzigartiges: Sie katapultiert eine der Ikonen des 20. Jahrhunderts um hundert Jahre  in der Zeit zurück. Denn Octave wird von dem britischen Musiker Pete Doherty verkörpert, der hier sein Leinwanddebüt gibt. Die entrückte Melancholie, die Doherty ausstrahlt, ist perfekt für den Film. Und die liebevolle Distanz, die zwischen Octave und Brigitte, gespielt von Charlotte Gainsbourg, zu spüren ist, scheint echter als jede funkensprühende Leinwandromanze. Die ganze Kritik von Hanne Biermann können Sie im aktuellen kreuzer nachlesen.

»Confession«: 20.-26., am 22./23.6. in OmU, Kinobar Prager Frühling, ab 27.6., Schauburg

Nach seinem Tod erhalten Antoines Freunde einen Telefonanruf. Sie sollen sich zum Haus des Verstorbenen aufmachen, um ihm seinen letzten Willen zu erfüllen. Antoine war Theater-Darsteller genauso wie seine alten Freunde und Kollegen. Gemeinsam spielten sie vor langer Zeit in den Anouilh-Stücken »Eurydice« und »Cher Antoine«. In seinem Testament bittet er die Hinterbliebenen einen Blick auf eine aktuelle Inszenierung zu werfen. Gemeinsam in dem kahlen Haus schauen sich die Schauspieler ein Video der Proben an – und durchleben noch einmal die eigenen Proben und Vorstellungen, knüpfen an vergangene Beziehungen und Eifersüchteleien an. Alain Resnais versammelt in seinem Film die »Crème de la Crème der französischen Schauspielzunft« wie Mathieu Amalric, Michel Piccoli, Hippolyte Girardot oder auch Anne Consigny.

»Ihr werdet euch noch wundern«: 20.-26., am 24./25.6. in OmU, Kinobar Prager Frühling

Steve (Matt Damon) wird gemeinsam mit seiner Partnerin Sue (Frances McDormand) in eine US-amerikanische Kleinstadt geschickt, um die Bewohner von den Expansionsplänen seiner Erdgas-Firma und ihrer Rolle dabei zu überzeugen. Angesichts der starken Belastung des Ortes durch die wirtschaftliche Krise glauben die beiden an einen einfachen Job.

»Promised Land«: ab 20.6., Cineplex im Alleecenter, CineStar, Passage Kinos, Regina Palast

Der Kunstexperte und Museumskurator Harry Deane (Colin Firth) will sich an seinem Arbeitgeber, dem Milliardär Linoel Shabandar (Alan Rickman) für das jahrelange Schikanieren und Demütigen rächen. Dazu heckt er seiner Meinung nach einen todsicheren Plan aus, mit dem er selbst reich und sein Chef an der Nase herumgeführt wird. Obwohl der Film auf einem Drehbuch der Coen-Brüder basiert und trotz einer Besetzung um Colin Firth, der gekonnt den befangenen Briten spielt, und Alan Rickman, der den aufschneiderischen Chef mit einem unterhaltsamen Hang zur Übertreibung gibt, gelingt es dem Film bzw. der Geschichte gar nicht erst, Fahrtwind aufzunehmen. Schade eigentlich.

»Gambit – Der Masterplan«: ab 20.6., Cineplex im Alleecenter, Passage Kinos, 4.-6., 10.7., Kinobar Prager Frühling, ab 18.7., Schauburg

Altwerden ist hässlich. Altwerden macht heiß und kalt. Alt-werden macht Falten und Hängebrüste. Wenn Frau in die Wechseljahre kommt, stirbt mit dem Blick in den Spiegel und der Libido meist auch die Hoffnung auf ein Altern in Würde und Schönheit. Bleibt nur noch, den Lauf der Zeit zu akzeptieren, mit dem weiten Pulli die Fettpolster zu verstecken und die neue Rolle der werdenden Großmutter anzunehmen. So das Klischee. Davon ist auch die 28-jährige Filmemacherin Carolin Genreith überzeugt, dementsprechend empört ist sie, als sie mitten in ihrer Quarter-Life-Crisis in ihre Heimat, die Nordeifel, zurückkehrt, und dort das neue Hobby ihrer Mutter entdeckt: Bauchtanz. Die Regisseurin nähert sich als neurotische Vertreterin ihrer Generation der eigenen Mutter und zwei ihrer Freundinnen in persönlichen Porträts an. (TEXT: Zorro Film)

»Die mit dem Bauch tanzen«: ab 20.6., Passage Kinos

Mike Glotzkowski und James P. »Sulley« Sullivan waren nicht immer die besten Freunde, auch wenn man das am Anfang gar nicht glauben kann. Doch bevor die beiden zu den besten Arbeitern und Freunden der Monster AG wurden, mussten sie sich erst einmal durch den harten Monster-Uni-Alltag kämpfen. Denn wer etwas von sich hält und es unter den Erschreckern zu etwas bringen will, muss auf die Uni gehen.

»Die Monster Uni« (auch 3D): ab 20.6., Cineplex im Alleecenter, CineStar, Passage Kinos, Regina Palast

Kaputt machen, was kaputt zu machen geht, scheint das Motto des neuesten »Superman«-Filmes zu lauten. Darin boxt sich ein gutaussehender, aber ausdrucksfader Superman in Zerstörungswut – das diagnostizieren wir einfach mal – gegen das Böse durch die Häuserschluchten und reißt nieder, was im Weg ist. Das ermüdet auf Dauer und entfacht beim Zuschauer lediglich ein Mitgefühl für graukahle Hochhausbauten. Das sieht unser Autor Martin Schwickert im Grunde ganz ähnlich, der mit dem neuesten Aufguss der Geschichte vom blau-roten Superhelden – »Superman – Man Of Steel« – noch recht milde ins Gericht geht.

Filmfutter jenseits der Neustarts:

»Filme, Филмови, Movies – Eine Kinoreise durch 15 Jahre Mitteldeutsche Medienförderung«: 15 Jahre MDM

Etwas nostalgisch geht es dieser Tage bei der MDM zu: Mit einer Filmreise durch die vergangenen Jahre feiert die MDM ihr 15-jähriges Bestehen. Im Fokus stehen neben Koproduktionen mit Osteuropa (»Klopka – Die Falle«, R: Srdan Golubovic, 2007 oder »Die Jahreszeit des Glücks«, R: Bohdan Sláma, 2005) vor allem Filme mit einem regionalen Bezug wie »Der Rote Kakadu« von Dominik Graf (2006) und Michael Schorrs »Schultze Gets The Blues« (2003) und auch jene, die nicht nur beim Arthouse-Publikum große Erfolge feierten wie Stephen Daldrys »Der Vorleser« (2008), »Goethe!« (2010) von Philipp Stölzl oder auch »Ein russischer Sommer«, der unter anderem in der Scharnhorststraße in Leipzig gedreht wurde. Zu den Vorführungen werden einige Filmemacher erwartet, die im Anschluss an die Filme gern Rede und Antwort stehen. Angesichts des Hochwassers in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen während der vergangenen Wochen hat die MDM beschlossen, alle Einnahmen aus den Kartenverkäufen an Hilfsorganisationen zu spenden. Filmgucken mit gutem Gewissen, das ist doch was. Mehr Informationen zum Programm finden Sie auf den Seiten der jeweiligen Kinos und unter www.mdm-online.de. Happy Birthday! 15 Jahre MDM: 20.-24.6., Luchs.Kino am Zoo Halle (Saale), Filmtheater Schauburg Dresden, Kino im Schillerhof Jena

Weitere Filmbesprechungen und -tipps finden Sie hier und in unserer Printausgabe.

Gute Unterhaltung im Kinosessel!

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