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»Ich habe den Garten freigelegt«

Leipzigs Ex-Oberbürgermeister Hinrich Lehmann-Grube über die wilden Neunziger, seine Nachfolger und die Macht des Amtes

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Am Sonntag ist Leipzigs ehemaliger Oberbürgermeister Hinrich Lehmann-Grube im Alter von 84 Jahren gestorben. Aus diesem Anlass veröffentlichen wir das große Interview, das der kreuzer im Winter 2010 mit ihm führte.

Leipzig, Johanna-Park, ein Mehrfamilienhaus mit Blick auf Bäume und Kirche, im obersten Geschoss die Wohnung von Ex-Oberbürgermeister Hinrich Lehmann-Grube: hohe Decken, viel Holz, viel Licht, viel Platz zum Sitzen, ein Minischreibtisch mit Laptop. Der Hausherr empfängt in Jackett, blauem Hemd und festem Schuhwerk. Sieht eher nach Arbeit als nach Ruhestand aus. Das Haus: hat er gebaut, als er Rentner wurde. Altersruhesitz und Statement zugleich: Ich bleibe hier.

kreuzer: Sie sind vor 20 Jahren von Hannover nach Leipzig umgezogen, haben die DDR-Staatsbürgerschaft angenommen und sind dann Oberbürgermeister geworden. Warum sind Sie damals eigentlich in die Stadt gekommen?

HINRICH LEHMANN-GRUBE: Nach elf Jahren als Oberstadtdirektor in Hannover hatte ich entschieden den Eindruck, dass ich dort nicht mehr gebraucht wurde. Ich wollte nicht wieder für das Amt kandidieren, sondern mich mit Verwaltungswissenschaften befassen und Bücher schreiben. Die Vorgänge des Herbstes 89 haben mich und meine Frau tief bewegt. Ich konnte nicht Zaungast sein bei diesem Vorgang. Dort, in der DDR, wurde ich gebraucht. Im März 1990 fragte mich die neue Sozialdemokratische Partei aus Leipzig, ob ich bei der Kommunalwahl im Mai als ihr Spitzenkandidat einsteigen würde. Die DDR-Staatsbürgerschaft habe ich angenommen, um zu zeigen: Ich komme nicht für ein paar Jahre, sondern mit Haut und Haar. Als ich in Berlin die Staatsbürgerschaft beantragte, wollte man mich noch in eine Art Umerziehungslager schicken. Ich habe die Leute schlicht ausgelacht und bekam dann meinen schönen blauen Reisepass auch ohne Lager.

kreuzer: Anfang der neunziger Jahre, als Sie dann Oberbürgermeister in Leipzig waren, gab es in Leipzig kaum sanierten Wohnraum. Wie haben Sie in der ersten Zeit gewohnt?

LEHMANN-GRUBE: Meine erste Unterkunft war in einem Bauarbeiterhotel in Schönefeld: zwei kleine Zimmer mit Kochnische, unten konnte man Brötchen und Käse kaufen. Das reichte mir. Meine Frau ist im Juli 1990 gekommen. Als es dann nicht mehr schicklich war, dass der neu gewählte Oberbürgermeister in einem Bauarbeiterhotel wohnt, zog ich für drei Wochen in das Gästehaus der Stadt.

kreuzer: In Ihrer Amtszeit wurden die Leipziger Ambitionen – Buchstadt, Bachstadt, Messestadt – erfunden und gepflegt. Warum wollten Sie sich damals nicht mit der Wirklichkeit einer ostdeutschen Großstadt abfinden? Hatten Sie eine Vision?

LEHMANN-GRUBE: Nein, ich hatte keine Vision. Ich habe meine Tätigkeit nicht mit der eines Architekten verglichen, der einen Plan aufstellt, sondern eher mit jener eines Gärtners, welcher einen Garten wieder freilegt, der über Jahrhunderte mit Sorgfalt angelegt worden ist, über den aber viele schwere Winter gegangen sind. Mir kam es darauf an, die alten Identitäten, die im Grunde noch vorhanden waren, wiederzubeleben oder neue hinzuzufügen. Leipzig als Stadt der Großindustrie ging erst mal den Bach runter. Und Buchstadt konnte Leipzig nicht mehr werden, weil wir keinen Einfluss darauf hatten, welche Verlage sich ansiedelten und welche blieben. Aber Medienstadt im Osten Deutschlands als Weiterentwicklung der Buchstadt, das ging.

kreuzer: Sie gelten lagerübergreifend als sehr erfolgreicher, integrer Kommunalpolitiker. Werden Sie heute noch um Rat gefragt?

LEHMANN-GRUBE: Ja. Aber ich halte mich aus der Rathauspolitik heraus. Das fällt manchmal schwer, aber man muss konsequent bleiben. Das hat mein gutes Verhältnis zu meinen Nachfolgern begünstigt. Beide [Wolfgang Tiefensee, Burkhard Jung, Anm. d. Red.] wissen, ich mische mich nicht ein, aber wenn sie einen guten Rat brauchen, können sie anrufen.

kreuzer: Können Sie die Leipziger Kommunalpolitik gelassen betrachten?

LEHMANN-GRUBE: Ich werde mit der Zeit distanzierter. Bei der Bewerbung für Olympia, die Wolfgang Tiefensee losgetreten hat, war ich anfangs sehr skeptisch. Doch er hat mich überzeugt, dass es eine prima Sache war, auch wenn es in der zweiten Runde nicht geklappt hat. Und der Citytunnel wird ungerechterweise Tiefensee zugeschoben, aber eigentlich geht der auf Georg Milbradt und mich zurück. Es gibt ein paar Dinge, bei denen ich sehr engagiert bin. Das Bildermuseum ist mein Baby, und vom Citytunnel bin ich überzeugt.

kreuzer: Sie haben zu Ihrer Pensionierung 1998 gesagt, Ihr Nachfolger Wolfgang Tiefensee könne gerne mal mit seinem Cello zur Hausmusik bei Ihnen vorbeikommen. Gilt das in gleicher Weise auch für Burkhard Jung?

LEHMANN-GRUBE: Das wäre eher schwierig, weil Burkhard Jung Gitarre spielt. Ich musiziere im Streichquartett. Für Streicher und Gitarre gibt es aber keine anständige Literatur.

kreuzer: Ist das metaphorisch zu verstehen?

LEHMANN-GRUBE: Nein. Ich habe ein sehr gutes, freundschaftliches Verhältnis zu Jung. Er ist ein völlig anderer Typ als ich. Tiefensee und Jung sind beide zugänglicher und offener als ich. Das sind die Unterschiede.

kreuzer: Sie haben sich vor der Berufung Michael Fabers zum Kulturbürgermeister im informellen Kreis gegen Faber ausgesprochen. Warum?

LEHMANN-GRUBE: Das ist so nicht richtig. Aber ich war sehr skeptisch, und ich mache keinen Hehl daraus, dass ich es immer noch bin. In meiner Amtszeit war für mich die persönliche Qualifikation eines Kandidaten das Wichtigste. Und bei Faber hatte ich den Eindruck, dass die politische Zugehörigkeit, das Vorschlagsrecht einer Fraktion, die entscheidende Rolle bei seiner Wahl spielte. Er hatte einen schweren Start, nun muss er mal zeigen, was er kann.

kreuzer: Burkhard Jung hat das von Ihnen erfundene »Leipziger Modell« der sachbezogenen, überparteilichen Zusammenarbeit im Stadtrat durch die Praxis des »dreibeinigen Hockers« ersetzt. D.h., er regierte lange nur mit den beiden großen Ratsfraktionen. Hat sich die politische Kultur in Leipzig verändert?

LEHMANN-GRUBE: Ja. Aber die macht ja nicht der OB allein. Ich habe damals die Gunst der Stunde genutzt. Die politischen Gewohnheiten waren noch nicht so eingefahren, und das Parteipolitische hat eine geringe Rolle gespielt. Man spricht heute vom Leipziger Modell wie von der guten alten Zeit. Wir wollen aber nicht vergessen, dass Parteipolitik und Fundamentalopposition von Bundes- und Landespolitik immer vorgespielt werden. Mein Leipziger Modell war entschieden gegen den Trend.

kreuzer: Inwieweit war das Leipziger Modell auch an Ihren persönlichen Politikstil gebunden?

LEHMANN-GRUBE: Das Modell lag mir natürlich. Es entstand aus den Erfahrungen, die ich in Hannover und Köln gemacht hatte. Überall streiten sich die Parteien. Ich wollte hier etwas anderes machen. Um auf den Anfang unseres Gesprächs zurückzukommen: Da hatte ich tatsächlich eine Vision, aber dazu gehörte auch, dass ich mit großen Entscheidungen durch die Fraktionen gezogen bin und versucht habe zu überzeugen.

kreuzer: Damals »Leipziger Modell«, heute Cross-Border-Leasing, riskante Verleihgeschäfte des städtischen Eigentums an Finanzinvestoren: Hätten Sie als Oberbürgermeister Ihre Unterschrift unter diese Spiele mit dem großen Geld gesetzt?

LEHMANN-GRUBE: Cross-Border-Leasing hat schon zu meiner Amtszeit angefangen. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich damals ja dazu gesagt habe, obwohl ich es nicht bis auf den Grund verstanden habe. Alle machten das, und es war abgesichert bis zum Äußersten. Ich habe später ein schlechtes Gewissen deswegen gehabt. Ob ich die Ausweitung des Cross-Border-Leasing so mitgemacht hätte, kann ich nicht sagen. Die Risiken waren damals anders. Das, was jetzt bei den Kommunalen Wasserwerken passiert ist …

kreuzer: … die Spekulationsgeschäfte einer Gruppe um den Wasserwerke-Geschäftsführer Klaus Heininger, die den städtischen Haushalt schlimmstenfalls einen dreistelligen Millionbetrag kosten werden …

LEHMANN-GRUBE: … hat wenig mit Cross-Border-Leasing zu tun. Für diese unbegreifliche Spielersache fehlt mir jegliches Verständnis. Ich bedauere meinen Nachfolger Jung, der jetzt mit dieser, pardon, Scheiße dasitzt.

kreuzer: Viele der Entscheidungen, die Sie damals gefällt haben, prägen die Stadt noch heute. Wenn Sie mit dem heutigen Wissen noch einmal entscheiden könnten, was würden Sie anders machen?

LEHMANN-GRUBE: Ich würde nicht zulassen, dass Karl Trabalski erster Geschäftsführer der Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft wird. Unter seiner abenteuerlichen Geschäftsführung ist die Stadt um einige hundert Millionen ärmer geworden. Ansonsten fällt mir nichts ein.

kreuzer: Leipzig war in den neunziger Jahren eine Spielwiese für Glücksritter. Ihr oberster Stadtplaner Niels Gormsen hat dem kreuzer damals von goldenen Uhren erzählt, die Investoren auf die Rathausschreibtische legten, um ihre Anliegen durchzusetzen. Wie müssen wir uns diese Zeit eigentlich vorstellen, die Jahre des »wilden Ostens«, das Glücksrittertum?

LEHMANN-GRUBE: Einmal saß Ueli Prager, Gründer und damals Chef von Mövenpick, bei mir. Der hat sich für den Messehof am Naschmarkt interessiert. Sein Europavertreter fing an rumzusülzen, er wolle was für die Stadt Leipzig tun. Ich habe ihn dann nach drei Minuten unterbrochen und gesagt: Hören Sie her! Sie wollen in dieser Stadt ordentliches Geld verdienen. Das ist ganz in meinem Sinne. Aber bitte hören Sie auf, so zu tun, als wollten Sie etwas zum Wohle dieser Stadt tun. Da ging ein Leuchten über das Gesicht von Ueli Prager, er fühlte sich verstanden, und von da an verhandelte er selbst. Aber es war natürlich eine abenteuerliche Zeit. Ich habe darauf geachtet, dass in unserem Grundstücks- und Liegenschaftsamt unbestechliche Leute saßen. Und ich kann mich nicht erinnern, dass irgendwann einmal ein Fall von Korruption passiert wäre.

kreuzer: In Ihrer Amtszeit gab es einen Immobilienskandal im Rathaus. Ihre Vertrauten Michael Merkel, Jürgen Wasmann, Michael Weber sollen damals ihre Position für lukrative Immobiliengeschäfte ausgenutzt haben …

LEHMANN-GRUBE: Ich finde es interessant, dass das in Ihrer Wahrnehmung nach über 16 Jahren immer noch einen Skandal darstellt. Sie hätten leicht recherchieren können, dass ich damals einen hochkarätigen, unabhängigen Untersuchungsausschuss eingesetzt habe. Der kam zum Schluss, dass es überhaupt nichts Skandalträchtiges gab. Nur: Ein sächsischer Datenschutzbeauftragter hat mir damals verboten, die Akte zu veröffentlichen. Das Ergebnis habe ich aber dem Stadtrat und der Öffentlichkeit mitgeteilt. Meine Frau ist über zehn Jahre lang mit dem Gerücht belastet gewesen, sie würde mit Immobilien spekulieren. Wer meine Frau kennt, weiß, dass das völliger Quatsch ist. Aber Gerüchte halten sich hartnäckig.

kreuzer: Hat es Sie damals angesteckt, dass plötzlich die bleierne Zeit vorbei war und in Connewitz die Garagenkneipen aufmachten, dieser sprichwörtliche wilde Osten?

LEHMANN-GRUBE: Das war eine Zeit, in der man sehr viel bewegen konnte. Aber ich kann nicht sagen, dass ich von einer Hektik angetrieben wurde. Gelitten habe ich damals unter der Ahnungs- und Konzeptlosigkeit, mit der in Bonn die deutsche Einheit gemanagt wurde. Ich habe unter der Tatsache gelitten, dass die politische Klasse nur die alten politischen Rezepte der 80er Jahre anzuwenden wusste.

kreuzer: Dieser neue Puls in der Stadt hat Sie nicht infiziert? Lag das an dem protestantisch-preußischen Arbeitsethos, das man Ihnen gerne nachsagt?

LEHMANN-GRUBE: Kann sein. Aber das hatte auch mit beruflicher Erfahrung zu tun. Ich war nicht sehr überrascht, dass hier so viel los war. Das war eben einfach so. Leipzig hatte die größte Krandichte in ganz Deutschland und das Image »Da geht was«. Ich habe dafür gesorgt, dass das in die richtigen Kanäle kam, und Niels Gormsen kümmerte sich darum, dass die Innenstadt nicht versaut wurde.

kreuzer: Einer der größten Glücksritter der Nachwendezeit war Jürgen Schneider. Er sanierte mit gefälschten Geschäftsplänen millionenschwere Baudenkmäler in der Innenstadt und ließ die Banken dann mit faulen Krediten sitzen. Gäbe es heute eine Denkmalsinitiative pro Schneider, wären Sie dabei?

LEHMANN-GRUBE: Nein, ich wäre krass dagegen. Schneider war ein Betrüger und Hochstapler, aber (lacht) auf eine sehr liebenswürdige Art. Die Stadt Leipzig und die hier beteiligten Handwerker sind damals mit weniger als einem blauen Auge davongekommen. Es gibt zwei Jürgen Schneider. Der eine ist Legende, er war der große Investor, charmant und hat sich um die Kostbarkeiten in Leipzig gekümmert. Der andere war ein Hochstapler und Betrüger.

kreuzer: In ihre Amtszeit fällt auch die Kampagne »Leipzig kommt!«. Viele später in die Stadt Gezogene haben den Slogan nicht verstanden. Wohin kam Leipzig, und ist es nun endlich da?

LEHMANN-GRUBE: Das kann ich ihnen ganz genau erklären. Das war Stadtmarketing und ähnlich erfolgreich wie in Baden-Württemberg »Wir können alles außer Hochdeutsch« oder, allerdings in einer anderen Dimension, »New York – Big Apple«. Es war meine Idee, dass Leipzig so etwas braucht, aber der stolze Stadtrat hat nach dem Motto »Wir sind wir« zunächst mit Unverständnis reagiert. Da machte mir eine Stadträtin klar, dass dies der Leipziger Größenwahn sei: Von außen fand man Leipzig grau und stinkig, das war Leipzig ja auch, nur die Leipziger merkten das nicht. Ich konnte dem Stadtrat klar machen, dass wir in einer Wettbewerbssituation sind und dass es dabei um Menschen geht, um Wirtschaft, um Ansehen. Eine Münchner Marketingfirma kam dann mit diesem Slogan. Und »Leipzig kommt!«, das war ja auch das Gefühl! Leipzig war im Aufbruch.

kreuzer: Ist Leipzig jetzt angekommen?

LEHMANN-GRUBE: Ja, Leipzig ist angekommen. Aber als gute Sachsen sind die Leipziger nörgelig, nie mit sich zufrieden. Das heißt auch, sie stellen einen hohen Anspruch an sich. Und an dieser Stelle kann man sie packen: Für ihre Stadt sind sie ehrgeizig. Das ist nicht überall so.

kreuzer: 1990 kamen Sie nach Leipzig. Die Stadt: grau, verfallen, schmutzig. 20 Jahre später schreibt die New York Times, Leipzig sei einer der Orte in der Welt, wohin man 2010 fahren muss. Hätten Sie das damals für möglich gehalten?

LEHMANN-GRUBE: Die Frage ist nicht ganz leicht zu beantworten. In Leipzig hatte ich immer das Gefühl, das ist eine großartige Stadt, und die musst du jetzt in die neuen Zeiten führen. Erst haben wir die Messe verlegt, weil ich wusste, wenn sie auf dem alten Gelände bleibt, dann gibt es sie in drei, vier Jahren nicht mehr. Dann kam die Medienstadt, dann wurde erkannt, dass Leipzig eine Stadt der bildenden Kunst sei. Punkt für Punkt hat sich diese generelle Vision konkretisiert.

kreuzer: Leipzig galt lange als Boomtown, aber sie ist auch sächsische Armutshauptstadt und liegt wirtschaftlich hinter Dresden und Chemnitz. Wo sind die Bürger, wo ist die Stadt falsch abgebogen?

LEHMANN-GRUBE: Nicht falsch abgebogen. Es gibt da eine Widersprüchlichkeit. Nach vielen Jahren kommt jetzt zum Ausdruck, wie tief Leipzig schon 1990 gefallen war. Leipzig war mal die viertgrößte Stadt Deutschlands. Es sind aber von den 720.000 Einwohnern, die Leipzig einmal hatte, bis 1990 schon 220.000 abgewandert. Das wird gerne vergessen. Heute ist Leipzig wieder eine wachsende Stadt, Chemnitz nicht. Und mir ist das Wachsen in Leipziger wichtiger als die Wirtschaftsdaten aus Chemnitz.

kreuzer: Sie haben kürzlich ein Buch mit dem Titel »Von der Macht« geschrieben. Wie viel eigene Machterfahrung steckt in Ihrem Buch? Oberbürgermeister stellt man sich nicht als die Mächtigsten vor …

LEHMANN-GRUBE: Doch (lacht), aber in einem begrenzten Territorium. In einer Stadt ist ein Oberbürgermeister eine Kombination aus Bundeskanzler, Bundespräsident und Bundestagspräsident. Einflussmöglichkeit und Macht haben Sie da zur Genüge. In meinem Buch steckt eine Menge Oberbürgermeister, aber es sind nicht die Erinnerungen eines Oberbürgermeisters. Mich hat einfach das Thema Macht interessiert.

kreuzer: Was denken Sie: Was werden die Leipziger in 50 Jahren mit Ihrem Namen in Verbindung bringen?

LEHMANN-GRUBE: Wenn ich bis dahin nicht schon vergessen bin, sollen sie denken: Er hat in einer für die Stadt wichtigen Zeit eine gute Arbeit geleistet.


Biografie

Hinrich Lehmann-Grube wurde 1932 in Königsberg, Ostpreußen, geboren. Gegen Kriegsende mit seiner Familie nach Hamburg geflohen, studierte er dort ab 1951 Jura. 1956 trat er in die SPD ein und ist bis heute in der Partei aktiv. Seit 1957 arbeitete er durchgängig in kommunalpolitischen Ämtern. Von 1979 bis zu seiner Übersiedlung in die DDR im Frühjahr 1990 war er Oberstadtdirektor von Hannover. Im Juni 1990 wurde er zum Leipziger Oberbürgermeister gewählt. In seiner achtjährigen Amtszeit erwarb er sich als erfolgreicher Gestalter des wirtschaftlichen und administrativen Umbaus der Stadt überregional einen Namen, außerdem prägte er das »Leipziger Modell« der fraktionsübergreifenden, sachorientierten Zusammenarbeit im Stadtrat. Nach seiner Pensionierung wirkte er wiederholt als Moderator in verschiedenen Kommissionen. Er lebte in Leipzig und war Ehrenbürger der Stadt.

Am 6.8.2017 starb Hinrich Lehmann-Grube nach langer Krankheit. Er hinterlässt seine Ehefrau Ursula Paproth und vier Kinder.

Das Interview erschien im kreuzer 03/2010.

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