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»Was haltet ihr von Religion?«

Festivaltagebuch vom Kosmonautfestival: Gute Fragen an Kraftklubfans

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Nachts um vier. Die Straßen in Chemnitz sind menschenleer – wie immer. Doch am Rande der Stadt tobt das volltrunkene Leben. Kraftklub haben zum fünften Kosmonautfestival geladen und 15.000 Leute sind gekommen. Ein Bericht

Reinkommen ist schon schwierig. Massen drängen sich Freitagnachmittag vor dem Eingang des Kosmonautfestivals und singen besoffene Lieder. Wegen Anstehens verpassen wir den Auftritt von Von wegen Lisbeth, die schon mal hier waren, inzwischen aber berühmter sind und auf der Hauptbühne spielen dürfen, vor der Tausende Menschen mitsingen: »Mach es gut, Cherie!«

Das Publikum ist jung hier am Stausee Rabenstein bei Chemnitz. Zielgruppe: Menschen, die Kraftklub hören. Dabei spielen Kraftklub gar nicht. Also nicht offiziell. Überraschend geben sie am Samstag, morgens um 7.30 Uhr, ein Weckkonzert am Zeltplatz. Keine Nacht für niemand.

Die Chemnitzer Organisatoren haben überhaupt ganz lustige Ideen, wie sich das Festival von anderen Festivals unterscheiden kann. Das Wettbüro, bei dem man Tipps abgibt, wer der geheime Headliner wird, die Flunkyball-Arena, bei der die extra früher angereisten Annenmaykantereit knapp gegen Kraftklub verlieren, eine eigene Minigolfbahn in Kosmonaut-Lettern oder die nachmittäglichen Herzblatt-Shows von Kraftklub-Vater Jan Kummer, in denen Freiwillige Fragen von dem geheimen Star beantworten müssen, um sein Herz und einen Präsentkorb zu gewinnen. Der Sänger von OK Kid will zum Beispiel wissen: »Es stellt sich heraus, dass der geheime Headliner deine Eltern sind, die auf der Hauptbühne vor allen Leuten Sex haben. Wie reagierst du?« Peinlich berührt – aber wegen der Unlustigkeit des Fragestellers.

Der echte geheime Headliner sind die Beginner. Damit ihn vorher keiner erkennt, hört man später, habe sich Jan Delay als Ferris MC verkleidet. Der war einen Abend vorher da mit Deichkind, die der echte bekannte Headliner sind und die immerwährende Antwort auf die Frage: »Bitte, bitte sag mir doch: Wie heißt die Band, die die Party rockt?«

Gute Fragen hat auch Maurice Ernst von Bilderbuch, der mitten im Konzert einfach mal die Menge fragt: »Was haltet ihr von Religion?« Die Menge ist irritiert, weiß jetzt auch nicht, ob sie jubeln oder pfeifen soll. Zum Glück kann sie kurz darauf zu »Babylon« tanzen. Und dem Hintern von Maurice Ernst hinterher. Schick Schock.

Vor dem Dixieklo redet jemand Englisch. Wir sind der Überzeugung, dass es einer von den Editors ist. Die britische Rockgruppe sind so ziemlich der einzig internationale Act, der hier auftritt.

Insgesamt ist es ein Genremix von Rock über Elektro bis zu Hiphop, der beim Kosmonaut vertreten ist. Da rappen die jungen Frauen von SXTN über Hurensöhne und Sex fordernde Idioten, um dann zur Melodie von »Life Is Life« mit allen, die ihnen gerade noch auf den wackelnden Arsch geglotzt haben, »Nein heißt Nein« zu skandieren. Bester Moment des Festivals.

Auf der gleichen Bühne spielt abends die Terrorgruppe, bei der ordentlich gepogt wird, mir jemand eins in die Fresse haut, sich aber brav entschuldigt, und alle die alten und neuen Songs mitsingen. Immer noch aktuelles Motto der Punkband: »Keine Airbags für die CDU!« Nur dass die AfD jetzt in der nächsten Zeile auch noch vorkommt.

Anti-Nazi-Sprüche schmücken hier viele T-Shirts und Beutel, »Kein Platz für Nazis« hat seinen eigenen Stand. Nicht weit davon entfernt hat eine Zigarettenfirma ein eigenes Areal aufgebaut. Um reinzukommen, wollen sie unsere Daten. Dafür würden wir Zuckerwatte bekommen und eine Tätowierung. Wir verzichten.

Am Shuttlebus zurück wieder eine lange Schlange.

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