Startseite / Essen & Trinken / Vom Auf und Ab der Kneipenszene

Vom Auf und Ab der Kneipenszene

Die Leipziger Gastronomie lebt vom und mit dem steten Wandel

Größeres Bild

In Leipzig gab es Ende 2016 von der Imbissbude bis zum Gourmetrestaurant laut IHK-Statistik 2.093 Betriebe im Gastgewerbe. Die Zahl ist nie tagesaktuell, weil nicht nur stetig neue Lokale hinzukommen, sondern auch welche schließen. Im vergangenen Jahr eröffneten 343, während 263 dichtmachten. Vom großen Kneipensterben kann also keine Rede sein. Aber wenn Restaurants wie Fauser, Heine oder Ping Ping betroffen sind, alle im Leipziger Westen, schrillen die Alarmglocken.

Bei den Recherchen wird allerdings schnell klar, dass auch in anderen Stadtteilen Kneipen schließen. Der Blick ist aktuell nur in Richtung Schleußig, Lindenau und Plagwitz gerichtet, weil die Szene im Moment dort ihr Lager aufgeschlagen hat. Andere Kieze stehen weniger im Fokus. Durchforstet man Leipzig Tag & Nacht, den kulinarischen Guide vom kreuzer, hat so manche gefeierte Neueröffnung die Stadt nur temporär aufgemischt. Erinnert sich noch jemand an die Restaurants Josephine und Avocado auf der Karl-Liebknecht-, Koslik auf der Gottschedstraße oder das Piagor in der Münzgasse?

Auf der Nürnberger Straße folgte einst innerhalb von zwei Jahren auf einen Mexikaner ein Inder, der alsbald von einem Italiener abgelöst wurde. Und auf der Georg-Schumann-Straße kommt man mit den Ups und Downs von Pizzalieferdiensten schon gar nicht mehr hinterher. Selbst ein Fischrestaurant in bester 1-A-Lage am Markt setzten die Betreiber vor einiger Zeit in den Sand.

Fakt ist: Nicht immer steckt die große Pleite dahinter, wenn ein Lokal schließt. Manchmal läuft der Mietvertrag aus, manchmal findet sich kein Nachfolger und manchmal gehen die Betreiber eben einfach »neue Wege«, wie es Annett und André Oelsner vom Restaurant Heine Ende 2016 offiziell verkündeten. Der Familienbetrieb hat ganz einfach die Reißleine gezogen, weil die emotionale Belastung enorm war. Schade, denn in den zehn Jahren ihrer Selbstständigkeit hatten sie hohe Bewertungen in den Gourmetführern erreicht. Wir vermissen sie wie die Pizzeria Alfredo in der Riemannstraße oder das Unikat Ping Ping, das nach einer »Winterpause« im Mai wieder öffnen soll. Warten wir das ab. Stammgäste müssen (vorerst?) auch auf die tollen Kuchen vom Café Ocka in der Odermannstraße verzichten. Jana Lüpke und Raffael Bader sind auf der Suche nach neuen Räumen. Ob und wann sie die finden, ist ebenso ungewiss.

Nach den Ursachen der Schließung des Restaurants Fauser auf der Lützner Straße befragt, will sich die Geschäftsführung nicht offiziell äußern, man sei »zu vernetzt in der Branche«, heißt es nur auf Anfrage. Wer gibt schon gern zu, mit einem Projekt gescheitert zu sein? Guter Wille und finanzielle Mittel sind nur die Basis. Und Quereinsteiger wie Bea Wolf und Jan Berger von der Tapas-Bar Barcelona können durchaus erfolgreich sein. Aber wer denkt, dass es mit Schnitzelbraten und Bierzapfen getan ist, wird vom Alltag rüde überrascht. Selbstständig in der Gastronomie zu sein, bedeutet Arbeitszeiten von 12 bis 14 Stunden. Sind die Gäste weg, heißt es abrechnen, die Bücher führen, einkaufen, neue Mitarbeiter suchen, Behördenanfragen beantworten und sich übers Finanzamt ärgern, neue Gesetze lesen und umsetzen. Bei so manchem Existenzgründer scheitert es schon an Minimalkenntnissen vom Kochen, weil eine Profiküche nun mal anders organisiert werden muss als die am heimischen Herd. Guter Wille allein reicht nicht, wie im Restaurant The Flow zu erleben war. Manche Wirte in spe wissen nicht, dass man seine Preise kalkulieren muss, statt sie »Pi mal Daumen« festzulegen. Langfristig gesehen braucht es auch faire Mietverträge, zuverlässiges Personal wie Lieferanten. Und natürlich Gäste, die bereit sind, den ganzen Aufwand zu honorieren. Szenekenner Daniel Jurisch, seit Anfang des Jahres in der Theaterkneipe Pan am Lindenauer Markt, weiß, dass speziell der Leipziger Westen gastronomisch gesehen Risiken birgt: »Es gibt hier zwei soziologische Gruppen: Familien und junge Leute. Erstere investieren ihr Geld in die Familie und favorisieren natürlich nicht unbedingt den Abend für den gehobenen Restaurantbesuch. Die zweite Gruppe hat oft ein geringes oder zumindest unsicheres Einkommen.« Familien und junge Leute gibt es in anderen Stadtteilen auch, aber weniger dominant als im Westen.

Mandy Butke und Thilo Junghanns, seit 2012 mit dem Restaurant Sankt Benno am Start, verzeichnen jährliche Umsatzsteigerungen von rund 20 Prozent, wie sie sagen. Die Selbstständigkeit sehen sie nicht als Problem. Doch jetzt kommt ein Aber von Thilo Junghanns: »Ich fange hier 8.30 Uhr an und komme kaum vor 24 Uhr nach Hause.« Das Duo tritt Mitte des Jahres den geordneten Rückzug an. Am 31. Juli ist Schlüsselübergabe, an wen auch immer. »Es ist eine bewusste Entscheidung, die wir gut überlegt haben und konsequent vorbereiten«, sagt Junghanns. Ob die beiden hochqualifizierten Gastgeber in Leipzig bleiben, ist offen. Eins steht fest: Sie werden hier fehlen.

Der Text erschien auch in der März-Ausgabe des kreuzer.

Anzeige

Kommentieren

Dein Kommentar

Keine Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.