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Besuchszeit

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

mitsiebzehn Größeres Bild

Die thailändische Filmemacherin Ing Kanjanavanit ist zu Gast in Leipzig. Ing K., so ihr Künstlername, ist eine der interessantesten südostasiatischen Filmemacherinnen der Gegenwart. Nach einem Studienaufenthalt in England arbeitete sie 1980 für die UNO als Freiwillige in Flüchtlingslagern an der thailändisch-kambodschanischen Grenze. Seit 1991 dreht sie Dokumentarfilme. Das UT Connewitz präsentiert gemeinsam mit der Schaubühne Lindenfels eine Werkschau der Künstlerin, die für drei Tage nach Leipzig kommt und ihre Filme begleiten wird. Kanjanavanits Besuch ist eine rare Chance, die Künstlerin live zu erleben. Weitere Stationen ihrer Reise durch Europa sind Paris, Brüssel, Wien und Frankfurt am Main.

Ing K. – Film und Gespräch: 20.–22.3., UT Connewitz, Schaubühne Lindenfels

Film der Woche: André Téchiné ist ein Altmeister des französischen Films. Seine erste Goldene Palme gewann er 1985 für »Rendez-vous«, zahlreiche preisgekrönte Filme folgten. Nun hat der heute 74-Jährige einen Film über zwei Siebzehnjährige inszeniert, der einen äußerst authentischen Einblick in die Welt Heranwachsender offenbart. Zu verdanken ist dies wohl auch Céline Sciamma, die mit »Tomboy« und »Girlhood« bereits die Lebenswelt Jugendlicher realistisch einfing. Hier beobachten wir Damien und Thomas dabei, wie sie sich einander annähern. Dabei könnten sie unterschiedlicher kaum sein. Damien (Kacey Mottet Klein) lebt bei seiner Mutter Marianne (Sandrine Kiberlain), einer Ärztin. Der Vater ist abwesend, die beiden schlagen sich allein durch. Marianne im Job und Damien wortwörtlich am Sandsack oder auf dem Schulhof. Hier zumeist mit Thomas (Corentin Fila), einem Außenseiter, ebenso wie Damien. Er lebt auf einem Hof, weit entfernt in den Bergen. Als seine Mutter erkrankt, schlägt Marianne vor, den Einzelgänger zu sich und Damien zu nehmen. So sind die Rivalen plötzlich Brüder, eine Rolle, in die keiner der beiden sich freiwillig fügen möchte. Authentisch genau und unaufgeregt beobachtet Téchiné die beiden 17-Jährigen. Mit viel Gefühl erzählt er seine Geschichte, die von den starken Darstellern getragen wird. Auf der letztjährigen Berlinale war »Mit siebzehn« nicht umsonst für viele der beste Film des Festivals. Ausführliche Kritik von Frank Brenner im aktuellen kreuzer.

»Mit siebzehn«: ab 16.3., Kinobar Prager Frühling

Becker (Peter Kurth) ist ein verschlossener Typ. Die Hunde sind die einzigen Freunde des bulligen Wachmanns. Die Tattoos auf seiner Haut zeugen von seiner Vergangenheit. Lange hat er im Knast gesessen. Nun versucht er wieder Fuß zu fassen im Leben draußen. Doch die Zeit davor holt ihn ein, egal wie sehr er sich auch bemüht, für sich zu bleiben. Sein neuer Kollege, der Armenier Barat (Leonard Nigro), kommt nicht an Becker ran. Nur die Putzfrau Rita (Catrin Striebeck) begegnet ihm ohne Vorurteile und findet Zugang. Als Beckers Wohnung verwüstet wird und ihn ein schwarzer Volvo verfolgt, muss er sich seiner dunklen Vergangenheit stellen. Aber gibt es für das, was er getan hat so etwas wie Vergebung? Das ist die grundsätzliche Frage, die Lars Henning in seinem Kinodebüt stellt. Nach diversen preisgekrönten Kurzfilmen schuf der Kölner mit »Zwischen den Jahren« einen düsteren Thriller mit einem starken Hauptdarsteller. Peter Kurth, der im vergangenen Jahr für das Boxerdrama »Herbert« den Deutschen Filmpreis erhielt, spielt den einsamen Wolf mit gewohnter Wucht. Die Bilder der Nacht und die flirrenden Gitarren von Twopilots sorgen für Atmosphäre in diesem überzeugenden deutschen Genrefilm. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»Zwischen den Jahren«: ab 16.3., Passage Kinos
Am 16.3., 20 Uhr, Premiere in Anwesenheit des Regisseurs Lars Henning

Vor drei Jahren wurde die Adaption von Jonas Jonassons Roman »Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand« zu einem internationalen Hit. Allein in Deutschland schauten sich 1,2 Millionen Kinogänger die Abenteuer von Allan Karlsson und seinen Reisebegleiten an. Regisseur Felix Herngren inszenierte nun eine Fortsetzung, die ohne Vorlage auskommen muss, aber ähnlich unterhaltsam daherkommt. Robert Gustafsson gibt wieder gut geschminkt den mittlerweile 101-Jährigen, der sich nach Bali abgesetzt hat und es sich dort mit seinem Kumpel Julius (Iwar Wiklander) und dem Affen Erlander gut gehen lässt. Doch irgendwann geht das ergaunerte Geld zur Neige und die Suche nach dem Rezept für »Volkssoda« treibt die drei aus dem Paradis. Das höchst addiktive Brausegetränk führte zu Allans Zeiten als Gelegenheitsspion zum Disput zwischen Breschnew und Nixon, die sich gegenseitig den Softdrink-Hahn abdrehen wollten. So heftet sich auch die CIA an die Fersen der Freunde. Allan hatte die Mischung einst in seiner Hippiephase in einer Zigarrenbox in Berlin gelassen, oder war sie doch woanders? Die altersbedingte Verpeiltheit des Hauptcharakters sorgt auch hier wieder für turbulenten Spaß der harmlosen Art. Vermischt mit einigen historisch-fabulierten Rückblenden, funktioniert »Der Hunderteinjährige, der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand« nach dem gleichen Schema wie der Erstling. Statt der Elefantendame Sonja ist diesmal Kapuzineräffchen Erlander mit an Bord und sorgt für Chaos. Sein Darsteller Crystal ist übrigens ein echter Star unter den Schauspieltieren und hat unter anderem mit den »Hangover«-Filmen rund 2,5 Milliarden Dollar Boxoffice eingefahren. Neben viel Slapstick lebt die Fortsetzung von seinen Schauplätzen und dem augenzwinkernden Blick in die Weltgeschichte. Oder wussten Sie, dass der Kalte Krieg eigentlich durch eine Limo gelöst wurde?

»Der Hunderteinjährige, der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand«: ab 16.3., Passage Kinos

Dieter ist 60 und lebt irgendwo in der westdeutschen Provinz. Er ist Verwaltungsangestellter, Hobbygärtner, -landwirt und -imker, er ist etwas hutzelig und scheucht auch schon mal in Unterhosen die Hühner übern Hof, weil er keine Zeit mehr hatte, seine Hose anzuziehen. Er ist geschieden und hat eine erwachsene Tochter, die Filmemacherin Carolin Genreith. Vor allem aber ist Dieter einsam und hat große Angst vor dem Alleinsein im Alter. Lange Zeit versuchte er, eine Frau kennenzulernen, aber keine wollte ihn, mal war er zu alt, mal zu eigenbrötlerisch, anderen wiederum gefiel es nicht, dass er selbst schlachtet. Dann lernte er vor drei Jahren während eines Urlaubes in Thailand Tuka kennen. Er verliebt sich, lernt Thai und möchte sie, trotz leiser Skepsis, heiraten. Er wünscht sich, mit seiner Zukünftigen den Sommer in Deutschland und den Winter in Thailand zu verbringen. Tuka ist so alt wie seine Tochter Carolin und für Letztere ist das Ganze einfach nur peinlich. Nie würde sie mit den beiden auch nur in ihr Lieblingsrestaurant gehen. Überhaupt hat sie völlig andere Normen und Werte verinnerlicht als ihr Vater. Sie hat ein Riesenproblem mit dem Altersunterschied und ist der Überzeugung, dass ihr Vater in seinem Alter doch gar keinen Sex mehr bräuchte. Trotzdem versucht sie, ihn zu verstehen: Ist es wirklich Liebe oder eher ein »Tauschgeschäft«? Ist es die Einsamkeit oder möchte er sich durch Tuka wieder jung fühlen? Ist ihr Vater ein Sextourist? Mit ambivalenten Gefühlen begleitet sie ihren Vater nach Thailand. Das starke Vater-Tochter-Duo versprüht bei aller Ernsthaftigkeit auch dort viel Lebendigkeit. In Thailand müssen sie sich aber noch ganz anderen Herausforderungen stellen. Carolin findet sich plötzlich als neues Mitglied einer Großfamilie wieder. Dieter hingegen wird von einem anderen Farang (thailändischer Begriff für Ausländer mit weißer Hautfarbe) mit einer völlig anderen Definition von Liebe konfrontiert. Der deutsche Nachbar erklärt ihm, dass Liebe hier etwas völlig anderes ist als in Deutschland. Hier kümmert sich der Mann um alles Materielle, die Frau um den Rest. Er fühlt sich profan ausgenutzt. (SUSANNE LÖFFELMACHER)

»Happy«: 16./17., 19.3., Kinobar Prager Frühling

Flimmerzeit_Februar_2017

 

Weitere Filmtermine der Woche

Suprema/Und du, wer bist du?
Der Verein Kulturkosmos Leipzig hat im vergangenen Jahr gemeinsam mit geflüchteten Menschen zwei Filmprojekte realisiert, die an diesem Abend präsentiert werden – anschließend thematische Einführung und Film »Hannah Arendt und die Pflicht zum Ungehorsam« (D 2015, Dok)
16.3., 19 Uhr, Frauenkultur

Leidenschaft
Wer bin ich, wo bin ich, was kann ich tun? In einer Welt voller Stress und Ängste erleben wir mit jungen Neuangekommenen den Motor, der sie antreibt. Ein Film zwischen Dokumentation und Spiel. Vorführung des Filmprojektes von Soubhi Shami und einer Kurzdokumentation zu Legida
17.3., 19 Uhr, Villa

Drei Wünsche von Handloh
Elf Kinder werden auf eine Ferienfreizeit ins bayerische Handloh eingeladen. Sie alle verbindet, dass sie Geschwister haben, die lebensbedrohlich erkrankt oder bereits verstorben ist. Die Sorgen und Hoffnungen der gesunden Kinder zeigt der Dokumentarfilm.
18./19.3., 16.15 Uhr, Schauburg

Menandros & Thaïs
Ein Mann auf der Suche nach seiner gestohlenen Braut. Surrealistischer Low-Budget-Sandalenfilm. Am 18.3. Premiere in Anwesenheit der Regisseure Ondrej Cikan, Antonin Silar
18.3., 19 Uhr, Schaubühne Lindenfels

Pawlenski – Der Mensch und die Macht
Porträt des russischen Aktionskünstlers Pjotr Andrejewitsch Pawlenski. Am 18.3. Premiere in Anwesenheit der Regisseurin Irene Langemann.
18.3., 19 Uhr, Passage Kinos

XXS – zersetzen, eine Strategie
Dokumentation über die Kinder von Eltern, die aus unterschiedlichen Gründen mit dem Staat DDR in Konflikt gerieten, weil sie an andere Gesellschaftsformen glaubten.
19.3., 16 Uhr, Luru-Kino in der Spinnerei

No Land’s Song
Die iranische Komponistin Sara Najafi organisiert in Teheran gegen den Widerstand des Kulturministeriums ein öffentliches Konzert mit Sängerinnen – obwohl Frauen das Singen seit der Revolution 1979 eigentlich verboten ist. Ayat Najafi begleitete sie dabei mit der Kamera und ist heute zum Filmgespräch anwesend.
20.3., 19.30 Uhr, Cinémathèque in der Nato

Chemsex
Der Dokumentarfilm widmet sich dem Thema Sex in Verbindung mit Drogen. Im Anschluss Gespräch mit Experten.
21.3., 19.30 Uhr, Cinémathèque in der Nato

Antisemitismus heute – Wie judenfeindlich ist Deutschland?
Mit Kurzfilmprogramm zum Welttag gegen Rassismus.
22.3., 17 Uhr, Kinobar Prager Frühling

Der Hund begraben
Vater Hans bangt um sein Familienglück, denn niemand in seinem Haushalt scheint ihn mehr zu beachten. Als die Familie einen streunenden Hund adoptiert, widmet Hans’ Frau dem Tier ihre volle Aufmerksamkeit. Als Hans dann auch noch arbeitslos wird, fühlt er sich immer überflüssiger. Er versucht, die Dinge in die Hand zu nehmen, doch es läuft nichts wie geplant.
22.3., 19.30 Uhr, Passage Kinos, Premiere in Anwesenheit von Hauptdarsteller Justus von Dohnányi und Regisseur Sebastian Stern

Golden Dawn – A Personal Affair
Dokumentarfilm über die neonazistische griechische Partei Chrysi Avgi. Im Anschluss Diskussion mit der Regisseurin Angélique Kourounis und dem Koautor Thomas Iacobi. Im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus, mit Einführung.
22.3., 19.30 Uhr, Cinémathèque in der Nato

Horror-Doppel mit Donis
»Die Rache der 1.000 Katzen« (MEX 1972) und »Hard Rock Zombies« (USA 1985)
22.3., 20 Uhr, Luru-Kino in der Spinnerei

Learning to milk a cow
Mit 19 wurde Raja aus der sowjetischen Ukraine nach Deutschland verschleppt, um während des Nationalsozialismus auf einem bayerischen Bauernhof zu arbeiten. Der Film verwebt Geschichten aus Rajas Alltag mit Reflexionen von drei Generationen über Politik, Wünsche, Gefühle von Nicht-Verortung und Verlust. – Filmgespräch mit Regisseurin Juli Saragosa
22.3., 20 Uhr, Cineding

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