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»Nachbesserung ist Teil des Plans«

Szene-Vertreter Sebastian Weber hebt den Daumen für die neue Kulturförderrichtlinie

Das Rathaus hat eine neue Förderrichtlinie beschlossen Größeres Bild

Am Mittwoch hat der Stadtrat die neue Förderrichtlinie Kultur verabschiedet. Details dazu stehen im Anfang nächster Woche erscheinenden Juli-Heft. Sebastian Weber, Sprecher für darstellende Kunst bei der Initiative Leipzig + Kultur, zeigt sich gegenüber kreuzer online insgesamt positiv gestimmt über die Neuerungen.

kreuzer: Wie bewertet Leipzig + Kultur die Förderrichtlinie?

SEBASTIAN WEBER: Die neue Richtlinie ist schon ein Erfolg. Sie setzt viele unserer Anregungen um und verbessert die Arbeitsbedingungen für die freien Kunst- und Kulturmacher eindeutig. Gleichzeitig ist natürlich unsere Arbeit jetzt nicht am Ende. Die Richtlinie ist ein wichtiger Markstein, aber der gemeinsame Weg geht noch viel weiter.

kreuzer: Was ist das große Plus gegenüber der alten Richtlinie?

WEBER: Zum einen gibt es konkrete Verbesserungen für die Künstler: Gastspiel- und Debütförderung wurden eingeführt, eine mehrjährige Konzeptionsförderung, eine zweite Antragsfrist im Jahr … Unterstützung für Kleinstprojekte kann sogar ganz ohne Frist beantragt werden. Bei der Abrechnung genügt jetzt in den meisten Fällen der vereinfachte Verwendungsnachweis. Das sind Punkte, von denen jeder einzelne Antragssteller ab sofort profitiert. Darüber hinaus hat sich auch hinter den Kulissen viel geändert: Es gibt mehr Transparenz und Mitsprache. Dass die Freie Szene in Zukunft je einen Vertreter in die Fachbeiräte der Sparten entsendet, ist eine echte strukturelle Veränderung und zeigt, aus welchem Geist die Richtlinie entstanden ist. Da wird ein altes, verschlossenes, starres Konstrukt ersetzt durch eine moderne, kooperative und anpassungsfähige Form von Zusammenarbeit für die gemeinsame Sache. So wie sich das für eine lebendige Kulturstadt gehört!

kreuzer: Wo sehen Sie Nachbesserungsbedarf?

WEBER: Die wichtigste Neuerung steht ja gar nicht in der Richtlinie selbst. Es ist die Entscheidung, die Richtlinie in Zukunft regelmäßig zu evaluieren. Evaluierung bedeutet, aus der Praxis zu lernen, beweglich zu bleiben, auf neue Tendenzen zu reagieren. Man kann gar nicht genug betonen, wie wichtig das ist! Nachbesserung ist also von vorneherein Teil des Plans. Wir hätten die Notwendigkeit regelmäßiger Evaluierung am liebsten Schwarz auf Weiß in der Richtlinie selbst verankert. Das ist bisher nicht der Fall. Aber in der Sache besteht Konsens und eine gründliche Überprüfung ist für das Jahr 2020 fest eingeplant. Ansonsten gibt es natürlich auch Punkte, die wir nicht durchsetzen konnten. Zum Beispiel dachten wir, dass eine Personalrotation bei den Fachbeiräten schon beschlossen war, aber im Papier ist davon nun doch nichts zu finden. Von manchen Ideen konnten wir Kulturdezernat und Politiker noch nicht überzeugen. Die Fachbeiräte können immer noch nicht mitreden, wenn es um die Höhe der ausgereichten Förderung geht. Sie können lediglich sagen, welchen Antrag sie prinzipiell für förderungswürdig halten. Das ist natürlich eine sehr begrenzte Mitsprache. Aber in einem demokratischen Prozess gehört es zum guten Ton, jetzt auch mal einen Kompromiss zu akzeptieren und dann zu schauen, wie sich das alles in der Praxis bewährt.

kreuzer: Der Passus mit einem Minimalhonorar soll künstlerischer (Selbst-)Ausbeutung vorbeugen. Reicht das in der Praxis, das als Empfehlung und nicht Bedingung zu schreiben?

WEBER: Die aktuelle Formulierung ist sehr unverbindlich und wurde im Bereich der institutionellen Förderung komplett vergessen. Das ist noch nicht ideal und einer der Bereiche, den wir im Blick behalten müssen. Dass der Passus überhaupt aufgenommen wurde, zeigt aber, dass Leipzig sich dem wichtigen Thema der Honorargerechtigkeit jetzt zuwendet. Zur Wahrheit gehört leider auch, dass Honoraruntergrenzen in Leipzig in vielen Projekten noch nicht realisierbar sind, weil einfach nicht genug Geld da ist. Hätte man das als Bedingung formuliert, hätte man den Projekten, die schlechtere Honorare in Kauf nehmen wollen, um ihre Visionen umzusetzen, den Weg zu Fördermitteln versperrt. Das ist eine schwierige Abwägung.

kreuzer: Wie hat Ihrer Ansicht nach die Zusammenarbeit mit der Stadt funktioniert?

WEBER: Als ich vor rund vier Jahren zum ersten Mal aktiv in diesen Prozess eingestiegen bin, konnte ich erst gar nicht fassen, wie mühsam und kleinschrittig es da voranging. Nach und nach habe ich begriffen, welche Vielzahl unterschiedlicher Interessen und Kompetenzen an so einem Prozess wirken. Man muss da wirklich viel voneinander lernen. Das verlangt Geduld und Vertrauen von allen. Heute habe ich das Gefühl, dass sich alle aufrichtig engagieren und dass wir immer offener und kenntnisreicher miteinander kommunizieren.

kreuzer: Und wie ist derzeit das Klima zwischen Kulturamt und Freier Szene?

WEBER: Für mein Gefühl weht ein frischer Wind, seit Skadi Jennicke Kulturbürgermeisterin ist. Wir arbeiten an vielen Themen konzentriert und engagiert zusammen. Neben der Förderrichtlinie gibt es ja noch die Gründung des neuen Kulturrats, die Frage der Honoraruntergrenzen, die Zusammenarbeit von Eigenbetrieben und Freier Szene, und, und, und … Für uns aus der Freien Szene ist das manchmal anstrengend, weil wir es irgendwie »nebenbei« und ehrenamtlich hinkriegen müssen. Aber es überwiegt das Gefühl, dass sich die Mühe lohnt.

Mehr zur neuen Förderrichtlinie in der Juli-Ausgabe des kreuzer.

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