Startseite / Filmkritik / Vom Festival ins Kino

Vom Festival ins Kino

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

maviedecourgette Größeres Bild

Die 67. Internationalen Filmfestspiele in Berlin sind auf der letzten Gerade. Spätestens am Freitag reist der Großteil der Journalisten ab, was traditionsgemäß dazu führt, dass die letzten Filme im Berlinale-Wettbewerb der undankbare Ausschuss sind. Meistens laufen da die oft chancenlosen asiatischen Beiträge. So auch in diesem Jahr mit dem chinesischen Animationsfilm »Hao Ji Le«. Zeitgemäße Themen haben traditionell die besten Chancen und so setzt die Filmkritik in diesem Jahr klar auf das neue Werk von Aki Kaurismäki, der nicht nur seinen ersten Spielfilm seit »Le Havre« von 2011 gedreht hat, sondern auch eine Flüchtlingsgeschichte erzählt. Natürlich auf die gewohnte lakonisch-skurrile Kaurismäki-Art

Mit einem Goldenen Bären für »Die andere Seite der Hoffnung«, der am 30. März in den Kinos startet, wären wohl alle zufrieden. Mit einem Silbernen für die Hauptdarstellerin des Trans-Dramas »Una Mujer Fantastico« von »Gloria«-Regisseur Sebastian Lelio wohl auch. Den Dokumentarfilmpreis, den die Berlinale seit letzten Jahr vergibt, wird wohl Andres Veiels »Beuys« (ab 1.6.) erhalten. Der Rest ist offen. Einige starke Filme gab es noch im Wettbewerb und auch in den Nebensektionen tummelten sich aufregende Filme, die hoffentlich bald in unsere Kinos kommen. Das kann mal schnell gehen, wie bei Kaurismäki, Hader (»Wilde Maus«, ab 9.3.), Logan (ab 2.3.) und »Trainspotting 2«, der in dieser Woche startet. Manchmal muss man aber auch ein ganzes Jahr warten, wie bei der ebenfalls in dieser Woche startenden, sehenswerten Philip Roth Verfilmung »Empörung«, die vor genau einem Jahr auf der Berlinale ihre Premiere feierte, oder »Mein Leben als Zucchini«, der das Dok Leipzig im letzten Jahr eröffnete und nun endlich in unsere Kinos kommt. Bis Sonntag kann man die Highlights der kommenden Kinosaison noch in Berlin erleben.

Film der Woche: Der Stop-Animationsfilm lebt. Gerade erst hat das Studio Laika (»Coraline«) mit »Kubo: Der tapfere Samurai« eine perfekte Symbiose aus Hand- und Computeranimation vorgelegt, da steht der nächste knetanimierte Held Spalier, um unsere Herzen zu gewinnen. Dabei ist dieser 9-Jährige Icare, der von allen nur »Zucchini« genannt wird, ein ganz eigenwilliger Charakter. Als ihn seine Mutter zurücklässt, kommt er in ein Heim und muss sich dort vor allem gegen den forschen Simon behaupten. Aber mit der Zeit lernt er die Mitinsassen und ihre Macken besser kennen und als Camille hinzukommt, müssen sie zusammenhalten, um die Neue vor ihrer verantwortungslosen Tante zu retten. Der Schweizer Regisseur Claude Barras und die französische Drehbuchautorin Céline Sciamma (»Tomboy«) verkneten mit ihrem bezaubernden Animationsfilm Gilles Paris’ Buch »Autobiographie d’une courgette« und setzen dabei auf leise, emotionale Töne statt auf laute Action. Trotzdem kommen kindlicher Unfug und Spaß nicht zu kurz. Mit viel Witz und Liebe zum Detail erzählt »Mein Leben als Zucchini« eine bezaubernde Geschichte, die einige Abgründe bereithält und sich trotz des verspielten Äußeren eher an Jugendliche und Erwachsene richtet. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»Mein Leben als Zucchini«: ab 16.2., Passage Kinos

Eine Frau – ein Rätsel. Das ist sie, französisch »Elle«: Michèle Leblanc. Eine kompromisslose Geschäftsfrau, die sich nimmt, was sie will. Zum Beispiel den Mann ihrer besten Freundin Anna, nur fürs Bett, versteht sich. Michèles Geschichte beginnt mit einer Schockszene. Ein Maskierter dringt durch die Gartentür in ihr Haus ein und vergewaltigt sie. Anstatt danach zusammenzubrechen, nimmt Michèle ein Bad, wäscht das Blut ab und bestellt Sushi. Stolz und stoisch weigert sie sich fortan, all das zu tun, was man von einem traumatisierten Opfer erwartet. Sie kauft Pfefferspray und eine Axt und lebt ihr Leben weiter wie bisher, inklusive hemmungslosem Sex. Doch der Vergewaltiger sucht weiter Kontakt, und auch die Geister der Vergangenheit geben keine Ruhe. Keine Frage, mit der Grande Dame des französischen Kinos Isabelle Huppert hat Altmeister Paul Verhoeven (»Basic Instinct«) eine exquisite, die perfekte Wahl getroffen. Verhoevens fesselnde, detailverliebte Inszenierung gibt »La Huppert« viel Raum zum Strahlen – und lässt dabei so einige Facetten seiner Hauptfigur im beunruhigenden Dunkeln. Auch wenn die Story durchaus ihre hanebüchenen Momente hat, gelingt Verhoeven und Huppert das abgründige, mit lakonischem Witz angereicherte Psychogramm einer Frau, die fasziniert, schockiert, sprachlos macht. Die nichts von dem preisgibt, was ihr gehört – nicht ihre Würde, nicht ihre Verletzlichkeit und schon gar nicht ihr Geheimnis. Stark und nachhaltig verstörend. Ausführliche Kritik von Karin Jirsak im aktuellen kreuzer.

»Elle«: ab 16.2., Passage Kinos

Der Krieg im Kosovo Ende der Neunziger scheint für uns längst vergessen. Doch zurück bleiben menschlichen Schicksale, die bis in die Gegenwart reichen. Eine dieser persönlichen Geschichten erzählt der serbische Regisseur Goran Radovanović in seinem Film »Enklave«. Er lässt uns den Konflikt durch die Augen des 10jährigen Nenad erfahren. Es ist 2004 und die Spuren des Kriegs sind mit dem Alltag verschmolzen. Viele haben die umkämpfte Region längst in Richtung Belgrad verlassen. Jeden Tag steigt Nenad in das Panzerfahrzeug der KFOR, das ihn zu seiner Schule bringt. Er lebt mit seinem Vater und dem Großvater in einer kleinen Enklave inmitten des albanisch kontrollierten Gebiets. Er ist der letzte Schüler in seiner Schule. Auf dem langen, beschwerlichen Weg dorthin sieht er die albanischen Kinder draußen unbeschwert spielen. Doch für Nenad gibt es nur Verachtung – von den Gleichaltrigen ebenso wie von seinem Vater, der sich tagein, tagaus besäuft. Sein Opa ist der Letzte, der zu Nenad hält, doch der liegt im Sterben. Auf eigene Faust macht sich der Zehnjährige auf den Weg, um den christlichen Geistlichen zu holen und muss dafür quer durch feindliches Land. Die Perspektive, die Radovanović für seinen Film wählte, verleiht dem Konflikt ein anderes Gesicht. Doch die kindliche Perspektive wird überlagert von männlichem Gebaren, Stolz und Ehre, Rache und Leid. Ein wenig Leichtigkeit hätte der deutsch-serbischen Produktion gut getan, schließlich ist auch Nenad noch ein Kind. Sein Schicksal trifft tief. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»Enklave«: 19., 21./22.2., Cinémathèque in der naTo

Flimmerzeit_Januar_2017

 

Weitere Filmtermine der Woche

John Wick Double Feature
Die Action-Überraschung »John Wick« und die frische Fortsetzung »John Wick: Kapitel 2« im Doppel.
17.2., 21.15 Uhr, Cineplex

Shorts Attack
»Powerfrauen« – 10 Filme in 90 Minuten
17.2., 21 Uhr, UT Connewitz

Oscar Shorts
Eine Auswahl der oscarnominierten Kurzfilme 2016. Am 20.2. Animation im UT und am 24.2. Live Action Short Films in der Kinobar.
20., 24.2., UT Connewitz, Kinobar Prager Frühling

Trainspotting Double Feature
Der Kultfilm der Neunziger und die Fortsetzung im Doppel.
17.2., 19 Uhr, Passage Kinos
18.2., 18 Uhr, Schauburg

Deutsche Pop-Zustände
»Eine Geschichte rechter Musik« – über die Vereinnahmung von Popmusik durch rechte Propaganda. Dokumentarfilm von Dietmar Post und Lucía Palacios.
18.2., 21 Uhr, UT Connewitz

Ediths Glocken
Schwul-Lesbische Trash-Komödie, herrlich überdrehte Feiertags-Travestie.
19.2., 20.15 Uhr, Luru Kino

Das Comeback der Rüstungsindustrie + Geschäfte wie geschmiert?
Die Dokumentation zeichnet den Wiederaufstieg der deutschen Rüstungsindustrie nach und erklärt, warum die Kriegswaffenkontrolle bis heute immer wieder scheitert. Im Anschluss »Geschäfte wie geschmiert?« über U-Boote made in Germany.
20.2., 19 Uhr, Zeitgeschichtliches Forum

Verhüllen, verstören & transformieren
Kurzfilmabend im Rahmen der Sonderausstellung »Masken!«
21.2., 19 Uhr, Grassi-Museum für Völkerkunde

Yes, we fuck
In der Doku kommen queerfeministische Aktivistinnen und Aktivisten zu Wort, die sich dagegen wehren, dass die Gesellschaft Menschen mit Behinderungen das Bedürfnis und Recht auf Sexualität in weiten Teilen abspricht.
21.2., 22 Uhr, 22.2., 20 Uhr, Cinémathèque in der Nato

Ein Kuss
Drei jugendliche Außenseiter werden Freunde und finden so die Kraft, dem Mobbing in der Schule etwas entgegenzusetzen. Als sich zwei von ihnen näherkommen, wird es kompliziert.
22.2., 19.30 Uhr, Passage Kinos (OmU)

Horror-Doppel mit Donis
Kontemporäres Horrorkino mit »Knock Knock« und »The Green Inferno«
22.2., 20 Uhr, Luru-Kino in der Spinnerei (OmU)

Die Liebenden von Pont-Neuf
Die radikale Liebesgeschichte zwischen einem jungen Clochard und einer jungen, langsam erblindenden Malerin, die sich auf der Pariser Brücke Pont-Neuf begegnen. Faszinierender Bilderbogen von Regieexzentriker Léos Carax. – Kinobar Geburtstagsfilme
23.2., 20 Uhr, Kinobar Prager Frühling

Anzeige

Kommentieren

Dein Kommentar

Keine Kommentare