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Stadtleben

Schlüpfer auf der Bühne

Unsere eigene Talkshow »kreuzer, Korn & Kippen« machte ihrem Namen Ehre

  Schlüpfer auf der Bühne | Unsere eigene Talkshow »kreuzer, Korn & Kippen« machte ihrem Namen Ehre

Am Dienstagabend fand zum ersten Mal die neue kreuzer-Show statt. Es wurde diskutiert, laut musiziert und die Bühne gestürmt. Vor allem ging es aber um den Richard-Wagner-Verband und sein Schweigen zu Legida.

Mittwochmittag. In der Redaktion ist es ziemlich leer. Ein gutes Zeichen dafür, dass die gestrige Premiere der neuen hauseigenen Talkshow erfolgreich war. Oder zumindest das Konzept »Korn & Kippen« aufgegangen ist. Und ja, die Flasche Schnaps auf dem Podium war irgendwann leer, die Zigaretten aufgeraucht. Und es wurde nicht mal peinlich auf der Bühne.

Chefredakteur Andreas Raabe und Redakteur Tobias Prüwer hatten den Chef des Richard Wagner-Verbandes, Thomas Krakow, und den Vorsitzenden der sächsischen Grünen, Jürgen Kasek, an den Tisch geladen, um die Frage zu diskutieren, ob die Umbenennung des Richard Wagner-Platz in Refugees-Welcome-Platz wichtiges Signal oder kulturpolitischer Unsinn sei. Schon vorher gab es ein wenig Aufregung, weil die Bürgerinitiative für die Umbenennung sich enttäuscht darüber zeigte, dass ihnen im Beitrag von Prüwer »Dummheit aus Reflex« unterstellt wurde und sie nicht selbst als Talkgast eingeladen waren. Daher kamen die Mitglieder der Initiative Platznahme als Publikumsgäste, die sich auch zu Wort melden würden.

Doch erstmal gabs Musik. Die sich wohl eher spontan zusammengefundene Band Der Ritt der Willküre spielte zwar nicht den angekündigten Crustcore, sondern eher sowas wie Noisepunk, aber das dafür sehr gut und mit wagnerianischen Zitaten. Aufgabe der Band war zudem, zwischendrin unerwartet Musik zu machen, »nach Uhr«, wie Raabe sagte, nicht nach »Gesprächslücken« – was die Band dann auch eiskalt durchzog, egal, ob gerade geredet wurde oder nicht. Wann genau diese Uhr geschlagen hatte, wusste nämlich keiner außer den Musikern selbst, so dass eigentlich jedem mal das Wort abgeschnitten, beziehungsweise er einfach vom Verstärker übertönt wurde.

Das traf dann auch einen Gast aus dem Publikum, der den separaten Rauchertisch auf der Bühne nutzte. Dort durfte sich jeder, der rauchen und/oder Korn trinken wollte, setzen – allerdings unter der Vorgabe, zumindest einen Satz zum Thema beizusteuern. Uwe Brückner sah das Thema wohl weniger in Wagner oder Refugees, sondern mehr in der Umbenennung an sich und verwies darauf, dass seine Partei Die Partei sich unlängst auch für die Umbenennung eines Teilabschnittes der Simildenstraße in »Frau Krause ihre Straße« einsetzte.

Zwischen Band und Raucherecke diskutierten dann alle aber auch über das eigentliche Thema. Kasek und den Grünen wurde bescheinigt, zumindest in der PR alles richtig gemacht zu haben. Ihr Antrag, der Stadtrat solle die Umbenennungsidee doch mal prüfen, wurde nämlich nicht nur überregional, sondern auch international medial aufgegriffen. Die Reaktionen bekam auch der Wagner-Verband zu spüren, der nicht nur zürnende Post von Wagner-Fans, erhielt, »sondern auch aufgeregte Person persönlich vor mir stehen hatte«, wie Krakow erzählte. Er gab sich dagegen völlig unaufgeregt, zeigte sogar Humor und antwortete auch auf Fragen wie »Was würde Wagner machen?« und »War Wagner nicht auch Flüchtling?« eloquent. Ja, er war auch Flüchtling und »in seiner Sturm und Drang-Phase hätte er wahrscheinlich alles umbenannt, was geht«. An einem Punkt wusste Krakow dann aber doch kaum Antworten: Warum erregt sich der Wagner-Verband so sehr über die Umbenennungsidee, aber nicht darüber, dass ihr »Maskottchen« (Prüwer) Wagner offenbar von Legidisten missbraucht wird. Warum setzt der Verband selbst kein Zeichen gegen Legida, die jede Woche den Platz nutzen und damit ja auch den Namen Wagners in den Schmutz ziehen. Warum stellt der Verband nicht mal ein Zelt auf und lädt Flüchtlinge zum Essen und »guten deutschen Wein« ein? Warum lässt der Verband nicht Montagabend laut Wagners Musik über den Platz schallen? »Da würde ich sogar applaudieren – ehrlich«, sagte Kasek. »Schwöre«, brüllte jemand aus dem Publikum.

Überhaupt das Publikum. Irgendwann stürmte einfach jemand auf die Bühne, um eine Petition für die Umbenennung aller Komponisten zu verteilen. Auch ein rot-weiß-gestreifter Schlüpfer flog auf die Bühne. Schilder wurden hochgehalten, auf denen stand: »Rolf Wagner ist der beste DJ.« Leider hatte Krakow keinen eigenen Fanclub mitgebracht – so mangelte es an weiteren Wagnerianern.

Die beste Idee kam zum Schluss vom Rauchertisch (Ich zitiere mich an dieser Stelle selbst – aus Rache dafür, dass ich verdonnert wurde, verkatert diesen Text zu schreiben): »Lassen wir doch dem Wagner-Verband seinen kleinen Platz und denken groß: Ich fordere die Umbenennung von Leipzig in Refugees Welcome-Stadt. Dann müsste nämlich auch Legida sich in Refugees-Welcome gegen Irgendwas des Abendlandes umbenennen.«


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1 Kommentar(e)

Richard Saufen 25.11.2015 | um 17:28 Uhr

Ist die Unterbuchse noch da? Ich hätte die gerne zurück. Habe mich vertan, der Wurf sollte bei einer anderen Veranstaltung stattfinden. Beste Grüße R. Saufen