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Sprachlose Schönheit

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

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Film der Woche: Ein kleines Ruderboot wird zum Spielball der Wellen, zerbricht und kentert. Das tosende Meer spuckt einen jungen Mann aus. Auf einer entlegenen Insel, die fortan sein Heim sein wird. Zunächst versucht er noch, mit selbstgebauten Flößen das Eiland zu verlassen. Doch irgendwas ist unter der Wasseroberfläche und zerstört seine Pläne immer wieder […]

Film der Woche: Ein kleines Ruderboot wird zum Spielball der Wellen, zerbricht und kentert. Das tosende Meer spuckt einen jungen Mann aus. Auf einer entlegenen Insel, die fortan sein Heim sein wird. Zunächst versucht er noch, mit selbstgebauten Flößen das Eiland zu verlassen. Doch irgendwas ist unter der Wasseroberfläche und zerstört seine Pläne immer wieder aufs Neue. Bei seinem letzten Versuch trifft er auf eine große, rote Schildkröte. Sie lehrt ihn, dass das Leben in Einklang mit der Natur weit mehr zu bieten hat, als die Heimat, nach der er sich sehnt. Mit atemberaubenden Bildern erzählt der oscarnominierte Zeichentrickfilm seine berührende Geschichte ganz ohne Worte und lässt so viel Freiraum für Interpretationen. Der Niederländer Michael Dudok de Wit schuf bereits eine Reihe von Kurzfilmen, mit »Fathers And Daughters« gewann er den Oscar. Irgendwann klingelte das Telefon. Am anderen Ende: Die Verantwortlichen beim legendären Studio Ghibli (»Chihiros Reise ins Zauberland«). Sie fragten ihn, ob sie a) die Distributionsrechte für Japan haben können und b) ob er seinen ersten Langfilm mit ihnen produzieren möchte. Als de Wit wieder sprechen konnte, machte er sich an die Arbeit. Zehn Jahre später startet »Die rote Schildkröte« nun auch in unseren Kinos und trägt deutlich die DNA des japanischen Animationsstudios, ist aber eine ganz einzigartige Mischung aus östlicher Mythologie und westlichem Zeichenstil. Die Figuren erinnern an die Filme des großen René Laloux (»Der phantastische Planet«). Einzelne Elemente wie die witzigen Krabben könnten direkt aus einem Ghibli-Film stammen. Ebenso die traumhaft schöne Musik von Laurent Perez del Mar. »Die rote Schildkröte« ist eine einzigartige, handgemachte Fabel, ein rares Juwel, voll Liebe in jeder Nuance. In Cannes erhielt er den renommierten Prix Un Certain Regard. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»Die rote Schildkröte«: 13., 16., 19.4., Kinobar Prager Frühling

Die amerikanische Universitätsprofessorin Deborah E. Lipstadt wird unerwartet zur Verteidigerin der historischen Wahrheit, als der britische Autor David Irving sie wegen Verleumdung verklagt. In ihrem jüngsten Buch hatte Lipstadt ihm die Leugnung des Holocaust vorgeworfen. Durch das britische Justizsystem in die Defensive gedrängt, steht sie nun gemeinsam mit ihren Verteidigern, angeführt von Richard Rampton, vor dem absurden Problem, nicht nur sich selbst zu verteidigen, sondern auch beweisen zu müssen, dass der Holocaust tatsächlich stattgefunden hat. Statt sich jedoch eingeschüchtert zu geben, weckt diese scheinbar unlösbare Aufgabe ihren Kampfgeist. Lipstadt lehnt jeden Vergleich ab und stellt sich vor Gericht ihrem fanatischen und unnachgiebigen Gegner. Basierend auf dem Buch »Betrifft: Leugnen des Holocaust« der Historikerin Deborah E. Lipstadt, das David Hare (»Der Vorleser«) für die Leinwand adaptierte, hinterlässt »Verleugnung« vor allem Fassungslosigkeit, liegen die geschilderten Ereignisse doch noch gar nicht so weit zurück. Rachel Weisz glänzt in der Hauptrolle, mit Timothy Spall, Andrew Scott und Tom Wilkinson ist der Film zudem auch in den Nebenrollen hochkarätig besetzt.

»Verleugnung«: ab 13.4., Passage Kinos

Eine kühne Idee, ein unglaubliches Abenteuer, ein riesiger Skandal und ein brutaler Absturz: Der erfolglose  Goldsucher Kenny Wells giert nach dem großen Coup. Als er auf den charismatischen Geologen Michael Acosta trifft, starten sie ein waghalsiges Abenteuer. In den unerforschten Tiefen des Dschungels von Indonesien machen sie sich auf die Suche nach Gold. Was sie dort finden, versetzt die Börsenwelt in Aufruhr und bringt ihnen den erhofften Reichtum. Doch was steckt wirklich dahinter? Matthew McConaughey beweist Mut zum Bauchansatz und schwindendem Haupthaar und dominiert jede Szene. Das lässt den Nebendarstellern wie Édgar Ramírez als Acosta wenig Raum zur Entfaltung. Dabei wäre gerade Acostas Perspektive interessant gewesen. Stephen Gaghan (»Syriana«) liefert mit »Gold« ein unterhaltsames Schatzsucher-Abenteuer mit Anleihen an »Wolf of Wall Street«, das vor allem durch seinen Hauptdarsteller überzeugt.

»Gold«: ab 13.4., Passage Kinos, Schauburg, Cineplex

Oh, Shirley. Nicht wenige haben sich in dich verliebt. Billy Wilder etwa, der dich immer wieder besetzte, als »Mädchen Irma la Douce« oder in dem Meisterwerk »Das Appartement« an der Seite von Jack Lemmon, der dir deinen Oscar einbrachte – im Komödienfach eine Rarität. Alfred Hitchcock entdeckte dein komödiantisches Talent in einer seiner wenigen Komödien, »Immer Ärger mit Harry«, Hal Ashby dass du auch mehr kannst in dem leisen Juwel »Willkommen Mr. Chance«. Mit Filmen wie »Zeit der Zärtlichkeit« und »Magnolien aus Stahl« überdauertest du die Achtziger und wurdest mit deinem Publikum älter – ein Schicksal, das nicht vielen Schauspielerinnen vergönnt ist. Nun inszenierte Mark Pellington (»Arlington Road«) einen Film, maßgeschneidert für die Grande Dame der großen Komödie. Shirley ist Harriet. Ein Kontrollfreak. Eine biestige Alte, die einst eine biestige junge Unternehmerin war. Ihre Tochter hat sich von ihr entfremdet, ihr Mann hat sie verlassen, ihre Firma, die sie einstmals selbst gegründet hatte, setzte sie vor die Tür. Harriet hat keinen Bock mehr und würde ihrem Leben am liebsten ein Ende setzen. Doch da fällt ihr Blick ins lokale Tagesblatt. Genauer: auf die Seite mit den Nachrufen. Die Druckerschwärze auf dem weißen Papier malt das Leben der Verstorbenen in den buntesten Farben. Die will Harriet auch für sich beanspruchen. Also sucht sie die Autorin auf, lässt ihren Einfluss spielen und beauftragt sie damit, ihren Nachruf zu schreiben. Anne (Amanda Seyfried) würde eigentlich lieber Essays schreiben, hat sich und ihr Leben aber irgendwie in eine Sackgasse manövriert. In die Ecke gedrängt von der herrischen Alten nimmt sie den Auftrag an. Der stellt sich jedoch schwerer dar, als geglaubt, denn bei ihrer Recherche stellt die junge Autorin fest, dass wirklich niemand ein gutes Wort für Harriet übrig hat. Doch irgendwie rauft sich das seltsame Paar zusammen, um dafür zu sorgen, dass Harriet Spuren für die Nachwelt hinterlässt. Es ist eine Freude, der 83-jährigen Shirley Maclaine dabei zuzusehen, wie sie mit wenigen Gesten, ihrer Mimik, ihrer Aura mehr über ihre Figur erzählt als es ausufernde Dialoge vermögen. Die fünfzig Jahre jüngere Amanda Seyfried (»Les Misérables«) hat die meiste Zeit damit zu tun, dagegen anzuspielen. Die Dramaturgie gibt ihnen auf jeden Fall reichlich Raum, denn wirklich viel Überraschendes passiert nicht in dieser Tragikomödie, die auf Brachialhumor verzichtet und seine Stärken in den leisen Tönen sucht.

»Zu guter Letzt«: ab 13.4., Passage Kinos, CineStar, Regina Palast

Flimmerzeit_März 2017

 

Weitere Filmtermine der Woche

Gegenkino

…das Festival des »unkonventionell Abseitigen, der experimentellen Filmästhetiken und grenzauflösenden Perspektiven« findet nun schon zum vierten Mal statt. Ein Leipziger Gewächs, das seine Wurzeln quer über die Stadt verteilt. Vom UT Connewitz, über die Schaubühne Lindenfels bis zum Luru Kino in der Spinnerei spannt sich das Netz aus Filmen, experimenteller Videokunst, Performance, Ausstellungen und Diskussionen. In diesem Jahr widmet das Gegenkino einen großen Teil des Programms dem Dokumentarischen als künstlerischen Blick auf politische und soziale Verhältnisse.

Color Field Immersion 

Der US-amerikanische Medienkünstler und Ambient-Musiker Doron Sadja sucht in seinen diversen Arbeiten immer wieder nach neuen Wegen, das Erleben der Zuschauer auf auditiver und visueller Ebene auszuloten und verborgene Bereiche im Sinnlichen zugänglich zu machen. – Licht- und Soundperformance von Doron Sadja

13.4., 21 Uhr, UT Connewitz

Filme von Mika Taanila

…im Luru: Short Film Reel I: Futoro (20 Uhr) und Mannerlaatta Tectonic Plate (FIN 2016; OmU) + The sad Song of hard-edged Transition Wipe Markers (22 Uhr)

14.4., 20/22 Uhr, Luru-Kino in der Spinnerei

The Future is not what it used to be 
Kurzfilmrolle des finnischen Avantgarde-Künstlers Mika Taanila – Gegenkino

16.4., 20 Uhr, UT Connewitz

Return of the Atom 

Finnland war das erste Land, das nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ein Atomkraftwerk errichtete. Gebaut werden sollte es 2004, die Inbetriebnahme war für 2009 vorgesehen. Doch seit mehr als sieben Jahren verzögert sich die Fertigstellung. – Hommage Mika Taanila

16.4., 22 Uhr, UT Connewitz

Die letzten Männer von Aleppo 

Khalid, Subhi und Mahmoud, alles Gründungsmitglieder der Freiwilligen-Organisation »Weißhelme« in Aleppo, sind gewöhnliche Bürger. Sie sind jedoch die Ersten, die ein gerade zerbombtes und zerstörtes Gebäude betreten, um in den Trümmern nach den Lebenszeichen Verschütteter zu suchen. Die drei leben einen zermürbenden Alltag von Einkesselung und Bombardierung.

13./14.4., 17 Uhr, Schaubühne Lindenfels

Ein deutsches Leben 

Eine Dokumentation über das Leben von Brunhilde Pomsel, die während des Nationalsozialismus Stenografin unter Goebbels war. – anschl. Gespräch mit Robert Feustel über die Parallelen und Unterschiede früherer und heutiger rechter Rhetoriken

14.4., 19 Uhr, Cinémathèque in der Nato

Fast & Furious Marathon 

Alle Teile der Reihe von 2001 bis heute im Gesamtpaket für die ganz ganz Harten…

15.4., 14 Uhr, Cineplex

Nothing to Hide

Während wir uns dem Überwachungsstaat verweigern, geben wir immer mehr freiwillig von uns preis und installieren auf unseren Mobiltelefonen Apps, die allerlei private Daten von uns übermitteln. Man hat ja ohnehin nichts zu verstecken. Die Journalisten Marc Meillassoux und Mihaela Gladovic gehen der Frage nach, was das über uns und unsere Gesellschaft aussagt. Im Anschluss sind sie zur Diskussion vor Ort.

16.4., 19.15 Uhr, Luru-Kino in der Spinnerei

Sword Art Online: Ordinale Scale 

Das Online-Rollenspiel »Ordinal Scale« ist beliebt, können sich doch die Nutzer auf einem riesigen Schlachtfeld austoben. Auch Asuna und seine Freunde entdecken das Spiel für sich ungenießen die virtuelle Realität. Doch dann taucht in der Welt des Spieles eine echte Bedrohung auf, mit der keiner gerechnet hat.

17.4., 20.20, 23.15 Uhr, CineStar

Below her Mouth 

Die erfolgreiche und verlobte Modejournalistin Jasmine trifft auf einer Party die attraktive Dallas und beginnt wenig später eine Affäre mit ihr. Doch bald werden die Dinge hässlich.

13., 18.4., 21.15 Uhr, Kinobar Prager Frühling

Horror-Doppel mit Donis 

– Martyrs (F 2008; OmU), Tall Man (USA/CAN 2012, OmU)

19.4., 20 Uhr, Luru-Kino in der Spinnerei

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