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Ein Leben für die Leinwand

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

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Die Berlinalejury hat den ungarischen Beitrag »Testről és lélekről« (On Body and Soul) der Regisseurin Ildikó Enyedi mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Eine gute Wahl, gönnt man dem kleinen Liebesdrama doch die Aufmerksamkeit, die der aussichtsreichste Kandidat im Wochenverlauf, Aki Kaurismäkis »Auf der anderen Seite der Hoffnung«, nicht mehr benötigt.

Kaurismäki erhielt den Regiepreis und kündigte (bereits zuvor) seinen Abschied vom Filmemachen an. Der Darstellerpreis ging an Georg Friedrich, der neben »Helle Nächte« von Thomas Arslan, für den er den Bären erhielt, auch in Josef Haders »Wilde Maus« im Wettbewerb zu sehen war. Die beste Hauptdarstellerin war Kim Minhee in »Bamui haebyun-eoseo honja« (On the Beach at Night Alone) von Hong Sangsoo. Alain Gomis erhielt den Großen Preis der Jury für »Félicité«, Sebastián Lelio und Gonzalo Maza den Drehbuchpreis für »Una mujer fantástica« (A Fantastic Woman). Insgesamt ist also all das ausgezeichnet worden, was im Wettbewerb preiswürdig war. Lediglich Sally Potters Satire »The Party«, die im Vorfeld von der Kritik hoch gehandelt wurde, ging leer aus. Der Film kommt aber noch in diesem Jahr über den Weltkino Filmverleih in die Kinos. Die echten Entdeckungen konnte man aber wieder einmal in den Nebensektionen machen. Etwa die wundervollen Coming-of-Age Geschichten »Call me by your name« von Luca Guadagnino (»I am love«) und Trudie Stylers Debüt »Freak Show«, nach ihrer langjährigen Arbeit als Produzentin (»Still Alice«). Der mutigste Beitrag fand ebenso wie der schön schräge »Freak Show« im Generationen-Programm statt: »Ceux qui font les révolutions à moitié n’ont fait que se creuser un tombeau« (Those Who Make Revolution Halfway Only Dig Their Own Graves), eine fiktive dreistündige Chronologie einer Revolution vor dem Hintergrund der Studentenproteste in Kanada 2012. Ein forderndes, aufrüttelndes Werk mit Sogwirkung. Dafür sind Festivals da.

Film der Woche: Der chilenische Regisseur Pablo Larraín hat sich in der Vergangenheit bereits eindrucksvoll mit der Geschichte seiner Heimat auseinandergesetzt. In »No« schilderte er die Zustände unter Militärdiktatur Pinochets und erhielt dafür eine Oscarnominierung. In »Neruda« ist es die kommunistische Regierung, die von oben die Geschicke lenkt. Doch der Poet und politische Aktivist Pablo Nerruda ließ sich nicht so leicht kleinkriegen. Er taucht unter, zunächst mit, später ohne seine Frau, die die Eskapaden des Frauenhelds ohnehin leid ist. Der Polizeichef Peluchonneau (Gael García Bernal) heftet sich auf seine Fersen, doch Neruda ist ihm immer einen Schritt voraus. Spätestens seit seiner meisterhaften Geschichtsstunde mit »Jackie« Kennedy wissen wir, dass von Larraín kein konventionelles Biopic zu erwarten ist. Er gibt keine Einführung in das Werk und den Menschen Neruda, keine Texttafeln helfen zur Orientierung. Das ist aber auch nicht nötig, denn Luis Gnecco, der ebenso wie Bernal bereits in »No« vor Larraíns Kamera stand, gibt uns relativ schnell einen Eindruck davon, was für ein Typ der Autor und Lebemann war. In berauschenden Bildern beginnt eine skurrile Hetzjagd, die Neruda bis in den Schnee und Peluchonneau an den Rand des Verstands treibt. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»Neruda«: ab 23.2., Passage Kinos

Saroo Brierleys Geschichte könnte das Kino nicht besser erfinden. Sein langer Weg zurück nach Hause ist Stoff für Träume, Nahrung für die Hoffnung und Balsam für die Seele – kurz eine einzige Kitschfalle für Hollywood. Der Australier Garth Davis, der zuvor mit Jane Campion an der preisgekrönten Serie »Top of the Lake« arbeitete, umschifft jede Klippe mit viel Sorgfalt und Liebe zu seinen Figuren. Der fünfjährige Saroo wächst in armen Verhältnissen, irgendwo in einem entlegenen Ort in der indischen Provinz auf. Sein Bruder kümmert sich liebevoll um ihn.Wenn die Mutter im Steinbruch arbeitet, streifen die beiden durch die Abteile der Züge und sammeln die Hinterlassenschaften der Reisenden ein. Eines Nachts, als ihn sein Bruder mit zum Bahnhof nimmt, schläft Saroo ein. Als er erwacht, macht er sich in einem der Wagen auf die Suche nach seinem Bruder. Dann setzt sich der Zug plötzlich in Bewegung und Saroo ist gefangen – drei Tage und 1600 Kilometer lang. Er landet in Kalkutta, einem Ameisenhaufen aus Menschen. Tagelang schlägt er sich auf der Straße durch, bis er in einem Waisenhaus und schließlich bei Sue und John Brierley in Tasmanien landet. Seine Adoptiveltern kümmern sich aufopfernd um ihn, doch eine Sehnsucht nach seiner alten Heimat bleibt, die zwanzig Jahre später zu einem Phantomschmerz geworden ist. Als Saroo es nicht mehr aushält, macht er sich auf die Suche nach seiner Mutter. Die große Leistung von Regisseur Garth Davis und seinem Drehbuchautor Luke Davies (»Candy«) ist die Balance dieser dreigeteilten Geschichte, die auf Saroo Brieleys Autobiographie »Mein langer Weg nach Hause« basiert. Jedes einzelne Segment bekommt genügend Raum, um für sich zu stehen. So fühlt sich der Schmerz des Verlustes der Mutter ebenso echt an wie die Liebe für die Adoptiveltern. Zu verdanken ist dies auch den hervorragenden Darstellern, allen voran Dev Patel (»Slumdog Millionär«) in der Hauptrolle und Nicole Kidman mit Retro-Locken an der Seite von David Wenham (»Herr der Ringe«).

»Lion«: ab 23.2., Passage Kinos

Flimmerzeit_Februar_2017

 

Weitere Filmtermine der Woche

Lumapit sa akin, Paraiso – Come to me, Paradise
Die kunstvolle Dokumentation wirft einen Blick auf das Leben philippinischer Einwanderer in Hongkong. – anschl. Talk mit der Regisseurin Stephanie Comilang und der Komponistin Why be
24.2., 22 Uhr, Institut für Zukunft

Symphony of Chaos
Leipzig 1989-2000: Im nunmehr 5. Jahr organisiert der »Urban Up«-Haufen das Streetart- und Graffitifestival in Leipzig. Ein halbes Jahr vor dem Fest gibts eine Zeitreise in das Leipzig der wilden Nachwendezeit.
24.2., 21 Uhr, UT Connewitz

5-jähriges Wiedereröffnungs-Jubiläum im Cineding
Im Dezember vor fünf Jahren setzte Nora Freytag eine gewagte Idee in die Tat um: In Zeiten zunehmender Digitalisierung und abnehmender Besucherzahlen eröffnete sie ein Kino. So flimmern die Bilder nun schon eine halbe Dekade über die Leinwand des runderneuerten Cineding auf der Karl-Heine-Straße. Mit einer Vorliebe für Originalversionen, einem Fenster in die arabische Welt und Mut zum Experiment behauptet sich das Kleinod seitdem gegen die schnelllebige Branche. Wir gratulieren!
25.2., 20 Uhr, Cineding, Jubiläumsparty mit Kurzfilmen von LE-Animation und Filmquiz

Die Gabe zu heilen
Der Dokumentarfilm begleitet werden fünf Heiler oder Laienmediziner bei ihrem Alltag und bei ihren Behandlungen. Vorstellung in Anwesenheit des Regisseurs Andreas Geiger
26.2., 17 Uhr, Kinobar Prager Frühling

Oscar-Shorts
2017 Oscar nominated Short Films – Live Action, Animation
Die Kinobar präsentiert heute eine Auswahl der nominierten Kurzfilme für den Oscar 2016. Im Fokus stehen kurze Spiel- und Animationsfilme. Wer das Rennen macht, entscheidet sich heute Nacht bei den 89. Academy Awards.
26.2., 19.30 Uhr, Kinobar Prager Frühling

Viel Lärm um nichts
Heitere Verfilmung der Liebeskomödie von William Shakespeare. Die scharfzüngigen Wortgefechte zwischen der schönen Beatrice und dem eingefleischten Junggesellen Benedikt krönen eine bis in die Nebenrollen großartige Ensembleleistung. – Im Rausch der Töne und Bilder: Shakespeare IV
26.2., 20 Uhr, Schaubühne Lindenfels

Zashchitniki – Beschützer
Die ehemalige sowjetische Superheldengruppe »Beschützer« ist seit dem Fall des eisernen Vorhangs abgetaucht. Als ein Bösewicht mit seiner Klonarmee Russland angreift, ist das Militär machtlos. Jetzt müssen die »Beschützer« wieder ran.
26.2., 17.30 Uhr, Cineplex (OF)

Der junge Karl Marx
Paris in den frühen 1840ern: Karl Marx ist 26, ein ungestümer Jüngling, der sich mit seinen Publikationen viele Feinde macht. Er trifft auf Friedrich Engels, den Sohn eines Großindustriellen. Die beiden verbindet zunächst die Ideologie und bald eine innige Freundschaft. Gemeinsam entwickeln sie das »Kommunistische Manifest«. Der aus Haiti stammende Regisseur Raoul Peck hat daraus einen mitreißenden Historienfilm gemacht.
Premiere in Anwesenheit von Darsteller Stefan Konarske und Produzent Bennie Drechsel
In der Passage am 2.3. mit Gespräch: Bernd Kruppe (IG Metall-Chef)
27.2., 19.30 Uhr, Passage Kinos

One Punch Man
Anime-Serie, in der der die Geschichte eines durchschnittlichen Helden namens Saitama erzählt, der jeden Kampf mit nur einem Schlag gewinnt, aber mit und durch seine Kräften langsam frustriert ist. Schöne Parodie auf das eigene Genre der Superhelden. Es gibt die ersten drei Episoden von Staffel 1 zu sehen.
28.2., 20 Uhr, Cineplex

Filmriss Filmquiz
Der Vorhang hebt sich, die Titelmusik beginnt, ein Geistesblitz und ihr seid um ein T-Shirt reicher. Ein Auto fährt vor, Bruce Willis steigt aus, ihr wisst bescheid und die DVD gehört euch. Ihr singt die Bond-Songs unter der Dusche und werft eurem Spiegelbild nen Schwarzenegger-Spruch entgegen, wenn keiner hinhört? Dann seid ihr hier genau richtig! André Thätz und Lars Tunçay belohnen euer Talent mit Bergen voll Goodies, Merch und Krempel aktueller Kinoproduktionen, feiern Film und schwelgen in Erinnerung an unvergessliche Szenen, Sets und Zeilen. Auf der großen Leinwand, in Technicolor und Dolby Stereoton.
28.2., 20.30 Uhr, Conne Island

Hitlers Hollywood – Das Deutsche Kino im Zeitalter der Propaganda 1933-1945
Was weiß das Kino, was wir nicht wissen? Über 1000 Spielfilme wurden in den Jahren 1933-1945 in Deutschland hergestellt. Bei den wenigsten handelt es sich um offene Propaganda. Aber noch weniger, der im Nationalsozialismus produzierten Filme sind harmlose Unterhaltung. Das nationalsozialistische Kino war staatlich gelenkt. Zugleich wollte es »großes Kino« sein. Eine deutsche Traumfabrik. »Hitlers Hollywood« erzählt erstmals von der dunkelsten und dramatischsten Periode deutscher Filmgeschichte, und erinnert zum hundersten Geburtstag der Ufa an diese Filme und ihre Stars.
27.2., 21 Uhr, UT Connewitz, Premiere in Anwesenheit von Regisseur Rüdiger Suchsland

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