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Geradliniger Demokrat

Leipziger Bundestagskandidaten im Porträt: Friedrich Vosberg, FDP, Wahlkreis Süd

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Am 24. September ist Bundestagswahl. Bis dahin stellen wir hier die wichtigsten Bundestagskandidaten aus den beiden Leipziger Wahlkreisen vor. Heute: Friedrich Vosberg. Mit ihm schickt die FDP Leipzig-Süd einen wahrlich Liberalen Richtung Bundestag

Was Friedrich Vosberg in den sozialen Medien schreibt, lässt einen stutzig werden. Er finde die »Trumperei« zunehmend gut, ist dort zu lesen. Ist der FDP-Bundestagskandidat für den Wahlkreis Leipzig-Süd ein Fan von Donald Trump und bewertet dessen Präsidentschaft als progressiv? »Nein, ich glaube nicht, dass man das sagen kann«, erklärt er. Trump sei ein sehr konservativer, eigentlich apolitischer Mensch. Mehr Unternehmer als Politiker. Worum es Vosberg eigentlich geht: »Trump bewirkt, dass über rituell gewordene Politikmechanismen plötzlich nachgedacht werden muss.« Die Handlungen des US-Präsidenten sollten »uns wachmachen, in was für einem fragilen politischen System wir leben und wie unglaublich schnell so ein starker Mann seine Rolle ausnutzen kann«. Ganz unabhängig davon, wie man das bewerte.

Ihn in eine Reihe mit Trumpfans zu stellen, würde dem FDP-Politiker nicht gerecht werden. Denn Friedrich Vosberg ist ein freundlicher Mensch. Adrett gekleidet in Hemd und Weste empfängt er Gäste im Konferenzraum mit Blick über die Innenstadt im vierten Stock einer Anwaltskanzlei im Leipziger Zentrum. Von den Stühlen bis zu den kleinen Wasserflaschen in der Mitte des Tisches ist in der Kanzlei, in der Vosberg als Fachanwalt für Erbrecht, Versicherungsrecht und Insolvenzrecht tätig ist, alles perfekt arrangiert – man könnte schon fast sagen: spießig.

Auch der Werdegang des FDP-Politikers liest sich wie ein perfekter bürgerlicher Lebenslauf: Er studierte Rechtswissenschaften an der Universität Leipzig und absolvierte als Semesterbester ein verwaltungswissenschaftliches Ergänzungsstudium. Zudem hat er einen Diplomabschluss als Orchestermusiker im Fach Violoncello. Nach langjähriger Tätigkeit als selbstständiger Anwalt ist er seit Januar 2015 bei der Aderhold Rechtsanwaltsgesellschaft tätig, einer Wirtschaftskanzlei, die mehrere Standorte in Deutschland hat. Außerdem ist der gläubige Vosberg Mitglied in mehreren kirchlichen Gremien. Politische Erfahrung hat er kaum, seit Mai ist Vosberg Kreisverbandsvorsitzender in Leipzig.

Warum er trotz Vollzeitjob, Familie und kirchlichem Ehrenamt nun noch als Kandidat für den Bundestag antritt? »Die Liberalen werden gebraucht«, ist Vosberg überzeugt. Und das, obwohl die FDP in allen Bundesländern in den letzten Jahren massiv an Wählerstimmen verlor und bei der letzten Wahl sogar aus dem Bundestag flog. Doch Vosberg zeigt sich angesichts der Prognosen zuversichtlich. »Die Unterscheidbarkeit zwischen SPD und CDU ist immer unklarer. Da muss es noch was anderes geben«, sagt er. Dieses andere sieht er in der FDP.

Um den Wählern die liberale Politik wieder näherzubringen, konzentriert der Rechtsanwalt sich im Wahlkampf vor allem auf drei Themen: Sozialwirtschaftspolitik, Unternehmerpolitik, Medienpolitik. Er will »verlässliche Rahmenbedingungen« für Ehrenämter und den Mittelstand schaffen und stellt die Sinnhaftigkeit öffentlich-rechtlicher Medien in Frage. Statt sich an den Kämpfen um die großen Fragen wie Flüchtlingspolitik, Rente oder Mindestlohn zu beteiligen, fokussiert Vosberg damit Themen, die sonst nur wenige im Blick haben. Vor allem geht es ihm dabei darum, »die staatliche Rahmenordnung so zu verbessern, dass sie berechenbarer und zuverlässiger ist«, sagt er. Zum Beispiel in puncto Einwanderung, die Vosberg ganz pragmatisch bewertet. »Für mich ist das keine Flüchtlingskrise, sondern hier kommen Menschen an. Und wir müssen uns überlegen: Wollen wir, dass diese Menschen ankommen und integrieren?« Aus seiner Sicht brauche es daher ein grundlegendes Umdenken im Einwanderungsrecht. Das größte demokratische Problem sieht er darin, dass Einwanderer kein Mitbestimmungsrecht in der Gesetzgebung haben. »Wer sich in diesem Land aufhält, muss Möglichkeiten haben, mitzubestimmen.« Ob Integration, Unterstützung sozial Schwacher oder Inklusion: Minderheitenpolitik ist ein Thema, das Vosberg immer wieder glaubwürdig als ihm wichtige Angelegenheit betont.

Auch sonst gibt sich der Politiker radikaldemokratisch. Mit völliger Selbstverständlichkeit erklärt er, dass die FDP als Rechtsstaatspartei eben auch die Aufgabe habe, Politik auch für diejenigen zu machen, die sie nicht gewählt haben. »Ich kann bis aufs Blut die Meinung eines anderen bekämpfen, weil ich sie nicht teile. Aber dafür, dass er sie haben kann, stehe ich als Liberaler.« Auch in puncto AfD weicht er von dieser Ansicht nicht ab, denn wer gewählt sei, habe nun einmal ein Mandat. Über eine Koalition mit der Partei denke er jedoch nicht ernsthaft nach, denn, so Vosberg: »Die Frage wird sich nirgends stellen.« Es gehe schließlich nicht um links oder rechts, sondern um Inhalte. Eine deutliche Absage an die Rechtspopulisten bringt der Politiker gleichsam jedoch nicht über die Lippen.

Skandale gibt es um den Rechtsanwalt bislang keine, auch sonst sind er und seine Politik nicht gerade Stadtgespräch. Trotz geringer Bekanntheit und Nischenthemen zeigt er sich zuversichtlich, dass er der Richtige für die Kandidatur ist. »Weil ich Erfahrung aus unglaublich verschiedenen Blickwinkeln mitbringe«, wie er selbst sagt. Nichtsdestotrotz fehlt eine gewisse politische Schärfe bei Vosberg. Er provoziert nicht, bleibt der liberalen Linie treu und geht mit Themen in den Wahlkampf, die wenig Potenzial für eine hitzige Debatte bieten. Man kann das langweilig nennen – oder aber geradlinig. Dem Namen seiner Partei wird Vosberg immerhin vollends gerecht – denn die zwei Adjektive, die seinen Politikstil wohl am meisten beschreiben, sind in der Tat: liberal und demokratisch.

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