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Die Mischung machts

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

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Das 2cl Sommerkino auf Conne Island eröffnet am Donnerstagabend stilgerecht mit dem Klassiker »Taxi Driver« von Martin Scorsese mit einem überragenden Robert de Niro in der Hauptrolle. Passend dazu gibt es eine Einführung zu einer kleinen Kino-Geschichte der Taxifahrt durch den Leipziger Pädagogen und Künstler Sebastian Paul. In den kommenden zwei Monaten bietet die Cinémathèque ein gewohnt gut gemischtes Programm aus Klassikern wie David Lynchs »Lost Highway« (9.7.) oder »City of God« (18.7.) und aktuellen Highlights wie »Shalom Italia« (4., 8., 15.7.) und »Raving Iran« (1., 8., 11.7.). Alle Filme laufen erfreulicherweise im Originalton und auch bei Regenwetter: ein frisch installierter Regenschutz sorgt dafür, dass auch beim deutschen Sommer trockene Füße garantiert sind.

29. Taxi Driver – Eröffnung 2cl (2cl – Sommerkino auf Conne Island)

Film der Woche: Wilson ist ein Höhlenbewohner. Ein Urmensch, der in seinem selbstgewählten Einsiedlerdasein mit seinem Hund vor sich hin lebt. Wilson hat jeden Bezug zur Gegenwart verloren. Die aufs Handy glotzende Generation ist ihm fremd und das soll jeder wissen. Wilson verteilt ungefragt seine Meinung und eckt damit stets an. Als sein einziger Freund – dessen Partnerin ihn selbstredend nicht ausstehen kann – die Stadt verlässt und sein Vater, dem der Garten immer wichtiger war als sein eigener Sohn, das Zeitliche segnet, begreift Wilson, dass er sein Leben ändern muss. Festhaltend an vertanen Chancen sucht er seine Ex Pippi auf, die ihn vor siebzehn Jahren verlassen hatte und es scheint, als habe auch sie sich nach seiner entwaffnend ehrlichen Art gesehnt. Doch bald darauf gesteht sie ihm, dass sie das gemeinsame Baby damals nicht abgetrieben, sondern zur Adoption freigegeben hat. Urplötzlich ist Wilson Vater und setzt alles daran, den Kontakt zu seiner Teenager-Tochter herzustellen. Wilson ist kein waschechter Misanthrop. Er mag die Menschen, doch sie fühlen sich durch seine offensive Art meist abgestoßen. Soziale Kontakte sind ihm fremd und das sorgt immer wieder für unangenehme Situationen. Der schräge Vogel mit dem schütteren Haupthaar kann einem irgendwie leid tun, verspielt durch seine Verbortheit aber auch immer wieder die Sympathien. Dass er einem doch irgendwie ans Herz wächst, liegt zum großen Teil an Woody Harrelson. Er verleiht seiner Figur Konturen und lässt den Zuschauer durch sein selbstgewähltes Elend mitleiden. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»Wilson«: ab 29.6., Kinobar Prager Frühling

Mifti (Jasna Fritzi Bauer) ist 16 und driftet durch ihr Leben. Ihre Kindheit liegt weit hinter ihr. Der Tod ihrer Mutter hat sie aus der Bahn geworfen und nun taumelt sie durchs nächtliche Berlin, trifft auf die Schauspielerin Ophelia (Mavie Hörbiger) und feiert die Nächte durch. Die Schule hat da keinen Platz, sehr zum Leidwesen ihrer Halbschwester Annika (Laura Tonke). Mifti beobachtet das Treiben der gesellschaftlich Angepassten wie durch eine Glasscheibe und bevorzugt den Exzess. Wohin die Reise geht, ist ungewiss, aber sie führt durch seelische Abgründe. Helene Hegemann gelang mit ihrem autobiographischen Roman »Axolotl Roadkill« 2010 ein Überraschungserfolg. Immerhin war sie damals erst achtzehn und hatte bereits den gefeierten Kurzfilm »Torpedo« nach eigenem Drehbuch u.a. mit Lars Eidinger inszeniert. Sieben Jahre später interpretiert sie ihr eigenes Werk nun neu, um ihren Figuren neue Facetten zu verleihen. Das schräge Kabinett der Hauptstadtgestalten ist auch zu Beginn durchaus interessant. Jasna Fritzi Bauer (»Scherbenpark«) schafft es, Sympathie für die kaputte Protagonistin zu entwickeln. Aber Miftis Strudel dreht sich im Kreis, statt mitzureißen. Die Probleme wirken aufgesetzt, die Dramaturgie gekünstelt. Am Ende bleiben nur die berauschenden Bilder von Kameramann Manu Dacosse und eine gute Playlist zwischen Soul und dem obligatorischen Techno. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»Axolotl Overkill«: ab 29.6., Passage Kinos

West-Berlin – in Hort des Kapitalismus im Meer des Sozialismus. Mythen ranken sich um die wilde Zeit vor allem der frühen Achtziger, als dort alles möglich schien und Menschen aus aller Welt nach West-Berlin strömten. Zahlreiche Bücher und Filme fingen die Zeit vor dem Fall der Mauer ein. Aber es gab bisher keine Chronik des schwulen Lebens in Berlin. Dabei war die geschlossene Stadt die offenste und toleranteste Hochburg der Homosexuellen in einer Zeit, als der berüchtigte Paragraph 175 noch existierte. Als der Filmemacher Jochen Hick (»Ich kenn keinen«) nach Berlin kam, war er überwältigt von der dortigen Szene. Mehr als dreißig Jahre später stellte er nun die erste Chronik der schwulen Emanzipation zusammen, um die Geschichte endlich festzuschreiben für folgende Generationen. Zahlreiche Zeitzeugen kommen darin zu Wort (u.a. Rosa von Praunheim und Filmverleiher Manfred Salzgeber), was mitunter etwas ermüdet. Das einzigartige Archivmaterial offenbart einen faszinierenden, höchst expliziten Einblick in eine wilde Zeit. Ausführliche Kritik von Frank Brenner im aktuellen kreuzer.

»Mein wunderbares West-Berlin«: ab 29.6., Passage Kinos

Nicht einmal abgeschminkt hat sich Stefan (Lucas Gregorowicz), als er in den Zug nach Bochum steigt. Der Schauspieler am Münchener Theater sitzt im Fellkostüm mit Bart und Perücke im Abteil und versucht die Nachricht zu verarbeiten, die ihn kurz zuvor am Telefon ereilte: sein Vater ist gestorben. Stefan will ihn am liebsten schnell unter die Erde bringen. Am Dienstag ist ein Vorsprechen für eine Vorabendsoap und überhaupt hält ihn nichts in Bochum, das er einst verließ, um seinen Traum zu verwirklichen. Doch die alte Heimat und die alten Freunde lassen ihn so schnell nicht gehen. Und dann ist da noch Charlie (Anna Bederke), seine Jugendliebe, die er vor zehn Jahren dort sitzen ließ.
„Sommerfest“ bedeutet nicht nur für Stefan, den Protagonisten von Frank Goosens Roman, eine Rückkehr in den Pott. Auch Hauptdarsteller Lucas Gregorowicz („Lammbock“) eine ganz andere Reunion feierte, ist hier groß geworden, ebenso wie Regisseur Sönke Wortmann. Er legte viel Wert darauf, authentische Darsteller für die schrägen Gestalten in Stefans Umfeld zu finden. „Sommerfest“ bietet vor allem den Kinobesuchern aus dem Ruhrgebiet viel Bekanntes, aber auch allen anderen, die die Heimat hinter sich gelassen haben. Wortmanns Adaption setzt nicht auf klischeehaften Klamauk, sondern pflegt die leisen Töne, versetzt mit einer dicken Schippe Nostalgie.

»Sommerfest«: ab 29.6., Passage Kinos

Im März dieses Jahres präsentierte der Modedesigner Dries Van Noten seine einhundertste Schau in Paris Bercy. Ein guter Zeitpunkt, um den Menschen, der hinter dem Erfolg steht, besser kennenzulernen. Reiner Holzemer, der bisher besonders für seine Dokumentarfilme über Fotografen wie Walker Evans, William Eggleston oder Anton Corbijn bekannt geworden ist, begleitete den Belgier bei den Vorbereitungen zu diesem Event. Er schaut ihm über die Schulter, wenn die Stoffe in einem monatelangen Prozess ausgewählt werden, begleitet die Fertigung der Stickereien in Indien und ist mittendrin hinter der Bühne, wenn der Stresspegel steigt und die Models auf die Bühne geschickt werden. Dazwischen gibt es wenige Momente zum Durchatmen für Dries Van Noten auf seinem feudalen Landsitz mit seinem langjährigen Partner. Bei der Innenausstattung legen die beiden einen ähnlichen Hang zum Perfektionismus an den Tag wie in ihrer gemeinsamen Arbeit. Urlaub ist ein Fremdwort. Undenkbar, eine Kollektion ausfallen zu lassen. Regisseur Holzemer sagte, das Interesse, einen Film über die Modewelt zu drehen, wurde bei ihm 2011 geweckt, als er einen Zeitungsartikel über den britischen Modedesigner John Galliano las, der gerade bei Dior rausgeworfen wurde, nachdem er im betrunkenen Zustand antisemitische Sprüche losgelassen hatte. Diese Geschichte wäre vielleicht kontroverser geworden als ein Porträt des skandalfreien, sympathisch wirkenden Van Noten. Als möglichen Grund nannte Galliano den zunehmenden Erfolgsdruck, dem er ausgesetzt war. Dieser wird auch von Dries Van Noten angesprochen. Er hat sich aber längst arrangiert und so bleibt es nur eine Fußnote in einem unkritischen, exquisit gefilmten Blick hinter die Kulissen der Modewelt im elektronischen Takt der Musik von Colin Greenwood.

»Dries«: ab 29.6., Passage Kinos

Flimmerzeit_JUNI_2017

 

Weitere Filmtermine der Woche

Jorinde und Joringel
Während des Dreißigjährigen Krieges wird der Waisenjunge Joringel von einer Bauernfamilie aufgenommen. Später verliebt sich die Bauerntochter Jorinde in ihn, doch dramatische Ereignisse nehmen ihren Lauf. Märchenfilm der DEFA.
29.6., 19 Uhr, Frauenkultur

La Boum
Der französische Kultfilm der achtziger Jahre mit Sophie Marceau in ihrer ersten Hauptrolle. Die damals Dreizehnjährige erlangte mit »La Boum – Die Fete« internationale Aufmerksamkeit und tanzte sich schmollmündig in die Herzen einer ganzen Generation. Für Viele wird es die erste Gelegenheit sein, den Film nicht auf dem Bildschirm zu Hause, sondern auf der Kinoleinwand genießen zu können.
30.6., 22 Uhr (bei gutem Wetter Open Air), 1.7., 18 Uhr, 2.7., 15 Uhr, Luru-Kino in der Spinnerei

Shorts Attack
200 Jahre Fahrrad – Bike Shorts On Tour – Zehn Filme in 80 Minuten
Kurzfilme mit Rad im Rahmen der Leipziger Umwelttage
30.6., 21 Uhr, UT Connewitz

Wagner – Genie im Exil
Regisseur Andy Sommer begleitet den Photographen Antoine Wagner, Ururenkel Richard Wagners. – Wagner im Film
30.6., 21 Uhr, Passage Kinos

ACT! – Wer bin ich?
Knapp zehn Jahre arbeitete die Theater-Pädagogin und Lehrerin Maike Plath an einer Neuköllner Hauptschule. Weil normaler Unterricht kaum drin war, begann sie mit ihren Schülern, Theaterstücke zu konzipieren und zu spielen. Die sogenannten »Problemjugendlichen« entfalteten auf der Bühne Potentiale und Stärken, die im Klassenzimmer verborgen waren. Regisseur Rosa von Praunheim und sein Team beobachteten 2015/16 mehrere Monate lang, wie Maike Plath und ihre Schüler das Stück »How long is Paradise« entwickelten. Die Protagonistin Maike Plath kommt heute extra zur Vorstellung des Filmes in die Schaubühne.
4.7., 21.30 Uhr, Schaubühne Lindenfels

Kino verbindet
Das Programm der Reihe umfasst reguläre Filmvorführungen, bei denen eine Begegnung, ein Dialog zwischen Geflüchteten und der lokalen Bevölkerung mit Hilfe von Moderatoren und Pädagogen ermöglicht werden soll.
4.7., 19 Uhr, Schaubühne Lindenfels

Ein Haufen Liebe
Die Leipizger Filmemacherin Alina Cyranek begleitete Frauen einer Theatergruppe und ließ sie über ihr Leben und ihre Lieben erzählen. – mit Filmgespräch mit der Regisseurin Alina Cyranek
5.7., 19.30 Uhr, Luru-Kino in der Spinnerei

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