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»Ständige Drohung, dass man wegrationalisiert wird«

Arbeitssoziologe Klaus Dörre über Amazons Arbeitsregime und gewerkschaftliche Gegenwehr

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Klaus Dörre forscht in Jena zur Veränderung der Arbeits- und Wirtschaftswelt. Im Gespräch mit dem kreuzer erklärt er, wie sich das Amazon-Geschäftsmodell ins Hartz-System einfügt und welche Herausforderungen die Digitalisierung stellt.

kreuzer: Die Jobs sind befristet, unternehmerisches Risiko wälzt Amazon auf Arbeitnehmer ab. Warum feiern Kommunen das Jobwunder Amazon?

KLAUS DÖRRE: Amazon sucht sich Regionen mit gravierenden Arbeitsplatzproblemen aus. Dort mobilisieren sie Beschäftigte, denen fast jede Arbeit lieber ist als gar kein Job. Aber Amazon zahlt über Mindestlohn. In einer Entwicklungstendenz zur prekären Vollerwerbsgesellschaft mit Realeinkommenseinbußen seit 1990 befindet sich der Amazon-Verdienst noch an der Grenze zum Niedriglohnbereich.

kreuzer: Die Agenda 2010 wirkt hier als Katalysator?

DÖRRE: Ja, sie hat dazu durch indirekten Druck auf die Löhne beigetragen. Hartz IV bezeichnet einen Status unterhalb der Schwelle gesellschaftlicher Respektabilität. Daher ist die Hauptwirkung von Hartz IV eine Disziplinierung derer, die noch Jobs haben, um ihre Konzessionsbereitschaft zu steigern, schlechte Jobs anzunehmen. Es herrscht immenser Druck, Langzeitarbeitslosigkeit zu vermeiden. Seit der Einführung von Hartz IV stecken eine Million Menschen darin fest, kommen nicht heraus.

kreuzer: Was ist das Besondere an Amazon in diesem Gefüge?

DÖRRE: Es inszeniert sich nach einer US-Unternehmensphilosophie als Unternehmen, das gesellschaftliche Probleme löst, eine Mission hat und alles für den Kunden einsetzt. In einigen Werken zumindest gab es die sogenannte Power Hour: Die letzte Arbeitsstunde wurde mit AC/DCs »Hells Bells« eingeleitet und dann sollten die Picker noch einmal richtig reinhauen. Der entscheidende Punkt ist aber, dass das Unternehmen in der Lage ist, zum Beispiel über die Handscanner der Picker alle möglichen Leistungsdaten abzufragen. Dann kann irgendwann eine Stimme erschallen und teilt ihnen mit, dass das Leistungssoll noch nicht erreicht ist. Sie können ein Profiling machen über jeden. Und diejenigen, die befristet eingestellt sind, wissen natürlich immer, dass das bedeuten kann: Sie werden nicht übernommen.

kreuzer: Sie internalisieren die Kontrolle wie beim Gefängnistyp Panopticon, wo der Gefangene jederzeit beobachtet werden könnte? Er diszipliniert sich selbst durch die pure Möglichkeit des Überwachens und Strafens?

DÖRRE: Ja, genau. Ein Student nannte das die »panoptische Fabrik«. Wie bei der von Michel Foucault beschriebenen panoptischen Herrschaft brauchen sie den Kontrolleur nicht. Es reicht zu wissen, dass Sie kontrolliert werden können. Dann verinnerlichen Sie dieses Kontrollregime. Hinzu kommt die Diskrepanz zwischen legerem Managerton – die duzen sich alle – und dem aufgebauten Druck. Und die ständige Drohung, dass man wegrationalisiert wird. Das Amazon-Geschäftsmodell sagt klar: Anstelle der Picker wollen wir demnächst Drohnen und Roboter einsetzen. Das erzeugt aber auch Widerstand.

kreuzer: Den Arbeitsausstand?

DÖRRE: Die Streiks bei Amazon haben ihre Ursache eher in den Arbeitsbedingungen und dieser beschriebenen Kontrolle denn in der Bezahlung. Das zeigen unsere Studien und erklärt auch die Mobilisierungserfolge von Verdi.

kreuzer: Was spräche denn – gesamtgesellschaftlich gesehen – gegen die Übernahme von monotonen, mühsamen Jobs durch Automatisierung? Das war doch das Versprechen des Fortschritts?

DÖRRE: Wenn das einträte, würde ich das sofort befürworten. Aber dazu bedürfte es eines massiven gesellschaftlichen Umbaus. Ersetzen Roboter Arbeitsplätze und bringen die Menschen ums Einkommen, werden sie in eine Maschinenstürmerposition gezwungen. Wenn man da nicht Ersatz schafft, dann treibt uns die digitale Revolution in noch nicht absehbare Verhältnisse.

kreuzer: Was tun?

DÖRRE: Es braucht gesellschaftlichen Druck und Fantasie zur Ausgestaltung alternativer Gesellschaftsmodelle. Selbst Wirtschaftseliten kommen auf die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens, andere sprechen von einer Robotersteuer. Es braucht eine Umkehr politischer Prioritäten.

kreuzer: Gewerkschaften geben einen Hoffnungsfunken?

DÖRRE: Man merkt, dass die jungen Leute durchaus kampf- und konfliktbereit sind. Aber das Aufflammen von Streiks hat noch keine grundlegende Trendwende bei der Mitgliederentwicklung erzeugt. Nur jeder fünfte Arbeitnehmer ist gewerkschaftlich organisiert. Der Wermutstropfen: Gerade im Osten ist es kein Widerspruch, sich aktiv im Betrieb – auch als Gewerkschaftsvertreter – zu engagieren und gleichzeitig Busse zur Pegida-Demonstration zu organisieren. Wir hatten es für Interviews im Osten erstmals mit Betriebsräten zu tun, die ganz offen mit ihrer rechten Gesinnung umgehen. Dagegen haben die Gewerkschaften noch kein Mittel gefunden.

Eine ausführliche Reportage zum Streik und den Arbeitsbedingungen beim Amazon-Werk in Leipzig finden Sie in der aktuellen Mai-Ausgabe des kreuzer.

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