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»Gefangennahme als Auszeichnung«

Asli Erdoğan und Deniz Yücel erhalten Medienpreis in Leipzig

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Die türkische Journalistin Asli Erdoğan und der deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel sind am Freitag in Leipzig mit dem Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien ausgezeichnet wurden. Asli Erdoğan konnte den Preis persönlich entgegen nehmen. Deniz Yücel nicht. Er sitzt seit 235 Tagen ohne Anklage im Gefängnis.

Durch seine Schwester Ilkay ließ Deniz Yücel Seine ausrichten: »Ganz gleich, wie lange sich das hier noch hinzieht, und ganz gleich, welche Phantasieerzeugnisse die Staatsanwaltschaft irgendwann in etwas niederschreiben wird, das sie sich ‚Anklageschrift‘ zu nennen trauen wird – ich weiß, warum ich hier bin: Nicht nur, weil ich meinen Beruf als Journalist ausgeübt habe. Sondern, weil ich meine, mir einbilden zu können, dass ich meine Sache recht ordentlich gemacht habe.« Er sehe seine »Gefangennahme als Auszeichnung, wenngleich als eine, auf die ich lieber verzichtet hätte. « Der Leipziger Preis sei ihm im Gefängnis ein wichtiges Symbol gewesen: »Natürlich danke ich Ihnen herzlich dafür, dass Sie Ihren Beitrag dazu leisten, dass ich nicht in dieser Symphonie aus Stahl, Beton und Draht vergessen werde.«

Auch Asli Erdoğan dankte für die Aufmerksamkeit: »Im Gefängnis habe ich durch die Unterstützung aus Europa meine Kraft erhalten. « Auf die politische Situation in der Türkei angesprochen, erklärte sie während der Pressekonferenz zur Preisverleihung: »Ich habe aufgehört, hinter dem Verhalten des türkischen Staates eine Logik zu suchen.« Europa müsse es der Türkei unmöglich machen so zu tun, als wäre es ein demokratisches Land: »Meine Erwartung an Europa ist, dass es die Werte, die hier entwickelt wurden – Demokratie, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit – gegen alle Repressionen und auch für sich selbst verteidigt«, sagte Erdoğan.

Der Preis, der von der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig vergeben wird und mit 30.000 Euro dotiert, sei ein Instrument zum Schutz von unabhängigen Journalisten, erklärte Oberbürgermeister Burkhard Jung: »Wir wollen den Skandal wachhalten, dass ein deutsch-türkischer Journalist schon beinahe ein Jahr in Einzelhaft sitzt, schlicht, weil er seine Arbeit getan hat.«

Deniz Yücel hatte sich im Februar 2017 freiwillig in Polizeigewahrsam gegeben,, nachdem er zur Fahndung ausgeschrieben war. Im März 2017 ordnete ein Richter Untersuchungshaft an, in der er weiterhin festgehalten wird. Yücel wird unter anderem Terrorpropaganda vorgeworfen, weil er ein Interview mit dem PKK-Anführer Cemil Bayik geführt hatte. Seine strafrechtliche Verfolgung gilt als politisch motiviert.

Asli Erdoğan verfasste Kolumnen zwischen 1998 und 2001 für die linksliberale türkische Tageszeitung »Radikal« und berichtete über die Bedingungen in türkischen Gefängnissen, über Gewalt gegen Frauen und staatliche Repressionen gegen Kurden. Zuletzt arbeitete sie für die türkisch-kurdische Zeitung »Özgür Gündem«. Am 16. August 2016 wurde Asli Erdoğan im Rahmen einer Verhaftungswelle bei »Özgür Gündem« festgenommen, nachdem die Staatsanwaltschaft die Schließung der Zeitung angeordnet hatte. Erdoğan wird »Propaganda für eine illegale Organisation«, »Mitgliedschaft in einer illegalen Organisation« sowie »Volksverhetzung« vorgeworfen. Am ersten Prozesstag im Dezember 2016 ordnete der Richter ihre Entlassung aus der Untersuchungshaft an, der Prozess wurde fortgesetzt. Eine Ausreisesperre wurde erst vor wenigen Tagen aufgehoben.

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