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Volles Bier, volle Dröhnung

WGT beats Kirchentag in jeder Hinsicht

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Ein kaputtes E-Piano bei Amanda Palmer, Menschen, die alles fotografieren, und Gotik-Fans, die pogen lernen: Der Bericht vom WGT.

»Ich hab noch nie so einen Scheiß vor so vielen Zuschauern gespielt«: Violinist Patrick Q. Wright nimmt es scheinbar gelassen, dass aus dem kurzen Intro ein monotones Möbiusband wird. Die Technik hat minutenlang mit dem E-Piano zu kämpfen, schließlich wird es ausgetauscht. »Das ist sogar größer«, witzelt Wright noch einmal, dann legen Amanda Palmer und Edward Ka-Spel los. Sie beschließen am Freitag nach Mitternacht den ersten Festivaltag des Wave-Gotik-Treffens und geben mit ihrer Mischung aus Technikproblemen, Obendrüber-Sein und Charme ein ganz gutes Symbol ab, um die WGT-Eindrücke zusammenzufassen.

Der Auftritt des Duos, der sich am besten als Ausmalen sehr verträumter Klanglandschaften beschreiben lässt, spaltet die Geschmäcker. Gerade Palmer-Fans – vor ihrer Solo-Karriere wurde sie bekannt als Teil der Dresden Dolls – hatten sich mehr erhofft und dadurch selbst enttäuscht. Immerhin war klar, dass es ein Konzert mit Ka-Spel (The Legendary Pink Dots) werden würde, auf dem sie die gemeinsame Platte vorstellen. In Momenten wirkten die Synthiepop-Fetzen wie eine Ironisierung elektronischer Tanzmusik. Zu sehr herausgestellt, bis zur Langatmigkeit ausgewalzt waren die Melodien. Doch rettete sie das Elektrosäuseln durch ihre fantastische Stimme und Bühnenpräsenz, punkige Solo-Chanson-Nummern wie »Machete« und ihr umwerfendes Charisma.

»Entschuldigen Sie, junge Frau. Dürfte ich ein Foto von Ihnen machen?« Darf der ältere Mann, der sich für sein Fotohobby am Eingang zum Agra-Messe-Park kurz nach der Stadtgrenze im Süden Leipzigs postierte. Schon am Freitagmittag nahm die Gothic-Szene den Ort fest in Beschlag. Die Menschen trugen Schwarz aller Schattierungen, die zuletzt beliebte Neonfarben-Mode ist zurückgegangen. Letztlich war die ganze Stadt Bühne, mischten sich auf dem parallel schnurrenden Stadtfest alle Besucher einmal durch. Soweit es das von Regen getrübte Wetter zuließ, schoben sich bunt und schwarz dicht gedrängt durch die Straßenzüge und genossen dem Augenschein nach das zähflüssige Flanieren. Die Leipziger erfreuten sich offensichtlich an der Szene-Exotik der extravagant gekleideten WGT-Gänger und baten immer wieder darum, Fotos machen zu dürfen. Dass auch anno 2017 sich noch Leute wundern, dass das Festival mit seinem morbiden Touch kein Aufreger in Leipzig ist, ist das eigentlich Wunderliche. Die Stadt war belebt und beschwingt, wie es kein Kirchentag erzeugen könnte.

Auffällige NS-Fetischisten nahm der journalistische Betrachter auch nicht wahr. Ein nach Metaller aussehender Besucher fluchte was darüber, dass Musik doch unpolitisch sei – und kam wegen eines Bekleidungsstücks nicht in den Felsenkeller. Dass das WGT seine Policy, in Sachen Rechtsoffenheit keine klaren Ansagen zu machen, geändert hat, wird nicht zu erwarten sein. Vielmehr wird die Felsenkeller-Crew die Security extra gebrieft haben. Wie auch immer: gut.

Für Fans bot sich ein breites Genrespektrum. Seit einigen Jahren schon integrieren die Festivalmacher wieder vermehrt Bands aus dem Metalbereich im Programm. So fuhren neben EBM- und Synthpop-Größen wie Skinny Puppy und VNV Nation einige Bands härtere und schnellere Geschütze auf. Den wissenden Leser wird es nicht überraschen, dass der Autor besonders diese begutachtete. Müssen wir über Varg sprechen? Wem der Sinn nach schlecht gemachtem Pathos-Black-Metal mit ebenso schlechten pathetischen deutschen Texten steht, bitte. Da will ich mit Diskussionen um die politische Vergangenheit/Gegenwart des Sängers gar nicht anfangen – ich sparte mir das Konzert um Heidnischen Dorf einfach. Es spielten ja eh fast zeitgleich The Vision Bleak. Die machten kurz nach Band-Gründung auf dem WGT 2001 (? – oh, meine Erinnerung) einen guten Eindruck auf mich. Heuer waren sie weniger metallastig. Sie punkteten aber mit exakter Choreografie und sprachlich am älteren Englisch eines Bram Stoker und H. P. Lovecraft geschulten Texten, die von hübsch sonorer Stimme vorgetragen wurden. Leider kam dabei zu viel Musik vom Band, so dass der Live-Aspekt flöten ging. Ganz auf diesen setzten Arcturus. Allesamt technisch extrem versiert – die Musiker spielen seit Jahren bei einschlägigen Black-Metal-Bands –, warfen sie mit einem Lächeln im Gesicht überbordende Songs ins Publikum. Operngesang, wechselnde Tempi, treibendes Schlagzeug und epische Synthesizerklänge verschmolzen zum originellen, manchen Zuhörer überfordernden Mix; vorgetragen zwischen Ernst und Selbstbelustigung. Für ihren verfrickelten Post-Black-Vortrag soll auch In the Woods ihr Waldbienchen bekommen, zu loben wären an dieser Stelle noch durchweg freundliche Securitys und das Thekenpersonal. Auf keinem anderen Festival steht man so selten und kurz fürs Bier an. Stimmungstechnisch meinen Höhepunkt bildete der Auftritt von Rotting Christ. Zu ihren von brachialen Gitarren dominierten Stücken ließen die Fans die Köpfe rotieren und tanzten einmal sogar rennend Pogo im Kreis. Ein Circle Pit in der Gothic-Szene ist dann schon eine Rarität, die Fans aber lernten nach erstem hektischen Zurückspringen, damit gelassen umzugehen. Da sind Leipziger, die Kostümierte um Fotoerlaubnis bitten, ein weiter verbreitetes Phänomen auf dem WGT.

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