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»Die ganze Geldwelt ist mir suspekt«

Schauspielerin Sandra Hüller über Nacktszenen, Frauenquote und warum sie jetzt bei »Fack Ju Göhte« mitspielt

Foto: Christian Hüller Größeres Bild

»Toni Erdmann« hatte den Deutschen Filmpreis erwartungsgemäß fest im Griff. Am Freitag wurde die von Publikum und Kritik gleichermaßen gefeierte Komödie von Maren Ade mit stolzen sechs Lolas ausgezeichnet. Ein triumphaler Abschluss eines bewegten Jahres für die Wahl-Leipzigerin Sandra Hüller. Im März traf der kreuzer sie zum Interview…

Sandra Hüller findet keinen Parkplatz. Der hinterm kreuzer-Büro wird gerade von einem Bagger aufgerissen und während wir noch die Bauarbeiter bezirzen, ob auf ihrem Hoheitsgebiet kurz »eine tolle Schauspielerin« ihr Auto abstellen kann, hat sie selbst doch noch einen gefunden. »Man muss nur Geduld haben«, sagt sie. Um den Hals trägt sie ihr Handy, wie früher Kinder ihre Zahnspangendose. Das sei halt einfach praktisch, wenn man mal schnell nach dem Weg schauen wolle, sagt sie. Bevor wir beginnen, wollen wir noch wissen, wie es ihr geht. Sie hat diverse Preisverleihungen – unter anderem die Oscars – für den Film »Toni Erdmann« hinter sich, aber gerade sei alles recht entspannt. Na dann los.

kreuzer: Wir würden gerne über Nacktsein reden.
SANDRA HÜLLER: Oh ja, lasst uns doch über Nacktsein reden.

kreuzer: Sie sitzen jetzt in einem Raum mit zwei Leuten, die haben Sie ausführlich und lange nackt gesehen.
HÜLLER: Das hätte ich vergessen, wenn Sie mich nicht daran erinnert hätten. Ich vergesse das sogar, wenn ich zu Publikumsgesprächen nach dem Film gehe.

kreuzer: Sie haben mal gesagt, nackt sein ist keine große Kunst.
HÜLLER: Ich habe das mal gesagt, weil ich keinen Applaus dafür haben will, dass ich mich ausgezogen habe. Das fühlt sich irgendwie komisch an. In der Szene (im Film »Toni Erdmann«, d. Red.) gings auch um etwas anderes. Für mich ist das die Geburtstagsparty und nicht die Nacktparty, obwohl klar ist, dass sie irgendwann so heißt. Eigentlich versucht sie nur irgendwie, den Geburtstag über die Bühne zu bekommen – und das läuft aus dem Ruder. Die Dinge, die da zwischen den Menschen passieren, finde ich so interessant. Also zwischen ihrer Assistentin, ihrem Chef … und ja, dabei sind sie nackt. Vielleicht wären auch ein paar Sachen nicht passiert, wenn sie angezogen gewesen wären. Vielleicht wären die dann mit Drogen passiert. Für mich ist die Szene aber so Teil des Films, dass ich die gar nicht getrennt betrachten kann.

kreuzer: Dennoch muss man eine Grenze überschreiten, um sich so zu zeigen. War das nicht schwer?
HÜLLER: Es war ja nicht das erste Mal. Aber darauf jetzt richtig zu antworten, ist schwierig, denn wenn ich sage, dass es mir nichts ausmacht, muss ich mich ab jetzt immer ausziehen. Da hab ich keinen Bock drauf. Aber in diesem Moment war es einfach unvermeidlich – diese Szene musste halt genau so sein. Und wenn Maren (Ade, Regisseurin von »Toni Erdmann«, d. Red) jetzt so »korrekt« gewesen wäre, nur oberhalb der Brust zu filmen, würde es auch nicht funktionieren und wäre Fake. Aber es geht auch nur so beiläufig, wie sie es gemacht hat, also nur mit dieser Nonchalance, mit einem »Na und?«. Ich bin jetzt keine, die sich ständig ausziehen muss.

kreuzer: Die Süddeutsche Zeitung hat in einer Überschrift mal über Sie geschrieben: Die Frau, der nichts peinlich ist.
HÜLLER: (lacht) Mir ist irre viel peinlich.

kreuzer: Auch vor der Kamera?
HÜLLER: Auch da, ja. Aber natürlich ist es einfacher, unangenehme Sachen zu machen, wenn man jemand anderen spielt. Die können einem ja gar nicht peinlich sein, weil sie von einem verlangt werden. Peinlich ist ja das, was unerwartet ist. Also wenn ich einem Kind erkläre, dass es zu Hause gerne mal furzen kann, aber in einem vollen Zugabteil lieber nicht. Aber überhaupt Überschriften … (lacht).

kreuzer: Was war die schlimmste?
HÜLLER: Dazu hätte ich sie ja erst mal lesen müssen.

kreuzer: Lesen Sie keine Artikel über sich?
HÜLLER: Wenn mir jemand was empfiehlt, dann lese ich es. Aber ich suche jetzt nicht danach.

kreuzer: Sie googlen Sich nicht selbst?
HÜLLER: Na gut, doch, manchmal schon. Aber ich habe auf keinen Fall alles gelesen, was über »Toni Erdmann« geschrieben wurde.

kreuzer: Wollen Sie die Kritik nicht an sich ranlassen?
HÜLLER: Ich finde, bei einem Film kann man ruhig die Kritiken lesen, weil der ja fertig gedreht ist und man ihn nicht mehr ändern kann. Bei Theaterstücken lese ich eigentlich nie Kritiken, weil das mein Spiel verändert. Selbst, wenn es eine positive Kritik ist. Die Draufsicht der anderen ist immer anders als die eigene Motivation. Ich hab die Erfahrung gemacht, dass ich teilweise anfange, Bilder von außen zu bedienen, weil ich sie mitdenke, auch wenn es ursprünglich anders gedacht war.

kreuzer: Sie haben mal gesagt, dass das Theater Ihre große Liebe ist und der Film nur ein Flirt. Spielt das Theater immer noch so eine wichtige Rolle?
HÜLLER: Im Moment keine ganz so große. Weil der Film sehr in den Vordergrund gerückt ist in den letzten Monaten. Aber ich habe Theaterschauspielerin gelernt, der Film kam dann irgendwie mit dazu. Dafür habe ich sozusagen keine Ausbildung. Ich weiß immer noch nicht, wann die Kamera wo steht, ich treffe die Markierungen nicht, diese ganzen technischen Dinge beim Film kann ich nicht. Ich weiß nicht, ob man jetzt unterschiedlich spielen muss, weil es gerade eine Nahaufnahme gibt. Daher mach ich das dann immer gleich, egal wie nah jemand dran ist. Das liegt vielleicht am Bühnenschauspiel. Theater ist mein Beruf. Damit habe ich angefangen und das würde ich auf keinen Fall aufgeben wollen, denn es beansprucht einfach andere Muskeln als der Film. Und ich fände das schade, wenn es die nicht mehr gäbe, diese Muskeln.

kreuzer: Als Sie sich bei der Schauspielschule Ernst Busch in Berlin beworben, hatten Sie noch kein Abitur, wurden aber sofort angenommen, was relativ selten ist. War das eine spontane Idee?
HÜLLER: Ich hatte vorher einen Theaterkurs auf dem Dörnberg gemacht, wo wir ein Stück namens »Wir Voodookinder« zusammen entwickelt haben. Damit sind wir durch Deutschland getourt und haben das Theatertreffen der Jugend eröffnet in Berlin, 1996. Da habe ich gemerkt, dass mir das großen Spaß macht. Kurz vorher war ich schon beim Arbeitsamt gewesen, beim BIZ, um mich zu informieren, wie man Schauspielerin wird, weil ich einfach keine Ahnung hatte. Und in Berlin gab es halt eine Schule, also habe ich mich beworben. Vorher hab ich alle Leute um mich herum gefragt, ob ich das machen soll, ob die das für eine gute Idee halten. Ich war ja erst 17. Die Antworten waren Hälfte-Hälfte – die einen haben gesagt: Das ist zu früh, mach was anderes. Die anderen haben gesagt: Warum nicht, kannst du doch probieren, was soll sein? Ich habe es gemacht und sie haben mich genommen. Ich habe die Schule dann noch beendet in dem Sommer, bevor es losging.

kreuzer: Ist das Schauspielstudium an der »Ernst Busch« so hart, wie alle sagen?
HÜLLER: Es ist eine wilde Zeit. Ich war 18. Ich glaube, für jemanden, der mit 23 anfängt, ist das anders. Wenn man schon ein bisschen Leben gehabt hat, raus aus der Schulautorität war, wenn man mehr eigene Entscheidungen getroffen hat oder auch schon mal gereist ist, dann lässt man sich von so einem Lehrer nicht mehr einfach so was vorschreiben. Dann sieht man den mehr auf Augenhöhe. Das Studium ist natürlich emotional hart, aber das gehört einfach dazu, weil man auch wahnsinnig viel über sich selber lernt. Man muss auch bestimmte Meinungen von sich, oder was man immer über sich gedacht hat, revidieren. Man wächst in so einem Studium auch ein bisschen über sich selbst hinaus und macht Dinge, von denen man niemals dachte, sie zu können. Da öffnet sich eine komplett neue Welt. Klar ist das anstrengend. Aber eben auch toll.

kreuzer: Der Film »Toni Erdmann« war ein überraschend großer Erfolg – mit diversen Preisen bis hin zur Oscar-Nominierung. Wann war der Punkt, an dem Sie realisiert haben, dass der Film offenbar etwas Besonderes ist?
HÜLLER: Als die Einladung nach Cannes kam, war allen klar, dass wir damit nicht den normalen Weg gehen würden, sondern den über das Festival. Wenn es einen Moment gab, dann den. Das war letztlich die größte Anerkennung.

kreuzer: Dass er – trotz einer Länge von fast drei Stunden – auch beim Publikum so gut funktionierte, hat euch das überrascht?
HÜLLER: Wir sind alle überrascht und froh. Wir wussten gleichzeitig auch immer, dass es eine gute Arbeit ist, aber ob das sozusagen funktioniert, das weiß man immer erst im Nachhinein.

kreuzer: Was halten Sie von der Idee der Neuverfilmung mit Jack Nicholson und Kristen Wiig?
HÜLLER: Ich verstehe das aus Produzentensicht gut, weil es da wahrscheinlich einfach um Geld geht. Und, warum nicht? Wenn es wirklich zustande kommt – es dauert immer viele Jahre, bis es wirklich so weit ist –, dann gucke ich mir das auf jeden Fall an.

kreuzer: Regisseurin Maren Ade hat öfter thematisiert, dass es weniger weibliche Filmemacherinnen gibt. Wie schätzen Sie das ein? Gibt es für Sie einen Unterschied, ob ein Mann oder eine Frau auf dem Regiestuhl sitzt?
HÜLLER: Einen Unterschied sehe ich da nicht, die machen alle ihre Arbeit. Aber wir reden dann zum Beispiel mehr über Kinderbetreuung, weil das Problem dann alle haben. Das Thema hatte ich mit männlichen Kollegen noch nicht.

kreuzer: Sollte man eine Quote einführen, zum Beispiel, dass 30 Prozent aller Filme, die in Cannes im Wettbewerb laufen, von Frauen sind?
HÜLLER: Ja, warum nicht? Ich finde es immer interessant, wenn man Sachen ausprobiert. Man kann die auch wieder zurücknehmen. Aber ich fände es spannend zu sehen, was passiert. Kann ja sein, dass es wirklich erleuchtend ist und man es so lässt. Und wenn es plötzlich viel mehr schlechtere Filme gibt, nimmt man es halt wieder zurück. Das glaube ich aber nicht.

kreuzer: Haben Sie eine Idee, warum es so eine Quote überhaupt bräuchte, also warum immer noch so ein Ungleichgewicht herrscht?
HÜLLER: Nein, da bin ich eine von den Milliarden Menschen, die darauf keine Antwort haben. Ich wüsste das auch gerne. Ich kann da auch nicht mit der Höhle anfangen und dem Jagen.

kreuzer: Wie wählen Sie Ihre Rollen aus?
HÜLLER: Erst mal danach, ob ich Zeit hab. Wenn ich mich für etwas entscheide, dann zu hundert Prozent. Ich kann das nicht mit Handbremse machen. Ich muss mich in einen Stoff oder in eine Figur verlieben oder immer den Wunsch gehabt haben, mit einer Regisseurin oder einem Regisseur zusammenzuarbeiten. Dann versuchen wir das hinzukriegen. Das ist manchmal nicht so leicht, mit Theater und mit Kind. Aber was genau das immer ist, kann ich wirklich nicht sagen. Es gibt so einen Moment, wo ich weiß: Da möchte ich wirklich dran beteiligt sein, aus irgendeinem Grund. Entweder das Thema, das behandelt wird, ist gerade in meinem Leben irgendwie akut. Das kann auch auf einer anderen Ebene sein. Oder ich kenne jemanden, dem ist das passiert und dem würde ich das gerne schenken. Oder ich will etwas Bestimmtes verstehen, eine bestimmte Thematik. Das ist ganz unterschiedlich.

kreuzer: Was war der Grund bei »Toni Erdmann«?
HÜLLER: Da ging es eigentlich um Maren Ade. Weil ich einfach so wahnsinnig froh war, dass sie mich gefragt hat, ob ich da vorsprechen möchte. Ich wollte einfach gern mit ihr arbeiten. Vor dem Buch hatte ich eigentlich eher Angst. Vor der Rolle auch. Ich bin ja aus dem Osten und mir ist diese ganze Geldwelt extrem suspekt. Ich wusste nicht, ob ich Lust habe, so jemanden zu verkörpern. Aber die Ines Conradi ist mir immer näher gerückt. Ich hab entdeckt, was die Figur interessant macht, abgesehen von der Geschäftswelt, in der sie da unterwegs ist. Dann ging das auch.

kreuzer: Verstehen Sie die Geschäftswelt dadurch jetzt besser?
HÜLLER: Nein.

kreuzer: Nach so einem großen Erfolg wie »Toni Erdmann« ist die Frage: Was macht man danach? Sie haben nun eine Rolle in »Fack Ju Göhte 3« angenommen. Da müssen wir drüber reden.
HÜLLER: Wieso müssen wir darüber reden? Versteh ich nicht (lacht).

kreuzer: Warum tun Sie das?
HÜLLER: Ich habe Bora Dağtekin damals in Berlin kennengelernt, als ich gerade mein Kind bekommen habe. Ich habe damals für den ersten Teil schon vorgesprochen und das hat aus verschiedenen Gründen nicht geklappt – und wir waren irgendwie verabredet. Das Buch, was er jetzt geschrieben hat, hat mir gefallen. Ich finde die Rolle, die er da erfunden hat, sehr schön. Ich glaube, daraus kann ich was machen, da kann ich mich einbringen. Also probiere ich das mal.

kreuzer: Was hat Sie damals am ersten Teil schon gereizt, dass Sie da vorgesprochen haben?
HÜLLER: Warum nicht? Bei Indie-Drehbüchern kenne ich mich aus und liebe die auch. Aber so eine Art von Komödie hab ich noch nicht ausprobiert. Ich würde gern wissen, ob ich das kann und wie sich das anfühlt und was ich da noch lernen kann.

kreuzer: Sie haben viele Rollen angenommen, um es einfach mal auszuprobieren. Gab es auch welche, wo Sie im Nachhinein dachten, die hätte ich lieber nicht ausprobieren sollen?
HÜLLER: Nein, denn sonst würde ich mich ja immer noch fragen, ob ich das mal machen sollte. Aber klar, es gab auch Sachen, bei denen ich dachte, die muss ich nicht noch mal machen – ohne jetzt zu sagen, welche das waren.

kreuzer: Zum Beispiel die Rolle der Karrierefrau?
HÜLLER: Mit Rollen bin ich überhaupt nicht im Argen. Eher mit Konstellationen oder Regisseuren, bei denen ich denke: Wir müssen uns nicht unbedingt noch mal begegnen. Ich würde aber nicht sagen, ich habe jetzt einmal eine Business-Frau gespielt, jetzt muss ich das nie mehr machen. Es gibt ja vielleicht eine, die hat ein ganz anderes Problem.

kreuzer: Haben Sie nach der Aufmerksamkeit im Ausland jetzt Lust bekommen, auch in internationalen Filmen zu spielen?
HÜLLER: Klar. Das liegt aber an der Fantasie der anderen. Ich will das nicht steuern und durch die Welt fahren: Hallo, hier bin ich und hier ist mein Band. Entweder sie kommen von selber drauf oder halt nicht.

kreuzer: Sie haben Ihre ostdeutsche Vergangenheit angesprochen. Wie haben Sie die Wende erlebt?
HÜLLER: Ich war elf, als die Mauer fiel. Das heißt, ich habe das nicht verstanden. Das war eine große Überforderung. Ich kann mich erinnern, dass eine Mitschülerin eines Morgens in die Schule kam und sagte, bald sind die Grenzen offen, und alle haben gesagt, du spinnst. Ihr Vater habe das gesagt. Das war ein paar Monate vorher. Als Kind merkt man, dass die Eltern unruhig werden, das ganze Umfeld einfach unruhig wird. Das ist wie so ein leichtes Erdbeben, das alles erschüttert. Weil das ganze System plötzlich in Frage gestellt wird, von vielen ja auch schon vorher in Frage gestellt wurde, teilweise auch von den eigenen Eltern. Aber wir als Kinder haben das nicht gemacht. Als Zehnjährige frage ich mich doch nicht, warum das hier so ist. Ich hab mich einfach sicher gefühlt. Das war meine Kindheit. Dann gab es große Aufregung und wir haben als Kinder große Emotionen um uns herum gesehen. Unter anderem auch Angst. Diese ganze Verunsicherung, die damit einhergeht, neben der Freude, dass das alles funktioniert hat. Ich hatte als Kind schon das Gefühl, dass das alles ein bisschen schnell geht, und das hat sich eigentlich nie verändert. Das war alles sehr, sehr schnell für so einen großen Umbruch.

kreuzer: Hat sich denn etwas verändert für Sie und ihre Familie?
HÜLLER: Klar hat sich beruflich für meine Eltern ganz viel verändert für eine Zeit. Die mussten sich neu orientieren. Damit hatten wir vorher als Kinder nichts zu tun. Die Gefahr, dass man seine Arbeit verliert, stand ja überhaupt nicht zur Debatte. Auf einmal war das so. Für mich war das die erste große Erschütterung in meinem Leben.

kreuzer: Sie leben jetzt in Leipzig. Was war die Motivation hierzugehen?
HÜLLER: Die war privat.

kreuzer: Was mögen Sie an der Stadt?
HÜLLER: Ich bilde mir ein, dass ich den Menschenschlag irgendwie kenne, weil: Thüringen ist ja nicht weit weg. Ich hab das Gefühl, die Menschen sind gerade. Hier mauschelt man nicht so rum. Der Umgang ist sehr direkt. Ich habe das Gefühl, es geht wenig um Äußerlichkeiten und es gibt nicht so eine krass ausgeprägte Hipster-Szene, sondern die Leute machen einfach ihre Arbeit, ohne das immer groß auszuschmücken. Außerdem komme ich mit ganz großen Städten nicht so richtig zurecht. Ich brauche den Überblick. Den hab ich hier, obwohl ich auch alle Möglichkeiten habe, auszugehen und Kultur zu sehen. Und man ist angebunden, es gibt einen Flughafen. Also es ist alles da, aber man verliert sich hier nicht so.

kreuzer: Ihre Heimat ist in Thüringen. Ist Ihnen das wichtig oder reicht eine Wahlheimat wie Leipzig?
HÜLLER: Ich habe hier meine Familie um mich, das ist mir sehr wichtig. Dass es einen Ort gibt, wo man überhaupt nichts sein muss. Wo man sozusagen auf die normalste Art der Welt Zeit verbringen kann, unbeobachtet und mit Menschen, die man lange kennt. Und dieser Ort ist jetzt halt hier.

kreuzer: Werden Sie inzwischen auf der Straße erkannt?
HÜLLER: Ja, manchmal schon.

kreuzer: Freuen Sie sich darüber oder sind Sie genervt?
HÜLLER: Ich nehme das immer gerne an, wenn Leute ihren Respekt oder ihre Liebe ausdrücken wollen. Das ist doch eigentlich schön. Bei Kollegen wie Elias nimmt das natürlich andere Ausmaße an. Aber ein Zweiergespräch von einer Minute auf der Straße – warum nicht? Die Leute merken, glaube ich, auch sehr gut, ob es gerade stört.

kreuzer: Stellen Sie sich gerne Publikumsgesprächen?
HÜLLER: Ja, ich mag das. Ich finde, das ist Ehrensache. Die haben ja Geld dafür bezahlt, den Film zu sehen – und mich interessiert auch, was sie sagen.

kreuzer: Auf Austausch im Internet verzichten Sie aber. Sie haben keine Facebook- oder Twitterseite, oder?
HÜLLER: Ich war mal bei Facebook, aber das hat mich tatsächlich aufgefressen und ich habe gemerkt, ich muss da weg. Und dann bin ich weggeblieben.

kreuzer: Aber dort wäre auch eine Form des Austauschs mit dem Publikum möglich.
HÜLLER: Nein, das finde ich nicht. Wenn mir jemand was sagen will, kann er mir gerne eine E-Mail schicken – oder der Agentur. Aber dieses Rumgerotze unter irgendwelchen Artikeln oder das, was Kollegen da einstecken müssen, ist kein Austausch.

kreuzer: Gehen Sie hier oft ins Theater?
HÜLLER: Am Anfang ja, in letzter Zeit nicht wegen der ganzen Reisen.

kreuzer: Könnten Sie Sich vorstellen, hier mal wieder zu spielen?
HÜLLER: Ja, ich will nichts ausschließen.

INTERVIEW: JULIANE STREICH, LARS TUNCAY


Sandra Hüller wurde 1978 in Suhl geboren und wuchs in Thüringen auf. Sie studierte Schauspiel an der Ernst-Busch-Schule in Berlin. 2001 spielte sie ein Jahr lang am Schauspiel Leipzig. Bekannt wurde sie durch Hans-Christian Schmids Film »Requiem«, in dem sie eine an Epilepsie erkrankte junge Frau spielt. Für ihre Rolle in »Toni Erdmann« wurde sie sowohl mit dem Europäischen, als auch mit dem Deutschen Filmpreis als beste Darstellerin gekürt. Sie lebt in Leipzig.

Das Interview erschien in der April-Ausgabe des kreuzer.

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