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»Männer sind schlecht darin, zu altern«

Danny Boyle übers Erwachsenwerden, den Brexit und Teil 2 von »Trainspotting«

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Kaum ein Film prägte die neunziger Jahre so sehr wie Danny Boyles »Trainspotting«. Von den blutjungen Schauspielern, die mit der Adaption von Irvine Welshs Kultroman ihre Karriere ebneten, bis hin zur Musik, die zum Soundtrack einer Generation wurde, hat der Film zwei Dekaden überdauert. Jetzt läuft die Fortsetzung in den Kinos und der kreuzer sprach mit Regisseur Danny Boyle über den Brexit, warum es Zeit war für »T2« und wie man an den Erfolg anknüpfen kann.

kreuzer: Erwarten Sie Einschränkungen für die britische Filmindustrie durch den Brexit?

DANNY BOYLE: Ja. Und ich glaube, wenn man die Wahl wiederholen würde, würde eine Mehrheit für den Verbleib stimmen. Wir wurden von der Politik, speziell von der Linken und der Mitte, hängen gelassen. Wir haben zugelassen, dass die Rechte dominiert. Es ging nicht um Kultur, Frieden oder die Gemeinschaft. Die Leute haben gedacht, es handle sich um eine Protestwahl. Ganze Landstriche in Wales und Cornwall, die massiv von den Zahlungen der EU profitieren, haben für den Austritt gestimmt. Meine Kinder sind damit aufgewachsen, Europäer zu sein und problemlos herumzureisen. Ihre Generation fühlt sich besonders desillusioniert von der Politik, und das ist das Letzte, was wir in Zeiten wie diesen brauchen. Aber lass uns nicht die ganze Zeit darüber reden … (lacht)

kreuzer: Okay. Warum war es an der Zeit für »Trainspotting 2«?
BOYLE: Ein Grund, den Film zu machen, ist die Tatsache, dass die Leute sich immer noch an den ersten Teil erinnern. Das könnte aber auch genauso der Grund sein, es nicht zu tun. Denn ihre Zuneigung ist immer noch da, warum sollte man sie aufs Spiel setzen? Wir haben es vor zehn Jahren mit einer eher konventionellen Adaption von »Porno«, Irvine Welshs Sequel zum Originalroman, probiert. Das war nicht wirklich schlecht, aber es fühlte sich wie ein Abklatsch an, genau der Grund, aus dem man es nicht tun sollte. Es würde die Leute immer enttäuschen, denn es wäre nicht originell. Zehn Jahre später hatten wir das Gefühl, wir haben etwas zu sagen. Auch wenn wir den anderen Film respektieren und benutzen, mussten wir einen Film nach seinen eigenen Regeln machen. Darin geht es um Zeit und männliches Verhalten. Er ist wesentlich persönlicher geworden.

kreuzer: Ihre Figuren hängen sehr an der Vergangenheit.
BOYLE: Männer sind ganz schlecht darin, zu altern. Frauen altern wesentlich würdevoller. Männer hängen verzweifelt an ihrem jungen Selbst, sie weigern sich verzweifelt dagegen, erwachsen zu werden, während Frauen sich der biologischen Uhr bewusst sind. Das sorgt im Film für einige komische Momente, aber auch für viel Melancholie. Als ich den Film zum ersten Mal gesehen habe, fiel mir auf, wie viele Kinder darin vorkommen. Er ist förmlich voll von Kindern. Und da ging mir auf, dass es eigentlich ein Film über das Vatersein ist, über Männlichkeit und wie schlecht die Figuren darin sind. Dann realisierte ich, dass ich ja selbst drei Kinder habe und die meiste Zeit unterwegs war und Filme gedreht habe, als sie aufwuchsen. Im Grunde geht es im Film genau um solche Fragen.

kreuzer: Haben sich die Schauspieler verändert, gegenüber den Dreharbeiten zum ersten Teil?
BOYLE: Sie sind erwachsen geworden. Wir hatten ja keine Ahnung, als wir den ersten Film drehten. Wir waren ja alle noch am Anfang unserer Karriere. Das ist jetzt vollkommen anders. Sie haben so viele verschiedene Filme und Fernsehserien gedreht, teilweise in riesigen Dimensionen. Das hat für eine enorme schauspielerische Ressource gesorgt. Sie benötigten keinerlei Zuspruch. Sie kannten die Charaktere. Sie glaubten an das Drehbuch und konnten ihre eigenen Erfahrungen der vergangenen 20 Jahre in die Figuren einfließen lassen. Normalerweise brauchen Schauspieler immer eine Weile, um sich an den Dreh zu gewöhnen, aber das war hier überhaupt nicht nötig. Ich war überrascht, mit wie viel Energie sie an die Sache gingen.

kreuzer: Wie schwierig war es, sich stilistisch nicht zu sehr zu kopieren?
BOYLE: Das wollten wir auf jeden Fall vermeiden. Man muss als Zuschauer glauben, dass der Stil aus der Handlung und den Charakteren heraus entsteht. Wenn wir den Stil des ersten Films einfach kopieren würden, hätte das nie funktioniert, denn wir hatten nicht mehr dieselbe Unschuld wie damals. Die Energie ist eine andere. Wir haben einen Film gemacht, in dem die Figuren ungebremst herumliefen, ohne Rücksicht auf Verluste und auf die Zeit. Und diesmal ging es darum, dass die Zeit keine Rücksicht auf die Figuren nimmt. Das ist der große Unterschied. Die Schwierigkeit war also, etwas Neues zu machen, aber auch etwas Bekanntes zu behalten. Denn wenn du einen komplett anderen Film machst, hassen es die Leute. Es hat also diesen ganz eigenen Stil, es ist dasselbe, aber anders.

kreuzer: Auch die Musik spielte im ersten Teil eine wichtige Rolle.
BOYLE: Ja, für die Musik gilt das Gleiche. Wenn wir einfach die Musik des ersten Films verwendet hätten, die so bekannt geworden ist, wäre der Film zu nah dran am ersten. Deshalb haben wir uns gedacht, wenn wir Musik des ersten Films verwenden wollen – und das wollten wir, um Erinnerungen hervorzurufen – dann muss sie geremixt werden. Der Prodigy-Remix von »Lust for Life«, Underworlds Neuinterpretation von »Born Slippy«. Es musste dieselbe Musik sein, nur anders. Musik ist in unserem Film sehr wichtig. Wir verstecken sie nicht, wir kündigen sie an. Jeder soll seine eigenen Erinnerungen mit den Stücken verbinden. Sie sind Teil der Popkultur und das, was uns ausmacht. Der Herzschlag des ersten Films war Underworlds »Dubnobasswithmyheadman« und ich war auf der Suche nach einem Äquivalent für den zweiten. Ich wusste, dass Rick Smith von Underworld am Score arbeiten würde, aber ich wollte auch eine aktuelle Band finden, die dem Film einen modernen Herzschlag gibt. Es gibt da diese erstaunliche Band in Edinburgh, Young Fathers. Eine Hiphop-Band mit Soul. Sie stammen aus demselben Umfeld, in dem Irvine seine Geschichten ansiedelt. Das passte. Wir nutzen fünf Stücke von ihnen auf dem Soundtrack und hätte problemlos ein weiteres halbes Dutzend verwenden können.

kreuzer: Was hat Irvine Welsh zu Ihrem Ansatz für eine Fortsetzung gesagt?
BOYLE: Er ist sehr gut darin, einen als Filmemacher zu unterstützen. Er kontrolliert nicht, sondern lässt den Film sein eigenes Leben haben, denn er weiß, dass der Roman den Film immer überleben wird. Wir haben uns darauf gefreut, dass er wieder die Rolle des Mickey übernehmen würde, der zwischenzeitlich zu einem Gangsterboss aufgestiegen ist.

kreuzer: Haben Sie das Thema jetzt für sich abgeschlossen oder wird es »T3« geben?
BOYLE: Irvine hat so viele Bücher über die Figuren geschrieben, daher glaube ich, dass eine Fernsehserie unausweichlich ist (lacht). Aber ich selbst bin da sehr vorsichtig. Es hat Zeit gebraucht, diesen Film zu machen. Man muss eine Idee haben, die in einem heranwächst. Ansonsten wäre es nur eine Fortsetzung wie jede andere. Die Vergangenheit lebt in uns allen weiter, selbst wenn man es leugnet. Und man muss sich mit ihr auseinandersetzen, besonders wenn man älter wird. Man begreift, dass sich die Zeit im Kreis dreht. Marcel Proust hat das bereits erkannt. Auch darum geht es in »Trainspotting 2«. Nicht, dass ich Proust mit Spud vergleichen will (lacht) …
INTERVIEW: LARS TUNÇAY

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