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Crazy horses and fucked up people

Zu Besuch auf der Pferdemesse

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Am Wochenende fand in Leipzig zum 20. Mal die Messe Partner Pferd statt. Über 70.000 Menschen fuhren dafür raus aufs Messegelände. Was sind das für Leute und was machen sie da? Wir haben unseren Praktikanten zur Beobachtung hingeschickt.

Samstag, 11 Uhr. Eine Mischung aus Gangster Rap, Neunziger-Jahre-Dance-Musik und Sportfreunde Stiller tönt aus den Lautsprechern der Messehalle. Menschen mit Bratwürsten in der Hand sitzen auf den spärlich gefüllten Rängen, um sich Reiter anzuschauen, die hintereinander einen Parcours möglichst schnell und fehlerfrei bewältigen müssen – auf Pferden mit Namen wie »Over the Top«, »Don Diarado«, »Clintrexo Z« oder »Julyssi van Orti«. Wer von ihnen gewinnt, ist den meisten hier egal. Die Männer in den hinteren Reihen reden derweil lieber über Fußball. Nur wenn ein Reiter aus Deutschland kommt, wird geklatscht.

Das Hauptaugenmerk der Messe liegt nicht auf Pferderennen, sondern auf Konsum. Egal, ob Wohnmobile so groß, dass ein Pferd problemlos mitgenommen werden kann, oder historisch anmutenden Pferdekutschen, ob Bekleidung, die aussieht wie ein billiger Ed-Hardy-Verschnitt für Pferdefans, oder eine Rundumausstattung, die an einen englischen Lord im 19. Jahrhundert erinnert, oder Airbag-gesicherte Reiterwesten – es gibt alles für das pferdebegeisterte Herz und Portemonnaie. Gelangweilte Ehemänner schleppen kiloweise Einkaufstüten, während Frau oder Tochter schon beim nächsten Stand begeistert das Angebot checken. Nicht nur für sich, sondern auch fürs Pferd. Mit Klamotten in klassischem Schwarz, in Bunt, grell leuchtend bis glitzerfarben darf das Pferd hier nach Belieben eingekleidet werden. Auch wer eine pinkfarbene Reitgerte mit Strasssteinen bestückt sucht, ist hier genau richtig. Alles im »Ausverkauf«, versteht sich. Alle zehn Meter steht eine Fressbude, die mit herzhaft deutscher Kost wie Leberkäse, Bratwurst oder Bratkartoffeln lockt. Am exotischsten ist wahrscheinlich der Crépes-Stand.

Für Leute, die keinerlei Interesse an Reitutensilien haben, darf es vielleicht ein schicker Ring, eine Handtasche oder eher doch gleich ein neues Piercing sein? Oder man meldet sich bei der Bundeswehr, die an einem Stand versucht, neue reitbegeisterte Soldaten anzuheuern. Bei Lukki Luchs kann man sich dagegen als »südamerikanischer Indianer« verkleiden und anscheinend ist gerade der große Trend, Pferden Sterne zu rasieren, um die freien Flächen mit Glitzerstaub auszuschmücken.

Auf der Pferdemesse tummelt sich ein eindrucksvoller Querschnitt der Gesellschaft. Vom schmierigen Upper-Class-Schnösel in Steppjacke bis zum Jogginghose tragenden AC/DC-Fan. Der Großteil des Publikums ist allerdings weiblich und kommt aus allen sozialen Milieus, Posh-Lady reiht sich ein zwischen Couchpotatoe mit lila gefärbtem Pony (gemeint sind die Haare, wobei ein gefärbtes Pferd bei diesem Publikum nicht weiter überraschen würde). Reitsport hat offensichtlich seine elitären Grenzen überwunden und ist zugänglicher und offener geworden. Das nächste Mal müsste man mal auf eine Golf-Messe gehen.

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