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Literatur

Besuch bei zwei Schwestern

Autoren sprechen über ihren Alkoholkonsum bei der Buchmesse

  Besuch bei zwei Schwestern | Autoren sprechen über ihren Alkoholkonsum bei der Buchmesse

Lassen sich vier Tage Buchmesse nur mit Alkohol ertragen? Welche Small-Talk-Phrasen können Autoren nicht mehr hören? Haben sie schon mal ein Buch geklaut? Unsere Buchmessenbeilage :logbuch hat bei Nora-Eugenie Gomringer, Claudius Nießen, Jaroslav Rudiš, Marion Brasch, Nina Bußmann, Martin Becker und Carl-Christian Elze nachgefragt.

Seit jeher stehen die Frankfurter und die Leipziger Buchmesse im kleinen Wettstreit – zwei Schwestern, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Die eine ist wie die Tante, vor der man sich schon als Kind immer ein wenig fürchtete. Der Mund, schmal wie ein Briefkastenschlitz, thronte streng neben den Perlenohrringen, direkt unter einer Frisur, die aussah, als läge ein schlafender, weißer Bichon Frisé, der zu viel haart, zusammengerollt auf ihrem Kopf. Sie legte einem zwar zwei Scheine in die Geburtstagskarte mit den guten Ratschlägen, aber richtig lustig wurde es mit der Lady erst, wenn sie einen Kirsch zu viel intus hatte. Bis es so weit war, war man allerdings schon weggenickt.

Ihre Schwester hingegen war immer ein wenig derangiert, unausgeschlafen, mit Laufmaschen in der Strumpfhose, einer schillernden Bluse in Nachtblau und sündhaft hochhackigen Pumps. Sie hat ein bewegtes Leben, einmal wäre sie beinahe gestrauchelt, und den Kirsch trank sie noch vor dem Nachmittagskaffee. In die Geburtstagskarten legte sie nichts, aber dafür konnte keiner so gut Geschichten erzählen wie sie.

Beide Tanten riefen alljährlich zum Salon, die eine im Herbst, die andere im Frühjahr. Autorinnen und Autoren gehören seit jeher zu den begehrten Gästen dieser Salons, wir haben sie gefragt, was sie in den Salons und um diese herum so erlebt haben.

 

Nora-Eugenie Gomringer: »Samt Handtasche, Brüsten, Rock«

[caption id="attachment_52850" align="alignleft" width="249"]Nora Gomringer, Foto: Judith Kinitz Nora Gomringer, Foto: Judith Kinitz[/caption]

:logbuch: Lassen sich vier Tage Buchmesse nur mit Alkohol ertragen?

GOMRINGER: Jap. Der Alkohol in der Echinacea-Flasche und im Desinfiziertüchlein ist wichtig. Ich schlucke während der Messetage ganz brav meine Tropfen, weil ich vermeine, dass ich auf diese Weise gesund bleibe.

:logbuch: Haben Sie schon einmal ein Buch geklaut?

GOMRINGER: Ja! Eines, das »Hier, nimm mich mit« geschrien hat. (Es schreit immer noch zu Hause rum.)

:logbuch: Was war Ihr schrägstes Leseerlebnis?

GOMRINGER: Hm. Ich bin einmal mit dem Gotthard-Gebirge verglichen worden direkt nach einer Lesung, und dann hat mir Backstage ein Kollege mal zugeflüstert, dass er mich gerne essen würde. Es gibt viele seltsame Erlebnisse, wenn man eben nicht mit Holz arbeitet …

:logbuch: Sind Sie schon mal bei einer Lesung verwechselt worden?

GOMRINGER: Nein, aber auf dem Weg zu einer … Eine Frau im Zug konnte den Blick nicht von mir wenden und starrte vor allem fasziniert auf meine Finger. Ich hab dann irgendwann gefragt, ob alles in Ordnung sei, und sie sagte: »Dass ich mit Evgeny Kissin in einem Abteil sitzen würde, das hab ich mir nie träumen lassen.« Ich war schockiert, amüsiert, geschmeichelt, gekränkt und verstört. Für einen männlichen Starpianisten werde ich nicht alle Tage gehalten. (Wenn ich seine Bilder ansehe, könnte er aber durchaus einer meiner Brüder sein.) Nun. Ich hab ordentlich mit den Fingergelenken geknackt und bin ins Bordbistro gegangen. Samt meiner Handtasche, meinen Brüsten und meinem Rock.

Nora-Eugenie Gomringer, schweizerisch-deutsche Lyrikerin, Rezitatorin, 2015 Bachmann-Preis-Gewinnerin. Sie lebt in Bamberg, wo sie das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia leitet. Im März erscheint ihr Gedichtband »Moden« (Voland & Quist).

 

Claudius Nießen: »Hallo, Herr Hofreiter«

[caption id="attachment_52846" align="alignleft" width="250"]Claudius Nießbe, Foto: Martin Jehnichen Claudius Nießbe, Foto: Martin Jehnichen[/caption]

:logbuch: Lassen sich vier Tage Buchmesse nur mit Alkohol ertragen?

NIESSEN: Vielleicht, ich hab es noch nicht ohne probiert. Aber das hat nicht wirklich etwas mit der Buchmesse zu tun.

:logbuch: Welche Small-Talk-Phrasen sollte man immer parat haben?

NIESSEN: Ich muss noch schnell rüber zu … Aber ich komm morgen mal an eurem Stand vorbei.

:logbuch: Haben Sie schon mal ein Buch geklaut?

NIESSEN: »Fast Metabolism Diät: Viel essen, noch mehr abnehmen«. Hab ich aber im Jahr drauf wieder zurückgebracht.

:logbuch: Schlechtes Gewissen?

NIESSEN: Nein, hat einfach null geholfen.

:logbuch: Ihr schrägstes Leseerlebnis?

NIESSEN: Bei unserer Literaturshow Grüne Wiese ist mir mal auf der Bühne die Hose gerissen.

:logbuch: Ihr schönstes Messererlebnis?

NIESSEN: »Bist Du der dicke Bruder von Julius Fischer?«

:logbuch: Und Ihr grässlichstes Messeerlebnis?

NIESSEN: »Hallo, Herr Hofreiter …«

Claudius Nießen, Geschäftsführer des Deutschen Literaturinstitutes Leipzig in Elternzeit. Unterm Label NEONNEON stellt er Neonschriftzüge her und ist Inhaber der Agentur ClaraPark. Zuletzt erschien zusammen mit Clemens Meyer »Zwei Himmelhunde. Irre Filme, die man besser liest« (Voland & Quist).

 

Jaroslav Rudiš: »Zu voll, zu viele, zu warm«

[caption id="attachment_52851" align="alignleft" width="251"]Jaroslav Rudiš, Foto: Jan Rasch Jaroslav Rudiš, Foto: Jan Rasch[/caption]

:logbuch: Lassen sich Buchmessen nur mit Alkohol ertragen? 

Rudiš: Klar. Aber am Abend muss ich immer zu Frau Krause. Das ist meine Lieblingskneipe in Leipzig. Sehr tschechisch irgendwie.

:logbuch: Schlimmste Small-Talk-Phrasen?

Rudiš: Es ist so voll hier. Viel zu viele Menschen. Und zu warm.

:logbuch: Welche Phrasen sollte man parat haben?

Rudiš: Das stimmt. Es ist so voll hier. Viel zu viele Menschen. Und zu warm.

:logbuch: Haben Sie schon mal ein Buch geklaut?

Rudiš: Ja. Einmal ein Kursbuch der tschechoslowakischen Staatsbahnen auf dem Bahnhof.

:logbuch: Was war Ihr schrägstes Leseerlebnis? 

Rudiš: In Thun in der Schweiz habe ich mal nur für eine Frau gelesen. Und in Zittau mal nur für ein Pärchen, das die ganze Zeit ganz hinten … na ja … wirklich das. Also fast.

:logbuch: Und das grässlichste?

Rudiš: Als ich verkatert und müde um zehn Uhr auf dem blauen Sofa saß. Da musste ich mich sehr konzentrieren. Ab und zu sind Nächte in Leipzig einfach zu kurz. Und das Bier bei Frau Krause zu gut.

Jaroslav Rudiš, Schriftsteller, Drehbuchautor und Dramatiker, erhielt 2014 den Usedomer Literaturpreis. 2016 erschien sein Roman »Nationalstraße« (Luchterhand).

 

 

Marion Brasch: »Den Plot würde jeder Autor klauen«

[caption id="attachment_52847" align="alignleft" width="248"]Marion Brasch, Foto: Lars Reimann Marion Brasch, Foto: Lars Reimann[/caption]

:logbuch: Lassen sich vier Tage Buchmesse nur mit Alkohol ertragen?

BRASCH: Interessante Frage, werde ich mal ausprobieren!

:logbuch: Haben Sie schon mal ein Buch geklaut?

BRASCH: Mehrere. In einem Buchladen in Ungarn, wo es nur Westbücher gab – da hab ich geklaut wie ein Rabe. Ich glaube, das waren alles Bücher aus dem Fischer Verlag, bei dem ich jetzt selbst Autorin bin. Kafka, Hesse, Freud und so. Als ich dem Verleger das mal erzählt habe, hat er sehr gelacht.

:logbuch: Was war Ihr schrägstes Leseerlebnis?

BRASCH: Henry Millers »Sexus«. Hab ich meinem Bruder geklaut, weil ich gehört hatte, dass es so pornografisch sei. War es auch. Ich habe nur die Stellen gesucht und gelesen. Was sonst drin stand, fand ich nicht so spannend.

:logbuch: Was war Ihr schönstes Messeerlebnis?

BRASCH: Eine Taxifahrerin, die mir erzählte, sie schreibe gerade selbst eine Geschichte. Der Plot war so gut, dass ihn jeder Autor sofort klauen würde. Deshalb kann ich leider nicht darüber sprechen …

Marion Brasch, in Ostberlin geboren, gelernte Schriftsetzerin. Arbeitete nach dem Abitur in einer Druckerei, bei Verlagen, dem DDR-Komponistenverband, fürs Radio. 2016 erschien »Die irrtümlichen Abenteuer des Herrn Godot« (Voland & Quist).

 

Nina Bußmann: »Baumarkt, weitläufig und wenig besucht«

[caption id="attachment_52849" align="alignleft" width="255"]Nina Bußmann, Foto: Dirk Skiba Nina Bußmann, Foto: Dirk Skiba[/caption]

:logbuch: Lassen sich vier Tage Buchmesse nur mit Alkohol ertragen?

BUSSMANN: Das weiß ich nicht. Bislang bin ich immer nach längstens zwei Tagen abgereist. Ich würde aber denken (und mich wahrscheinlich nicht daran halten), dass es sich unbenebelt besser überstehen lässt.

:logbuch: Welche Small-Talk-Phrasen können Sie nicht mehr hören?

BUSSMANN: Ich vergesse viel, auch Phrasen. Ob das ein Vorteil oder Nachteil ist? Jedenfalls bin ich nicht immer so gut im Plaudern und meistens froh, wenn andere irgendeinen Anfang machen. Da sollte man dann nicht so kritisch sein.

:logbuch: Welche Phrasen sollte man parat haben?

BUSSMANN: Siehe oben, aber ich würde es gern besser können! In der Ratgeberliteratur steht: die Themenkreise Geld, Glaube und Körper sind zu meiden. Stattdessen wird empfohlen, die unmittelbare gemeinsame Umgebung zu kommentieren, Komplimente für Outfits zu verteilen oder sogenanntes unnützes Wissen mitzuteilen. Positiv im Gedächtnis geblieben ist mir, wie eine Frau, die ich nicht kannte, das Gespräch eröffnete mit dem Satz: »Heute las ich in der Zeitung: Wenn man Depressiven die Sorgenfalten mit Botox wegspritzt, geht es ihnen nachweislich besser.«

:logbuch: Haben Sie schon mal ein Buch geklaut?

BUSSMANN: Nur mal eine Kulturzeitschrift, sie war allerdings teurer als ein Taschenbuch. Ein Themenheft zu Miranda July, sie inszenierte darin ihr eigenes Verschwinden.

:logbuch: Schon mal vor den Menschenmassen auf die Messetoilette geflüchtet?

BUSSMANN: Würde das funktionieren? Da sind die Massen doch auch. Einmal brauchte ich tatsächlich etwas vom Baumarkt, der war zumindest damals gegenüber dem Messegelände, weitläufig und wenig besucht.

Nina Bußmann, Schriftstellerin, lebt in Berlin. Sie studierte Komparatistik und Philosophie. Aktuell erschienen ist ihr Roman «Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen« (Suhrkamp).

 

 

Martin Becker: »Auch angetrunken klar artikulieren«

[caption id="attachment_52848" align="alignleft" width="246"]Martin Becker, Foto: Marina Kinski Martin Becker, Foto: Marina Kinski[/caption]

:logbuch: Werden Buchmessen nur mit Alkohol erträglich?

Becker: Gegenfrage: Lassen sich vier Tage Leben ohne Alkohol ertragen? Im Ernst, ich nehme es mir immer vor, aber ohne Alkohol schaffe ich es selten. Ich bin in ständiger Jubelstimmung und aufgeregt auf der Messe, das ist immer wie ein Schulausflug für mich, und so knallen die Korken eben ständig. Ich bemühe mich aber um eine Mischkalkulation: die Hälfte der Messe angetrunken – die Hälfte der Messe nicht. Und auch im angetrunkenen Zustand klar artikulieren, das ist der entscheidende Punkt!

:logbuch: Welche Small-Talk-Phrasen können Sie nicht mehr hören?

Becker: Die Wiener Würstchen im Pressezentrum sind echt jedes Jahr gut.

:logbuch: Welche sollte man immer parat haben?

Becker: Sollen wir nicht ins Pressezentrum gehen? Die Wiener Würstchen da sind echt jedes Jahr gut.

:logbuch: Haben Sie schon mal ein Buch geklaut?

Becker: Ja, eins meiner eigenen Bücher bei meinem eigenen Verlag. Ich schämte mich so, dass ich schon so viele genommen und verschenkt hatte – und habe im unbeobachteten Moment zugegriffen. Natürlich mit schlechtem Gewissen. Und es hätte mich durchaus interessiert, was passiert wäre, wenn der Dieb Martin Becker beim Klauen eines Buchs von Martin Becker erwischt worden wäre.

:logbuch: Was war Ihr großartigstes bzw. schrägstes Leseerlebnis? 

Becker: Großartig ist es immer, wenn das Publikum aufmerksam zuhört – und wenn es lacht. Klingt seltsam, aber das ist ein schöner Moment. Eine schräge Sache ist mir auch mal nach einer Messelesung in Frankfurt passiert: Eine ältere Dame ließ sich ein Buch signieren und bat danach darum, sich meine Hände anschauen und sie ganz kurz anfassen zu dürfen. Ich habe natürlich mitgemacht.

:logbuch: Und Ihr grässlichstes Messeerlebnis?

Becker: Beim schlimmen Stau zwischen zwei Messehallen am Wochenende fünf Minuten inmitten einer schwitzenden Masse aus Mangamädchen, Mangajungen und Mangatieren ausharren zu müssen.

Martin Becker, Schriftsteller und Hörfunkautor, lebt in Leipzig und Prag. Aktuell erschienen ist sein Roman »Marschmusik« (Luchterhand) und die Anthologie »Die letzte Metro« (Voland & Quist). 2017 erhielt er gemeinsam mit Tabea Soergel den deutsch-tschechischen Journalistenpreis.

 

Carl-Christian Elze: »Nur Flugzeuge im Kopf, noch keine Verse«

[caption id="attachment_52845" align="alignleft" width="248"]Carl-Christian Elze, Foto: Sascha Kokot Carl-Christian Elze, Foto: Sascha Kokot[/caption]

:logbuch: Lassen sich Buchmessen nur mit Alkohol ertragen? 

ELZE: Ja, mit viel Alkohol und guten Gefährten …

:logbuch: Haben Sie schon mal ein Buch geklaut?

ELZE: Ja, zu DDR-Zeiten, Mitte der 1980er, im Messehaus am Markt. Natürlich ein Westbuch. Keine Belletristik, ein Buch über Flugzeuge, mit vielen Farbfotos. Ich wollte Interflug-Pilot werden, ich hatte nur Flugzeuge im Kopf und noch keine Verse.

:logbuch: Was war Ihr schrägstes Leseerlebnis?

ELZE: Vielleicht 2008(?): eine Lesung zusammen mit Ulrike Almut Sandig, Olaf Schmidt und Claudius Nießen im Stasi-Bunker bei Machern, der 1968–71 für den Fall eines Nuklearkriegs oder eines konventionellen Angriffs gebaut worden war.

:logbuch: Schon mal vor den Menschenmassen auf die Messetoilette geflüchtet? 

ELZE: In gewisser Weise ja, 2013. Ich bin mit meinem Gedichtband »ich lebe in einem wasserturm am meer, was albern ist« aufs Messeklo gerannt, weil ich den Band am Buchmessedonnerstag zum ersten Mal in die Hände bekam und zunächst meine Ruhe haben wollte, um das »Baby« kennenzulernen. Ich habe den ganzen Band mit klopfendem Herzen auf dem Messeklo überflogen, um sicher zu gehen, dass nicht irgendwelche fiesen Druckfehler dabei sind. Nach einer halben Stunde kam ich wieder heraus und war beruhigt und habe trotzdem Alkohol getrunken.

:logbuch: Was war Ihr schönstes Messeerlebnis?

ELZE: Seit drei Jahren: mich auf die alte Ledercouch vom Verlagshaus Berlin fallen lassen, wegsinken, kurz die Augen schließen … danach ein selbstgebrannter Schnaps.

:logbuch: Uhd Ihr grässlichstes Messeerlebnis?

ELZE: 2011 mit meiner schwangeren Frau am Buchmessesamstag durch die Hallen irrend, begleitet-umringt-umtost von einer Million Manga-Kids … Meine schwangere Frau, die zum ersten Mal in ihrem Leben die Leipziger Buchmesse besucht und mich verzweifelt um Fluchtwege bittet.

Carl-Christian Elze studierte Biologie, Germanistik und am Leipziger Literaturinstitut. Er schreibt Gedichte, Prosa, Drehbücher und Libretti und erhielt den Joachim-Ringelnatz-Nachwuchspreis der Stadt Cuxhaven. 2016 erschien der Gedichtband »diese kleinen, in der luft hängenden, bergpredigenden gebilde« (Verlagshaus Berlin).


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