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»Natürlich ist Moby Dick ein Wal«

Das Nachtigal-Ensemble probt Kielholen mit Kapitän Ahab

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Ahab da mal ne Frage: Im Kielwasser von Hermann Melville hat das Nachtigal-Ensemble ein Theaterstück entwickelt. »Play Moby Dick« handelt von Sehnsüchten, Rollenausbrüchen und Sirenenrufen. Darüber und Meer sprach der kreuzer mit Carla Niewöhner.

kreuzer: Warum haben Sie gerade »Moby Dick« für Ihr »soziales Experiment« ausgewählt. Das liegt nach »Die sozialistische Nachtigall« nicht gerade nahe?

CARLA NIEWÖHNER: Jeder Mensch hat Themenkreise, die ihn besonders interessieren. Für mich sind das unter anderem Fragen, die soziale Rollen, das Individuum in der Gesellschaft und den Wunsch nach Veränderung betreffen. Im Hinblick auf die aktuelle politische Situation war mir neben diesen Fragestellungen bei »Die sozialistische Nachtigall« besonders wichtig, Zeitzeugen eine Stimme zu geben und Menschen zu zeigen, die hier schon seit Jahrzehnten integriert sind und auch den gesellschaftlichen Umbruch beim Mauerfall miterlebt haben. Da ich aber nicht nur politisches Theater mache, sondern die Frage nach dem Menschen auch im Rahmen großer Literatur und im Spiel an sich stelle, ist diesmal »Moby Dick« dran. So findet man in »Play Moby Dick« ähnliche Fragen, aber auf spielerische Weise: Kann man diese tragische Geschichte ändern? Können die drei Protagonisten ihre Rollen verlassen? Was passiert, wenn jemand aussteigen will? Außerdem ist es ein tolles Buch.

kreuzer: Sehnsucht spielte auch in die »Nachtigall« schon eine Rolle – knüpfen Sie hier an?

NIEWÖHNER: Pragmatisch gesehen kann der Mensch nicht ohne Wasser und Brot leben. Aber tatsächlich glaube ich, dass ein Mensch ohne Träume und Sehnsüchte ebenso wenig leben kann. »Moby Dick« ist voll davon: Die Sehnsucht nach dem Meer, nach Abenteuer, aber auch nach Glauben und Einheitlichkeit. Ahabs Jagd nach dem Wal ist der verzweifelte Versuch, sein Bein und damit sein Ganzes wieder herzustellen. Aber er begreift nicht, dass er schon vorher als Mensch zersplittert war.

kreuzer: Die Figuren brechen bei Ihnen aus ihren Rollen aus, wollen die wahre Geschichte erzählen. Hat Melville etwa geflunkert? Und ist Moby Dick am Ende gar kein Wal?

NIEWÖHNER: Unser Mr Melville würde doch nie flunkern! Aber er hat einen großartigen Sinn für Humor und vertritt die sehr heutige Ansicht, dass die Welt eben kein Ganzes ist und auch eine Geschichte nicht einheitlich erzählt werden kann – oder muss. Der Roman ist nicht linear, sondern sehr offen strukturiert, eher wie ein Fächer: Die Geschichte beginnt als Bildungsroman über Ismael, schwenkt dann über zu dem fanatischen Kapitän Ahab, führt plötzlich zu einem Exkurs über Wale – und dann wieder zurück zu Ismael. Dadurch, dass es auch mehrere Perspektiven in dem Roman gibt, bietet er mehrere Möglichkeiten zur Betrachtung an. Und es gibt immer wieder, auch bei Melville, den Versuch, die Tragödie abzuwenden. Das ist der Punkt, wo wir mit der Stückentwicklung einhaken. Und natürlich ist Moby Dick ein Wal! Und nicht etwa auch Seemann, Spielkind, tragische Figur, Clown oder gar Sirene!

kreuzer: Sie haken ein und entern die Story?

NIEWÖHNER: Wir haben sie als Ausgangssituation für unser Spiel genommen: Wie sehr sind die Figuren an die Originalgeschichte gebunden und wie können sie diese zu ihren Gunsten biegen oder brechen? Oder sie nutzen? Wann kann einer die anderen ausspielen? Ich kann jetzt aber nicht verraten, ob Doppelagent Ismael die Geschichte an den Nagel hängen will, ob Ahab eine geheime Schwäche für Musicalnummern hat oder der Wal eine Art »Badewanne« als Meer akzeptiert.

kreuzer: Sie wollen die Zuschauer mit an Bord holen: Steht Mitmachtheater zu befürchten und wird Lebertran verabreicht?

NIEWÖHNER: Damit ist vor allem die Raumsituation gemeint: Der kleine Raum hat den Vorteil, dass die Zuschauer sehr nah dran sind und die Schauspieler das Publikum als Mannschaft anspielen. So entsteht schnell ein Schiffsgefühl. Wir wollen kein Mitmachtheater, sondern ein gemeinsames Erlebnis. Und wir werden niemanden zwingen, das Deck zu schrubben oder Kartoffeln zu schälen. Wenn Sie Glück haben, bekommen Sie noch was vom Zwieback – falls der Wal nicht vorher wieder alles aufgegessen hat.

»Play Moby Dick«, 20.–22.3., 20 Uhr, Lofft

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