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»Leipzig hat viel Feminismus«

Rapperin Rebecca Lane im Interview

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Rebeca Lane ist nicht nur studierte Soziologin, sondern auch Aktivistin. Dabei schreibt sie nicht nur Analysen und Gedichte, sondern seit einiger Zeit auch Lyrics. Die Rapperin aus Guatemala erkämpft sich mit ihren klaren feministischen Standpunkten gerade ein Standing in der internationalen Hip-Hop-Szene und tourt nun zum wiederholten Male auch durch Deutschland. Am Wochenende war sie zu Gast beim zweiten Leipziger Frauenfestival, wo wir mit ihr über Feminismus in Guatemala, Frauen im Hiphop und Alltagsprache in ihren Texten sprachen.

kreuzer: In diesem Jahr fand zum zweiten Mal das Leipziger Frauenfestival statt. Was bedeutet es für dich, zu einem solchen Event eingeladen zu sein, das sich der Gleichberechtigung von Frauen widmet?

Rebeca Lane: Ich freue mich sehr darüber. Das ist das zweite Mal, dass ich in Leipzig bin, das letzte Mal war ich vor einem Jahr hier und hab mich in die Stadt verliebt. Leipzig hat eine sehr besondere Atmosphäre, viele junge Leute, viel Feminismus. Ich bin sehr dankbar, dass man mich hier eingeladen hat.

kreuzer: Feminismus ist ein zentrales Thema deiner Musik. Du sagst über dich selbst, dass du eine feministische Rapperin bist. Warum ist es dir wichtig, das zu betonen?

Lane: Das ist so etwas wie ein Statement. Viele weibliche Rapperinnen definieren sich nicht als Feministinnen – ich schon. Denn das Label, was Künstlerinnen aufgedrückt wird, ist meist ‚weiblich’. Ich sage aber ganz klar: Ich bin keine weibliche Künstlerin, sondern eine feministische. Hip-Hop ist quasi die einzige Musikrichtung, wo unterschieden wird, was Frauen und Männer machen. Niemand würde von weiblichem Jazz, Punk oder Rock reden. Das Wort wird vor allem im Hip-Hop von Männern genutzt, um Frauen aus der Kultur auszuschließen. Außerdem nenne ich mich aufgrund der feministischen Kämpfe in Guatemala und Zentralamerika Feministin.

kreuzer: Wie beeinflusst die guatemaltekische Geschichte und Gesellschaft deine Musik und deine Identität?

Lane: Wenn man Künstlerin ist in einem Land mit so einer blutigen Geschichte und so viel Schmerz, dann kann man die Realität nicht ausblenden. Guatemala geht durch mich durch. Alltägliche Erfahrungen sind beeinflusst von Gewalt, Machismo, dem Krieg, der Militarisierung und Kolonisierung. Ich versuche, in meiner Musik darüber zu sprechen, wie ich auf diese Dinge emotional und politisch reagiere. Ich denke viele Kunstformen, insbesondere in der postmodernen Welt, versuchen, der Realität auszuweichen. Ich versuche das Gegenteil – die Leute an die Realität, in der wir leben, zu erinnern. Ich versuche aber auch durch meine Musik Hoffnung zu geben, denn wenn man von so viel Gewalt umgeben ist, kann man die Hoffnung schnell verlieren. Wir sollten nicht vergessen, was passiert, aber uns trotzdem darauf konzentrieren, was unsere Stärken sind und was wir tun können, um unsere Situation zu verändern. Selbst wenn wir die Gesamtsituation nicht verändern können, können wir anfangen, unsere eigenen Kollektive zu gründen und Freiheiten zu entdecken. Man kann viel tun, um sich zu befreien.

kreuzer: Du willst aber nicht nur Hoffnung machen, sondern mit deiner Musik auch aufklären. Wie funktioniert das?

Lane: Aufklärungsarbeit mache ich vor allem durch Workshops. Mit meiner Musik versuche ich,  eine Art und Weise der Analyse zu vermitteln, die man nicht in Zeitungen oder den Mainstream-Medien findet. Ich habe Soziologie studiert und dadurch gelernt, Gesellschaft zu analysieren. In meiner Musik möchte ich aber vor allem Alltagssprache verwenden, um diese Dinge zu vermitteln. Denn eines der größten Probleme in meinem Studium war, dass ich Menschen Dinge in akademischer Sprache oder über Bücher vermitteln musste. Aber ich lebe in einem Land, in dem viele Leute nicht einmal lesen können. Ich denke, dass es wichtig ist, Alltagssprache zu verwenden, um einen anderen Ansatz zur Problemlösung zu vermitteln. Das ist zwar eine Art der Aufklärung, aber ich würde es eher Kommunikation nennen.

kreuzer: Spielt Soziologie noch eine Rolle in deinem Leben?

Lane: Kaum noch. Ich habe vor fünf Jahren meinen Abschluss gemacht und es seitdem kaum weiterverfolgt. Ich bin sehr auf die Musik fokussiert. Da ich alles selbst mache und keinen Manager habe, habe ich eigentlich keine Zeit, mich damit zu beschäftigen. Aber ich glaube schon, dass Soziologie mir viel in Sachen Analyse und Denkweisen mitgegeben hat. Nicht nur um zu verstehen, was aktuell passiert, sondern auch, eine systematische Erklärung dafür zu finden. Das wiederum hilft mir dabei, Musik zu machen.

Welche musikalischen Einflüsse prägen sich?

Lane: Zum Hip-Hop gebracht haben mich vor allem andere Frauen, die Hip-Hop machen. Das höre ich am meisten, teile ich am meisten und inspiriert mich am meisten. Actítud Maria Marta aus Argentinien, oder die Band Makiza, aus der auch Ana Tijoux kommt. Vor allem die Musik, die meine Kolleginnen machen, inspiriert mich oder auch afro-karibische Musik, die Hip-Hop maßgeblich geprägt hat. Viele versuchen, dem US-amerikanischen Hip-Hop Standard nachzueifern, aber ich glaube, dass es wichtig ist, die Einflüsse, die mich umgeben, in meiner Musik aufzugreifen. Ich bin aber vorsichtig, um beispielsweise indigene Musik nicht auf eine folklorische Art und Weise zu benutzen. Die Frage ist, wie man sich dieser Musik nähern kann, ohne sie sich anzueignen.

kreuzer: Du hast das Netzwerk Somos Guerreras gegründet. Was steckt dahinter?

Lane: Es ist ein Netzwerk mit zwei anderen Rapperinen: Nakury aus Costa Rica und Audry Funk aus Mexiko. Letztes Jahr haben wir eine Zentralamerika-Tour gemacht, bei der wir Frauen-Hip-Hop-Festivals, Workshops und Diskussionen organisiert haben. Dabei haben wir auch einige Interviews geführt, weil wir an einem Dokumentarfilm arbeiten. Das ist sehr wichtig für uns, denn in den meisten Ländern, in denen wir getourt haben, waren die Frauen nicht organisiert. Als sie gesehen haben, wie wir Frauen Projekte zusammen stemmen, hat viele das inspiriert, sich auch zu organisieren. Dadurch ist zum Beispiel das Kollektiv Hip-Hop Feminina in El Salvador entstanden. Mit Somos Guerreras geht es uns vor allem darum, wie wir Netzwerke knüpfen und die Arbeit, die Frauen in unserer Region im Hip-Hop machen, unterstützen können. Wir wollen die Welt wissen lassen, wie es ist, eine zentralamerikanische Frau zu sein, die in der Hip-Hop Szene aktiv ist. Denn das ist sehr schwer.

kreuzer: Kürzlich wurde dein Album »Alma Mestíza« veröffentlicht. Was sind weitere Pläne?

Lane: Ich versuche, so viel wie möglich mit dem Album zu touren. Nächstes Jahr will ich gerne in Südamerika touren. Da ich aber alles selbst mache und kein großes Plattenlabel im Hintergrund ist, ist das alles auch eine Finanzierungsfrage. Danach würde ich gerne eine Pause machen, um an einem neuen Album zu arbeiten.

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